Vorsicht, Stufen!

von Matthias Weigel

Schwäbisch Hall, 13. Juni 2009. Wer Großstadt-Hochkultur gewöhnt ist, neigt meist dazu, das Theater der Provinz vorschnell abzutun. Wenn einen mal kein opulentes Bühnenbild anspringt und nicht mindestens zwei Stars der Schauspiel-Szene auf den Brettern stehen, ist die Gefahr einer impulsiven Pauschal-Enttäuschung groß.

 

 

Dabei verfügen die Produktionen kleiner Häuser in kleinen Städten (um den politisch unkorrekten Begriff der Provinz zurückzunehmen) nun mal über wesentlich schmalere Budgets, und wer es sich als Schauspieler aussuchen kann, geht wahrscheinlich nicht vorzugsweise ausgerechnet nach Schwäbisch Hall. Dazu ist man noch mehr auf hohe Zuschauerzahlen angewiesen, weshalb sich ländliche Theater häufig ins "sichere" Feld des Unterhaltungstheaters flüchten. Vielleicht nimmt das Theater hier aber auch einfach eine andere Funktion ein – die Leistung wäre somit umso schwerer zu beurteilen.

Humorlos artikulationsfixiert

Unterhaltend war Schillers bürgerliches Trauerspiel "Kabale und Liebe", das in Schwäbisch Hall vor der St. Michaelskirche Premiere hatte, allerdings nicht. Es war die Eröffnung der diesjährigen Freilichtspiele in der Württembergischen … äh … Großen Kreisstadt, denen als stimmungsvoll-kuriose Spielstätte eine riesige Kirchentreppe mitten auf dem eigens dafür abgesperrten Marktplatz dient. Diese Stufen-Bühne bringt allerdings die naheliegende Schwierigkeit mit sich, dass für die Schauspieler jede größere Bewegung in einem kleinen Balance-Akt endet. Deshalb: lieber öfter stehen bleiben und zwei Stunden lang Schillers äußert komplizierten Text proklamieren. Wenn das so humorlos artikulationsfixiert geschieht wie hier, ist es mit der leichten Unterhaltung dahin.

Was war das Drama um Intrigen (Kabale) und große Gefühle in der Inszenierung von Donald Berkenhoff aber dann? Den Kostümen von Ursina Zürcher nach zu urteilen, wäre es eher in Richtung Historienspiel einzuordnen. Dem wild gestikulierenden Schauspielstil allen voran Martin Maeckers (Ferdinand) nach ebenso (wenn nicht Gehörlosentheater oder Fluglotsen-Spiel). Eine historisch "korrekte" Aufführung verhinderte jedoch die abstrakte Ausstattung der Treppe unter anderem mit aufgestellten, verrosteten Fußabtreter-Rosten (Bühne: Katrin Busching) sowie – da wollen wir schließlich genau sein – die zeitgenössisch-moderne Brille eines Statisten.

Die Angst vor dem Treppensturz

Vielleicht hilft aber das Stichwort "Waldhaus" weiter. Christoph Marthalers Inszenierung im schweizerischen Hotel "Waldhaus" wurde aufgrund ihrer Ortsgebundenheit trotz Einladung nicht beim Berliner Theatertreffen gezeigt. Inszenierungen für oder "auf" einen speziellen Ort sind derzeit in Mode. Ist die Schwäbisch Haller "Kabale und Liebe" also vielleicht treppengebunden?

Auch hier die Antwort: Nein. Im Gegenteil, wenn sich die Schauspieler bewegen, versuchen sie meist, die Treppe "wegzuspielen", was darin endet, dass der Zuschauer einen versehentlichen Sturz der Akteure mehr fürchtet als die Konsequenz der bösartigen Pläne des Präsidenten von Walter, der mit aller Macht die Liebe seines adeligen Sohnes Ferdinand zur bürgerlichen Musiker-Tochter Luise unterdrücken will. So gewinnt die Aufführung nicht durch eine tiefere Einbeziehung des (ästhetisch sehr interessanten) Raumes, sondern verliert durch seine Opposition. Man beschränkt sich lieber auf die obligatorischen Freilufttheater-Fackeln, oder man lässt Wasser (sinnfrei) quer über die Bühne laufen – und einmal wird auch der örtliche Reitverein mit dem Sankt-Martin-Pferd über den Marktplatz schickt.

Kein Hauch, nirgends

Und nein, auch kein politischer Hauch wehte über den Marktplatz, trotz der einmalig sich bietenden Möglichkeit angesichts der fast komplett versammelten Baden-Württembergischen Polit-Prominenz. Im Stück verhandelte Themen wie Machtmissbrauch, politische Intrigen und Betrug, Soldatenhandel oder Benachteiligung niedriger sozialer Klassen werden schön im Jenseits belassen und nicht ins Diesseits geholt. Und jeder aufgeklärte Zuschauer sollte doch etwas ins Stutzen kommen, wenn Luises Vater seine Frau gänzlich unkommentiert, unironisch und ungebrochen anherrscht, ob sie nicht endlich ihr "Maul halten" wolle oder das "Violoncell am Hirnkasten wissen" wolle.

So schafft es das Eröffnungsstück der Freilichtspiele Schwäbisch Hall leider beim besten Willen nicht, sich der gängigen Vorurteilen zu erwehren. Und das liegt eben andersrum auch nicht immer an den äußeren Zwängen. Manchmal reicht da auch die Einfallslosigkeit des Regisseurs.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Donald Berkenhoff, Bühne: Katrin Busching, Kostüme: Ursina Zürcher, Dramaturgie: Georg Kistner.
Mit: Thomas Gerber, Martin Maecker, Andreas Sindermann, Susanne Szell, Udo Zepezauer, Reinhold Ohngemach, Kathrin Becker, Clarissa Herrmann, Hubert Kronlachner.

www.freilichtspiele-hall.de

 

Kritikenrundschau

Ulrich Staehle freut sich in der Stuttgarter Zeitung (15.6.) darüber, dass man bei den Freilichtspielen in Schwäbisch Hall für die erste Szene von Kabale und Liebe keine Kulisse braucht: "Bei ihrem ersten Auftritt kommt Luise aus der Kirche. In Schwäbisch Hall (…) steht die Kirche schon da." Schwieriger werde es indes, konzediert Staehle, wenn die "Szenen in engen Räumen wie dem der Familie Miller spielen. Da ist dann eine ganze Umzugsmannschaft in Livree gefordert, die, recht umständlich, rechteckige Gittergestelle platziert, um auf der weiten Treppe vor der Kirche einen begrenzten Raum zu schaffen." Mit dem ersten Satz vergesse man aber "alle Bedenken" und werde "ergriffen von dem, was Rüdiger Safranski 'Effekterregungskunst' nennt. Wenn Luises Vater und Ferdinands Vater zusammenknallen, wenn sich Luise und Lady Milford ein Wortgefecht liefern, wird man mitgerissen von der Sprachgewalt des 23-jährigen Schiller." Und Regisseur Donald Berkenhoff habe sich "mit Regieeinfällen bemüht, die berühmte Treppe nicht als Hindernis in Kauf zu nehmen, sondern produktiv werden zu lassen".


Im Schwäbischen Tagblatt (16.6.) schreibt Jürgen Kanold: In Schwäbisch Hall, "wo Schiller nie war", seien seine Werke bei den Freilichtspielen seit Jahrzehnten präsent. Auf den Stufen vor St. Michael habe "das Pathos genügend Platz, keinen natürlichen Feind." Faszinierend wie es Donald Berkenhoff gelungen sei, "Kabale und Liebe" "open-air-tauglich" zu inszenieren. Die Schauspieler deklamierten das "Schillersche Feuer nicht nur", sie lebten es. Clarissa Herrmann als Luise  sei ein Mädchen, das sich "mit Kraft gegen das Schicksal stellt und doch verlieren muss". Martin Maeker als Ferdinand vergesse "über dem Idealismus den Alltag". Und den schilderte der 1784 noch "radikal politische Schiller drastisch". Es gehe nah wie der "greisenhafte Hubert Kronlachner als Kammerdiener den Menschenschacher, den Soldatenverkauf des Fürsten anklagt". Geschickt weite Berkenhoff das Schauspiel "ins Freilichtspielformat, ohne Spektakel zu machen". In Schwäbisch Hall müsse das Denkmal Schiller nicht restauriert werden.

 

 
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