Von der Rettbarkeit der Welt

von Sabine Leucht

München, 31. Januar 2009. Der Raum ist leer. Von der Decke hängen massenhaft Lichter wie große, schillernde Seifenblasen, die auf eine glatte Wasserfläche treffen. Und man selbst staunt von unten zu ihnen hinauf – als sei man nur kurz untergetaucht, ganz abgesoffen oder sehr weit weg unter Glas. Vom "Ende jeder Hoffnung" von dem später die Rede sein wird, ist noch nichts zu ahnen. Und die Rede von diesem Ende ist ja auch nur dazu da, um all den hellen, freundlichen Morgen mit Rooibostee-Frühstücken ihren süßlich riechenden Heile-Welt-Lack abzukratzen.

Beides muss es eben geben im Gedankenuniversum des Peter Licht, damit der kritische Zeitgenosse mit sich ins Reine kommt und sehenden Auges das Leben und Lieben genießen kann: Dennoch oder gerade deshalb.

Menschenfreundlich, sehnsuchtsbejahend

Gut möglich, dass das, was nun für wenige Tage im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele zu erleben ist, gar kein richtig vollwertiger Theaterabend ist, sondern nur das Zusammentreffen eines geschickt arrangierten Raumes mit recht vielen Schauspielern, die sich selbst, eine Unmenge von Möbelstücken und nicht zuletzt auch die Zuschauer herumschieben, Lieder von PeterLicht singen und lustig mit seinen Worten jonglieren. Jedenfalls muss man PeterLicht nicht doof finden um zu erkennen, dass "Räume räumen" nicht die Theaterästhetik revolutionieren wird.

Man muss aber auch nicht zum Heer seiner Fans gehören, um sich von dieser prallen Petitesse überzeugen zu lassen. Denn der kurze Abend, der heißt wie das Lied, mit dem er endet, macht einfach Spaß. Der Raum mag im Verlauf der knapp achtzig Minuten immer enger, die immer schneller herbeigeschleppten Möbel mögen immer gewichtiger werden, die Stimmung bleibt stets leicht, menschenfreundlich und sehnsuchtsbejahend. Auch wenn in der zwischen den Liedern hindurch vagabundierenden Geschichte "Vergeltungsschläge" gewaltige Löcher in ganze Häuser schlagen.

Exakt gescheitelte Extase

Einst war der Boden einer der betroffenen Wohnungen aus "einem guten Beton, mit dem man Pferde stehlen konnte". Nun sieht er aus, "als würde man mit Gewalt ein Pferd auf links drehen." Bildhafte, auch schräge Pointen, unter mindestens doppeltem Boden blühen versteckte Wahrheiten und kafkaeske Auswegslosigkeit. Motive kehren verfremdet wieder, wie der "Schüttelzwang" eines Gebäudes, dem zuvor ein Teil des Ensembles bereits körperlich erlegen war.

Im Zentrum aber steht die Musik der medienscheuen Kunstfigur mit dem zusammengeschriebenen Namen aus Köln, die seit 2001 nicht mehr wegzudenken ist vom Sonnendeck der Popkultur, ob er nun mit bürgerlichem Namen Meinrad Jungblut oder gar S. E. Struck heißen mag, der dubioserweise als Co-Regisseur des Abends firmiert. Unterstützt von Streichern und Klavier geben 14 Schauspielerstimmen Liedern wie "Es gibt einen graden Weg" oder "Alles was du siehst gehört dir" eine ganz neue Dynamik, die teilweise fast etwas Exstatisches hat.

Exakt gescheitelt, die Frauen mit asymmetrischen Haarknoten, die Männer mit umgeschnallten Kapitalismusbäuchen unter Lambswoolpullis in Blau-Petrol-Grüntönen, sind sie sacht individualisierte Bestandteile der Masse Mensch – jenes Kollektivs, an das der Sänger vom "Ende des Kapitalismus" noch totaler glaubt als an die Subjektivität.

Hinter der Wohlstandsfassade

Deshalb vielleicht nennt er das Programm, mit dem er derzeit auch andere Räume der Kammerspiele bestückt, sein "Festival vom unsichtbaren Menschen". Weil dessen Arbeitskraft sichtbarer ist als seine individuelle Seele, sein quantifizierbares Bei-Kasse-Sein sichtbarer als sein Gefühlskonto.

"Es geht mir gut" – diesen Satz hört man immer wieder auf allen Wegen über den weichen Teppich unter dem bald ebenso weichen, bald schmerzhaft grellen Seifenblasenlichtermeer. Dem folgt zu Beginn und am Ende ein Text über die nicht nur finanziellen Abgründe hinter der ganz okayen Wohlstandsfassade, wenn man sich geldmäßig "am oberen Rand von unten mit der leichten Tendenz zu mittel" bewegt.

Doch weil PeterLicht als Romantiker mit großem Herzen doch letztlich an die Rettbarkeit der Welt glaubt, steigen die Schauspieler am Ende über Kommoden und Schränke ganz weit hinauf, verschwinden hinter der Glühbirnenwand in die Unsichtbarkeit – hoffnungsvoll "In weiter Ferne lauter Licht" schmetternd.

Und noch auf dem langen Weg nach unten in den nächtlichen Alltag sieht man viele leuchtende Gesichter.

 

Räume räumen
von PeterLicht
Regie: PeterLicht, S. E. Struck, Bühne: Dominic Huber, blendwerk, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Peter Licht, Musikalische Leitung: Peter Pichler, Dramaturgie: Björn Bicker.
Mit: Markus Boniberger, René Dumont, Caroline Ebner, Benjamin Holtschke, Benjamin Kempf, Sophie Köster, Franziska Machens, Oliver Mallison, Sarah Sophie Meyer, Andreas Albert Müller, Lenja Schultze, Olivia Cilgia Stutz, Tobias Schormann, Nora Wahls.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Unter dem "Sternenhimmel aus Glühbirnen" im "stuhlbefreiten Theatersaal" bleibe dessen Inszenierung "Räume räumen" "seltsam hilflos", schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (2.2.2009). Es werde "sanft gemarthalert". Und "um das Ganze nicht allzu unverbunden dastehen zu lassen, müssen Vorleser und Sänger den halben Abend Möbel rücken. Bei aller Vorsicht: ein wenig Mehrwert muss nicht schlecht sein". Hier werde nun deutlich, dass Peter Licht "die Oberflächenspannung seiner Themen" (Kapitalismus, Freiheit, Individuum/Kollektiv) "nur punktuell durch seinen Wortwitz durchbrechen kann". Seine Bilder blieben "meist ohne Tiefenschärfe" und die von ihm produzierte "eingängige Pop-Musik, seine geschickt taktierende Pop-Literatur und sein kuscheliges Pop-Theater" besäßen durch ihr "humorvoll-anregendes Potential die therapeutische Kraft, das Publikum in seiner ureigensten Hilflosigkeit in diesen (un-?)kritischen Zeiten abzuholen".

"Also, okay, sagen wir, es war ein super schöner Abend", beginnt Alex Rühle seinen anfangs mimetisch dem relativierenden Licht-Gestus nachempfundenen Text in der Süddeutschen Zeitung (2.2.2009). Es käme "wenig Neues" dazu, "zum Text, den's ja schon als Buch gibt, und zu den Liedern, die's ja schon als CD gibt", so dass "irgendwann so eine leichte Enttäuschung" einsetze, es wohl doch eher "mau", also "eher unokay wäre, aber glücklicherweise gab es die tolle Idee vom vollgerümpelten Raum" und mit der "Kombi aus Liedern und Text auch einen ganz interessanten Remix, so dass man als Ergebnis festhalten kann: two thumbs up, netter Abend".

Christine Diller vom Münchner Merkur (2.1.2009) findet, dass PeterLicht Untergang und Zerfall "so schön, zärtlich und friedvoll" besingen könne, "dass man sich in die Vergänglichkeit fast verlieben muss". Der Abend sei eine "Hymne an das Verschwinden", "ein möbliertes Konzert, ein gesungener Umzug, ein musikalischer Räumungsverkauf alter Wahrheiten und neuer Erkenntnisse gleich dazu". Wenn sich das Mobiliar schließlich zu einem "Turm wie zu Babel" türmt und die Darsteller "aus dem Gerümpel entschwinden", sei es, "als ob die materiellen Dinge sie und ihre flüchtigen Träume und brüchigen Wahrheiten verdrängt hätten". Fazit: "Ein Abend voll Poesie und Rätseln, eigentlich zu schön und harmonisch für diese Welt, die er beschreiben will. (...) PeterLichts Musik klingt besser, bissiger, böser, wenn er selbst singt."

Johanna Schmeller
war vor allem auf das Gesicht von PeterLicht gespannt, das der Künstler bislang allen Kameras vorenthalten hat. Aber wie er denn nun aussieht, der PeterLicht, erfährt man auch in diesem taz-Text (3.2.2009) über das noch bis 8. März dauernde "Festival vom unsichtbaren Menschen", in dessen Rahmen "Räume räumen" stattfand, leider nicht. Über den Abend selbst aber heißt es: "Überall wird gesungen, rezitiert, schließlich gemeinsam der Gipfel eines zusammengeshoppten Möbelberges erklommen: Überfluss als Fluchtmöglichkeit. 1.400 klimaschädliche Glühbirnen baumeln kühn von der Decke. Ständig steht der Zuschauer im Weg, muss ausweichen, nach neuen Sichtschneisen suchen, Gefühle zuordnen: Gänsehaut bei Lichts Liedern, vielstimmig vorgetragen zu Klavier, Cembalo, Cello und Xylofon." Am Ende verbeugt sich PeterLicht und "lächelt hell übers heimliche Gesicht. Kapitalismuskritik kann ja so schamlos harmlos aussehen."

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