Alles Samba, alles super und korrupt

von Christoph Fellmann

Zürich, 30. Oktober, 2009. Es herrscht ein unglaubliches und impertinentes Geschnorr in diesem Stück. Die Besatzung des Provinznests, in das Sebastian Nübling seinen "Revisor" verlegt und bei dem es sich sehr wohl auch um eine größere Stadt handeln könnte, ist geradezu begnadet darin, die Probleme labernd und lallend zu umkreisen. Aber was heißt hier die Probleme? Das Problem. Der Revisor nämlich, der, wie man hört, vor Ort ist, um den Maulaffen und Großkotzen, die sich die Korruptheit gegenseitig mit erlesener Öligkeit einmassieren, zur Abwechslung mal einen schönen Krampf zu bereiten. Und klar: je verkrampfter, desto lauter und größer reden sie.

Diese Dörfler bzw. Städter sind am Zürcher Schauspielhaus in Dutzenden von Anspielungen, aber auch in der Mundart, die sie zum Teil reden, sehr schweizerisch. Aber auch sehr Gogol. Nübling, auch wenn er sich im Duktus immer wieder weit von ihm entfernt, tut dem über 150-jährigen Klassiker nichts an, was nicht bereits in ihm steckt. Diese geschäftstüchtige, windige und selbstbesoffene Kleinkariertheit, die Nikolaj Gogol überlieferte, hat seither ja bestens überlebt im Survival of the Slickest, man muss sich nur umsehen. Also kann man die Menschen von heute gerade so gut in ihrer Sprache und nach ihrer Fasson exekutieren lassen. Da proleten sie dann ins Handy und sind sich sehr sicher, den Revisor schon bald "am Sack" zu haben.

Der Mensch und seine Öligkeit

Natürlich, das ist Kleinbürgerdenunziation. Zum Glück! So grausam komisch, wie sie ist. Und so präzis. Wenn der überragende Michael Neuenschwander als Stadtpräsident Anton Antonowitsch in einem einzigen, vielleicht fünfminütigen Affekt gleich alle möglichen Reaktionen auf die Ankunft des Revisors durchspielt – Aggression, Unterwürfigkeit, Selbstmitleid, Diplomatie, Überheblichkeit, Korruption – ist das nicht nur ein schauspielerisches Kabinettstück, sondern auch ein hochnotkomisches Konzentrat dessen, wozu der unter Druck gesetzte Mensch fähig ist. Während man kaum aus dem Lachen herauskommt, ist es doch zum Schaudern.

Genauso grandios ist aber auch die unerhörte Penetranz, mit welcher der feiste Richter Ammos Fjodorowitsch (Gottfried Breitfuss) darauf besteht, bei der Entsendung des Revisors handle es sich in Tat und Wahrheit um eine politische Intrige. Nein, diese Inszenierung hat und braucht keine psychologische Tiefe. In slapstickhafter Überzeichnung streicht Sebastian Nübling vielmehr die Gemeinheit, die Kaltblütigkeit, den Jähzorn heraus, mit der sich seine Figuren in den Vorteil stellen, mit der sie intrigieren und denunzieren, und mit der sie ihre Verstrickungen ganz einfach an die nächst untere Hierarchiestufe durchreichen. Nur, um sich danach als vereinte Dorfgemeinschaft umso enger an den etwas ekelhaften Revisor (Matthias Bundschuh) anzuschmiegen.

Das Aussitzen der Ärmelhochkrempler

Der perfekte Soundtrack zu dieser Szene ist Samba pa ti, ein Stück von Santana, das mit genau der gleichen verbummelten Schwitzigkeit durch Gogols Stück führt, die auch dessen ganzer korrupter Bagage zu eigen ist. Und natürlich ist auch die inzestuöse Erotik, die in diesem Korruptionsgeflecht fast schon natürlicherweise mottet, verhandelbar: Der Stadtpräsident stellt dem Revisor seine dauerwinkende Repräsentationsfrau vor, indem er ihm eines ihrer Beine hinhält. Der hat aber auch ein Auge auf die Tochter geworfen, die auf einer stinkenden Mundharmonika wiederum "Samba pa ti" spielt.

So vergehen die 110 Minuten, welche die Inszenierung dauert, im Flug. In gefühlten Dreiviertelstunden – in denen man als gelegentlicher Schwarzfahrer, Steueroptimierer oder überhaupt Alltagsgewinnler übrigens auch ganz famos beschimpft worden ist – hat man sich ganz prächtig unterhalten. Und erst zum Schluss, als die Sache mit dem falschen Revisoren gerade aufgeflogen ist, ein klein bisschen die Stirn gerunzelt: Da lässt Nübling den Stadtpräsidenten doch noch in einen Abgrund und in die psychische Zerrüttung fallen. Ausgerechnet ihn, den fleißigsten Ärmelhochkrempler und virtuosesten Selbstüberzeuger des Stücks. Ihm hätten wir fast lieber zugetraut, die Sache auszusitzen. Alles Samba, alles super.

Der Revisor
von Nikolaj Gogol
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner, Musik: Lars Wittershagen.
Mit: Michael Neuenschwander, Julia Kreusch, Franziska Machens, Ludwig Boettger, Gottfried Breitfuss, Nicolas Rosat, Patrick Güldenberg, Victor Calero, Tim Porath, Matthias Bundschuh u.a.

www.schauspielhaus.ch


Mehr zu Sebastian Nübling im nachtkritik-Archiv: mit Judith/Juditha triumphans eröffnete er im Sommer 2009 das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele. Im Mai 2009 hat er Lars von Triers Dear Wendy in Basel inszeniert. Oliver Bukowskis Kritische Masse brachte er im Februar 2009 am Hamburger Schauspielhaus zur Uraufführung. Für Diskussionen sorgte seine Inszenierung von Händl Klaus Furcht und Zittern im Rahmen der Ruhrtriennale im September 2008.

 

Kritikenrundschau

Welcherart der Humor in Nikolai Gogols "Revisor" sei, weiß Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (2.11.): "ätzend, stets jedoch auch umwerfend drollig." In Sebastian Nüblings Zürcher Inszenierung vertausche man indes "den Charme der berühmten Komödie (...) mit deftig-derberem Witz". Nübling passe "das Stück unseren Zeitläuften an: Seine mutmassliche Überlegung, die korrupte Peripherie des Zarenreichs bedürfe einer Transposition ins Hier und Jetzt, ignoriert, dass Gogols Provinznest auf Erden überall und immerdar zu finden ist." Villiger Heilig findet "putzmunteres Amüsement" und "forcierte Stilisierung" vor, Nüblings "bildstarker Zeitraffer-Slapstick synthetisiert die Handlung zu handfester Hauruck-Komik. Griffig und schauspielerisch lustvoll, treibt sie aber – kein geringer Verlust – Gogols 'Revisor' das aus, was ihn grossartig macht: den metaphysischen Schrecken."

Obwohl es sich anböte, schreibt Tobi Müller in der Frankfurter Rundschau (4.11.), forciere Regisseur Nübling die inhaltlichen Parallelen zur politischen Lage der Schweiz (Steinbrück-Angriff mit der Kavallerie, amerikanische Richter gegen Polanski, Gaddafi und seine Schweizer Geiseln) und ihrer Angst vor einer "strafenden Instanz von außen" nicht. Er interessiere sich auch nicht für Psychologie, sondern für die "gesellschaftlichen Druckverhältnisse". Dabei trete "der Text in den Hintergrund", seine "Symptomatik in den Vordergrund": "Körper, Körper, Körper. Sebastian Nüblings Figuren haben Stress, selbst wenn sie langsam sind." Nübling erzähle mittels "Geschwindigkeit" Dinge, für die andere Dialoge bräuchten. Das sei bei "allen Erneuerern der Theatersprache der letzten dreißig Jahre so: Marthaler, Castorf, Thalheimer". Immer handele es sich um "Sprechkörper, die in unterschiedliche Geschwindigkeiten versetzt werden, welche die neue Zeit und die neue Kunst ankünden". Der Zürcher "Revisor" seien "hundert Minuten Stress im Kollektiv". Immer wieder formiere sich "das Bild fürs Soziale schlechthin: der Chor". Selbst in "den gedrängten Wimmelbildern, selbst im erotischen Geknäuel mit dem vermeintlichen Revisor" sehe man einem Chor zu. Die konsequente Lautstärke sei "rhythmisch gebaut". Jedes "theatrale Zeichen, das Ruhe und Schönheit herstellen könnte, wird von der Inszenierung vereinnahmt", wie etwa Carlos Santanas "Samba Pa Ti". Nübling entwerfe das "hektische Zerrbild einer unheimlichen Gesellschaft, in der sich alle immer ähnlicher sehen".

Sebastian Nübling, "der Gogols Provinzfarce als tänzerische Angstchoreographie im Schauspielhaus Zürich platziert hat", so Jürgen Berger (Süddeutsche Zeitung, 6.11.), mache schnell deutlich, dass er das Stück als Komödie über die Eingeweide eines Gemeinwesens verstanden haben will. Muriel Gerstner habe Gogols Angstrudel so gekleidet, wie Eidgenossen sich kleiden, wenn sie ins Theater gehen. "Stehen im Publikum also plötzlich Schauspieler auf und geben sich hysterisch einer angeblich nahenden Gefahr hin, erschrickt das Züricher Premierenpublikum für einen Moment vor sich selbst." Auf dem Weg zu jener somnambul-reizvollen Atmosphäre, die Nübling etwa mit Händl Klaus" "Dunkel lockende Welt" gelang, sei dem Regisseur aber die sperrigeren Teile der handfesten "Revisor"-Komödie in die Quere gekommen.

 

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