Sommerweihnachten

von Sarah Heppekausen

Essen, 26. September 2009. "Es sind nur zwei Tage", sagt Rike. Beschwichtigend, entschuldigend, gute Stimmung fordernd. Wenn ein Familientreffen schon so eingeleitet wird, weiß jeder: Es kann nicht gut enden. Lutz Hübner bleibt sich treu. Auch mit "Nachtgeschichte" schreibt er erneut ein transparentes Stück, mit durchschaubaren Charakteren und einer eindeutigen Handlungsführung.

Diesmal beobachtet der Autor Kriegskinder (nur die weiblichen), ihre Töchter und Enkelinnen. Die fünf Frauen kommen wie jedes Jahr in einem Ferienhaus an der Ostsee zusammen. "Sommerweihnachten" nennt es Enkelin Tanja. Hier stößt die sich selbst verwirklichende Künstlerin auf die harmoniesüchtige Buchhändlerin mit Doktortitel, die Abiturientin mit großen Reiseplänen auf die trampende Schulabbrecherin mit Esotick und sie alle auf Marika.

Das Familienoberhaupt verschließt sich ihrer Vergangenheit. Sie will nicht reden über ihre traumatischen Erlebnisse im Krieg. Stattdessen antwortet sie im Alltag mit kühler Distanz den anderen und unbeirrbarer Härte sich selbst gegenüber. Der Schmerz, den Marika nicht annehmen kann, wird in veränderter Form in die nächste Generation übertragen.

Im Turmschatten der Mutter

"In dieser Familie ist nie irgendwas vorbei", meint Lea, Vertreterin der dritten Generation im weiblichen Familienclan. Jana (zweite Generation) wird später über ihre Mutter sagen: "…für mich ist sie ein Turm, aus dessen Schatten ich nicht herauskomme". Bei Hübner analysieren sich die Figuren selbst. Jeder Widerspruch wird psychologisch hergeleitet, Raum für Brüche bleibt da nicht. Dabei strengen sich die Schauspieler in Anselm Webers Uraufführung auf der großen Bühne im Grillo Theater sichtlich an, nicht in die Klischee-Falle zu geraten.

Bettina Engelhardts Jana neigt nicht nur textbedingt zu verbalen Ausfällen, sie lässt sich in ihrer Wut auch zu Handgreiflichkeiten hinreißen. Sie knutscht, lacht, schreit und jammert in Höhen und Tiefen und entkommt doch nicht dem Stempel der egozentrischen Künstlerin. Der ist ihr vom Autor aufgedrückt wie ein Klebeschild.

Wirkungssichere Übersprungshandlungen

Katharina Linder als Rike zuppelt zu Beginn des Abends nervös am Sommerweihnachtsbaum herum. Klar, sie ist aufgeregt, weil sie das alljährliche Treffen organisiert, weil sie weiß, dass es leicht eskalieren kann. Sie ist eine (sich) sorgende Tochter und Mutter. Das ist genauso gemeinverständlich wie Marikas (Jutta Wachowiak) Pullover-Verknoterei, als Tochter Jana sie mit Vorwürfen überhäuft: eine Übersprungshandlung, weil die Traumatisierte wahre Antworten verdrängt.

Jede Geste und jede Pointe lässt Weber wirkungssicher ausspielen. Er scheut sich nicht einmal davor, Sam Cookes "Wonderful World" einspielen zu lassen, dessen erste Zeile lautet "Don't know much about history". Der passende Ort zum Träumen ist Vera Knabs Bühne allerdings nicht. Zu verschlungen sind die Wege in diesem zeltartigen Ferienhaus, mit einer Wendeltreppe und vielen Balken aus Holz. Eiche geölt vermutlich. Der einzig mögliche Störfaktor ist eine hohe Kante am Hausrahmen. Da müssen die Bewohner ihren gewohnten Gang kurz stoppen. Aber die Schwelle ändert nichts, hemmt nichts, fördert nichts. Zwar ist hier vieles auf Komödie getrimmt, aber es stolpert niemand, das könnte ja zu einem Bruch führen. Das Publikum war trotzdem begeistert und hat bei jeder Pointe herzlich gelacht.

 

 

Nachtgeschichte (UA)
von Lutz Hübner, Mitarbeit: Sarah Nemitz
Regie: Anselm Weber, Bühne: Vera Knab, Kostüme: Meentje Nielsen, Video: Bibi Abel.
Mit: Jutta Wachowiak, Katharina Linder, Bettina Engelhardt, Barbara Hirt, Friederike Becht, Holger Kunkel.

www.schauspiel-essen.de

 

 

 

Mehr lesen über Inszenierungen von Anselm Weber? Im Februar brachte er in Essen die Uraufführung von Biljana Srbljanoviçs Barbelo, von Hunden und Kindern heraus, im Dezember 2008 Schillers Don Carlos.

 

Kritikenrundschau

Die Münsterländische Volkszeitung (27.9.) weiß, dass Autor Lutz Hübner und Regisseur Anselm Weber die "Nachtgeschichte" über zwei Jahre lang speziell für die Essener Schauspielerinnen entwickelt haben. Weber habe sie nun "modern inszeniert, so dass sich jede Generation im Publikum in den Protagonisten wiederfinden kann". Hübner habe eine "lebensnahe Episode geschaffen, die ebenso oft zum Schmunzeln wie zum Nachdenken anregt". In der Inszenierung überzeuge besonders Jutta Wachowiak als Großmutter Marika, doch könne die gesamte Besetzung "in einem schlichten, aber ausgeklügelten Bühnenbild glänzen", dessen drehbare Ferienwohnung im offenen Dachstuhl "störungsfrei Einblicke in das Leben und die Gefühle der Frauen" erlaube.

Unter der "klaren Regie Anselm Webers" lasse sich diese Inszenierung "harmlos" an, als wäre das eine Seifenoper unter dem Motto "Mütter und Töchter". "Doch Hübner legt Ängste und Zwänge bloß, Wut, Verzweiflung und Verletzung", schreibt Gudrun Norbisrath auf dem Online-Portal Der Westen (29.9.). "Die Geschichte ist banal, das ist ihre Stärke. Sie ist wahr. Es ist ein beklemmendes Stück mit wunderbaren Schauspielern, allen voran Jutta Wachowiak."



 
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