Der Eine, der Andere, der Nebel

von Felizitas Ammann

Zürich, 22. Februar 2009. Es ist ein leiser Abschied von Zürich. Der künstlerische Direktor des Schauspielhauses, der im Sommer ans Wiener Burgtheater wechselt, präsentiert seine letzte Regiearbeit am Sonntagabend in der kleinen Halle des Schiffbaus. Gewählt hat Matthias Hartmann dafür ein Abschiedsstück: die deutschsprachige Erstaufführung von Jon Fosses "Ich bin der Wind".

Zwei Männer auf einem Schiff. Gemeinsam segeln sie, legen in einer Bucht an, essen und trinken und fahren schließlich aufs offene Meer hinaus. Da ist "Der Eine", der das Leben nicht erträgt, der Sehnsucht hat nach dem Tod und gleichzeitig Angst davor. Und der beim Versuch, sich zu erklären, sofort an die Grenzen der Sprache stößt. Er sucht nach Bildern, um seinen Zustand zu beschreiben – und findet doch "nur Wörter".

Ein Gespräch in den Wellen
Und da ist "Der Andere", der es trotzdem und immer wieder versucht, der dem Unsagbaren mit Worten und Argumenten beizukommen versucht. Der verstehen will, nachfragt, und in seiner Hilflosigkeit auch einfach mal drauflos plaudert. So kommt dieses Gespräch, das ein Abschied ist, paradoxerweise als Annäherung zwischen den beiden Männern daher. Aber eigentlich ist es überhaupt keine lineare Geschichte. Eher eine Situation, eine Landschaft, ein schwebender Zustand zwischen Leben und Tod. Oder – wie Matthias Hartmann es nannte – eine "theatrale Meditation". In welchem Moment der Eine dann wirklich in den Wellen umkommt, ist nicht klar.

Fosses starker Text ist gleichzeitig beiläufig und vielschichtig. Das Gespräch kippt beständig zwischen Alltagskommunikation und dem Entgleiten der Sprache. Ein Satz beginnt, bricht abrupt ab. Einzelne Wörter werden ausgestoßen, dazwischen Pausen, Wiederholungen, Abbrüche. Handlung gibt es kaum. Dafür eine eindringliche Dichte in der Sprache, in den Gedanken.

Seedrama mit Tellerklirren
Das Bühnenbild spiegelt diese diffuse, zeitentrückte Situation: Der Boden ist den ganzen Abend unter waberndem Nebel verborgen. Ein feiner Nebel füllt die ganze Halle, die Akteure sind im Scheinwerferlicht häufig nur schemenhaft zu erkennen. An zwei Längsseiten sitzt das Publikum, in der Mitte auf etwa einem Meter Höhe eine Stahlplatte in der Form eines Schiffes. Darauf stehen die beiden Männer und spähen in den Nebel hinaus.

Auch die Regie nimmt Bezug auf den Zwischenzustand zwischen Leben und Tod, Realität und Vorstellung. Fosses hochartifizieller, musikalischer Text wird recht nüchtern gesprochen, und die Fosse-typischen Pausen werden eher ignoriert als betont. Das klappt über weite Strecken ganz gut, nimmt dem Text aber auch einiges von seiner Kraft. Im Spiel kippt die Darstellung ständig: Da wird mit Seilen und Anker hantiert, anderes nur knapp angedeutet. Wenn Sturm aufkommt, klirren die Teller und wankt das Schiff wie in einem realistischen Seedrama, und dann steht einer plötzlich mitten im Raum und schert sich überhaupt nicht darum, dass das nun das Meer sein soll. Wird Schnaps eingegossen, dann nur pantomimisch – dafür kommt das Geräusch dazu vom Band.

Wohlbekannte Gäste
Dieses Hin und Her verschiedener Erzählstile vermag nicht recht zu gefallen. Während die gleichförmige Nebelstimmung durchaus suggestive Kraft entfaltet, stößt einen die Regie immer wieder vor den Kopf. An den beiden Darstellern kann's nicht liegen. Hartmann setzt wieder einmal – obwohl er in Zürich ein hervorragendes Ensemble hat – auf Gäste, diesmal auf zwei, die man in Zürich bestens kennt: Sebastian Rudolph verkörpert fein den Einen, der sich erklären will und noch ein bisschen kämpft mit der Sprache, aber eigentlich die ganze Zeit schon abwesend ist. Tilo Nest berührt als der Andere, der unermüdlich fragt und Mut macht und hilflos gute Laune verbreitet. Und der am Schluss alleine dasteht und akzeptieren muss, dass "es passiert ist" – und dass er nie eine Erklärung dafür bekommen wird.

 

Ich bin der Wind (DEA)
von Jon Fosse
Deutsch von Hinrich  Schmidt-Henkel
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Su Bühler, Licht: Peter Bandl.
Mit: Tilo Nest, Sebastian Rudolph.

www.schauspielhaus.ch

 

Zuletzt inszenierte Matthias Hartmann in Zürich Thomas Bernhards Immanuel Kant, Justine del Cortes Sex und Molières Tartuffe.

 

Kritikenrundschau

Fosse fahre in seinem Stück weit aufs Meer der schwankenden Wörter und unzulänglichen Bilder hinaus, bis sie nicht mehr tragen, schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.2.2009). "'Ich bin der Wind' ist ein lebensmüdes Untergeher-Stück mit weithin hallendem Bedeutungsraum." Es spiele "in einem gedachten, imaginierten Segelboot", und auch die Nicht-Handlung solle nur gedacht und nicht ausgeführt werden: eine schwere Vorgabe und ein gefundenes Fressen für Hartmanns dritte Fosse-Inszenierung und seine letzte Regiearbeit am Schauspielhaus überhaupt. "Es ist sein Vermächtnis geworden", so Halter. Hartmann habe in Zürich selbst eine Schrumpfkur durchgemacht, "vom kulinarisch-kunstgewerblichen Regisseur zum spröden Minimalisten, der mit vollen Segeln vorwärts zurück zu den Wurzeln des Theaters segelt: Herstellen imaginärer Wirklichkeit durch Reduktion der Mittel, Zauberei mit klarem, konzentriertem Verstand." Das Boot ist in der Schiffbau-Spielstätte eine metallene Raute im Dunst, ein Geisterschiff auf dem Trockendock reiner Vorstellungskraft. Das Meer habe keine Balken, nur im Zwielicht treibende Steine, Positionslichter und ein in Kopfhöhe gespanntes, leuchtendes Tau mit einem geheimnisvoll wandernden Knoten. Fazit: "Das ist nicht viel, aber magisch, berührend, manchmal auch von leiser Komik."

"Ich bin der Wind" ist für Fosse-Verhältnisse ein echter Action-Blockbuster, und als solchen hat ihn Hartmann auch inszeniert, schreibt Matthias Heine in der Welt (24.2.2009). Karl-Ernst Hermann baute ein Bühnenbild, das mit technischen Tricks und Spezialeffekten protzt. Das Boot, mit dem zwei Männer zu einem harmlos erscheinenden Ausflug in die norwegische Inselwelt starten, "schwankt dank ausgeklügelter Hydraulik wie bei echtem Seegang. Es wird umkreist von künstlichen Felsen und Lichtern, die sich wie von Zauberhand bewegen." Empfindsamere Gemüter könnten seekrank werden, so Heine. "Man merkt wieder, dass Matthias Hartmann als Regisseur immer ganz in seinem Element ist, wenn er mit der Bühnentechnik spielen kann." Einige seiner schönsten Inszenierungen wie "1979" und "pool (no water)" lebten vor allem vom innovativen Einsatz der Technik. "Bis sich beim hochschäumenden Finale die Nordsee als Mordsee entpuppe, "gibt es auch leisere leisere maritime Momente." Trotzdem bleibe der Abend aber eine geradezu bescheidene Abschiedsvorstellung.

Mit Tilo Nest und Sebastian Rudolph stehen Hartmann zwei ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung, "aber man muss zuallererst von der Bühne, ach was: von der Rauminstallation sprechen, die Karl-Ernst Herrmann entworfen hat", findet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (24.2.2009) So schön und passend es ist, dass hier alles im Nebel spielt und nur unklar wahrgenommen werden kann "- man sieht auch ständig die Machart. Und vermisst in dieser düsteren Sonnenfinsternis-Atmosphäre auch ein bisschen die Weite, den Himmel, das Meer". So komme es, dass die inszenatorisch-technisch aufgetakelte Aufführung letzten Endes seelenlos bleibe. Fazit: Jon Fosse ist bei Hartmann in versierten, aber kalten Händen, "die Aufführung ist zwar durchlässig wie der Nebel, aber sie hat ein Herz aus Stein."

Karl-Ernst Herrmanns Installation sorgt für das Schauvergnügen, das Fosses reduktionistische Spielanlage sonst verweigert, lobt auch Tobias Hoffmann in der Neuen Zürcher Zeitung (24.2.2009). "Dem hochartifiziellen Bühnenbild setzt Hartmann zwei Darsteller entgegen, die einen ganz natürlichen Tonfall pflegen, ihre Rollen aber in eine gegensätzliche Konstellation ausdifferenzieren: Lehrer und Schüler, Herr und Knecht, Gastgeber und Gast – und schliesslich, auf erkenntnistheoretischer Ebene: Agnostiker und Gnostiker." Matthias Hartmann habe die Herausforderung angenommen, das Seemännische und die Bezüge zum Elementaren der Natur (Wasser, Wind, Steine) zu weiten Teilen zu abstrahieren – "selbst wenn 'der Eine' einen realen Anker einzieht (dafür aber mit 'dem Anderen' einen Schnaps aus Luft zur Brust nimmt)." "Was in der Inszenierung am intensivsten erlebbar wird, ist ein Schwebezustand, der jede mimische und sprachliche Bewegung aufhebt." Hartmann verstehe es zweifellos, Fosses Stücke mit einem edlen Gewand sinnlich zu machen. "Die nächste Herausforderung für ihn könnte sein, ein Stück von Fosse einzig aus der Sprache heraus umzusetzen."

Roger Cahn, der für Fazit auf Deutschlandradio (22.2.2009) die Aufführung besucht hat, sah eine "sehr gelungene Inszenierung". Das Stück sei mehr eine "Meditation", ein Frage- und Antwortspiel. Es gehe um das Scheitern der Sprache. Eine Figur versuche eine andere vom Selbstmord abzuhalten, mit Worten, was misslinge. Der Raum in Zürich sei "neblig", ernnere wohl an die norwegische Küste. Die Figuren seien nicht klar zu erkennen, man höre sie nur sprechen, auch das nicht immer klar. Gleichwohl spielten die beiden Schauspieler "hervorragend". Sie spielten "das Scheitern und das ist faszinierend", wenigstens für die Dauer von 75 Minuten. Die Sprache von Fosse fasziniere durch "Schönheit, Rhythmus und Musikalität".

 

 

 

 
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