Zwei Mal ums goldene Kalb getanzt

von Harald Raab

Darmstadt, 13. Februar 2010. Was im London des beginnenden 17. Jahrhunderts nicht stattfinden konnte, holte das Staatstheater Darmstadt nach: die unmittelbare Vergleichsmöglichkeit zwischen Shakespeares problematischem, weil unvollendeten und von ihm nie aufgeführten Stück "Timon von Athen" und seines Konkurrenten Ben Jonson bestem Werk "Volpone". An einem Marathon-Abend bietet man in Darmstadt die Jonson-Komödie und das Shakespeare-Drama hintereinander an. Wer dabei Sieger auf der Bühne bleibt, lässt sich unschwer erraten.

Jedenfalls wissen wir danach einmal mehr, warum Shakespeare und seine Erfindung des Menschlichen aktuell wie eh und je sind, der Moralsatiriker Ben Jonson hingegen weit weniger häufiger gespielt wird. Sein "Volpone" ist bestenfalls handfestes Boulevard-Theater: Es darf gelacht werden, bei flottem Setting werden Geizhälse und Erbschleicher dem öffentlichen Spott preisgegeben.

Nummern-Revue im Tulpen-Design

Die Dramaturgie begründet das Zusammenspannen der beiden Stars des Globe Theatres mit dem Tanz ums goldene Kalb. Magie und Fluch von Gold und Geld sind Inhalt dieser Stücke. Das weltweite Finanzdesaster muss auch noch zur Legitimierung dieses zweifelsohne reizvollen Projekts herhalten. Allerdings: Wer Shakespeare spielt, bedarf keiner Begründung in der Zeit. Wer Ben Jonson auf die Bühne bringt, schon eher.

Vorsichtshalber versieht man Jonsons "Volpone" (bearbeitet von Stefan Zweig) hier mit der entschuldigenden Erklärung "Typenkomödie". In der Tat bietet Jonson immer nur Karikaturen und keine Charaktere. Doch wie inszeniert, wie spielt man so etwas? Ist dem Regisseur Michael Helle und seinem Bühnen- und Kostümverantwortlichen Achim Römer für "Volpone" nur deshalb nicht viel eingefallen, um für den "Timon" umso phantasievoller sein zu können?

Eine Nummern-Revue wird abgespult. Ein Kreis auf der Bühne, eine rote Schlafcouch darin, eine Stehlampe im 50er-Jahre-Tulpen-Design, ein paar Bettlaken. Auf dem Lager stöhnt, röchelt und hustet Volpone (Hubert Schlemmer) und mimt, dass sein letztes Stündchen geschlagen habe. Spießgeselle beim ruchlosen Spiel ist der Diener Mosca (Tilman Meyn). Indem die beiden den lieben Freunden und Geschäftspartnern suggerieren, sie würden schon sehr bald Universalerben sein, wird den Habgierigen noch schnell etwas abgeluchst.

Von Erbschleichern und einem geprellten Reichen

Nacheinander tanzen sie alle mit Disco-Gehampel herein: der Notar Voltore, der zu jeder Rechtsbeugung bereit ist, Corvino, der gerissene Geschäftsfreund, der seine sonst so eifersüchtig bewachte Ehefrau Colomba noch schnell an den moribunden Volpone verkuppeln will, und der Händler Corbaccio, der gar seinen Sohn enterbt, um Volpone zu begünstigen. Die Hure Canina bietet Volpone die Eheschließung auf dem Sterbebett an, und ein Richter lässt sich Geld zustecken, um einen Streit der scheinheiligen Bande zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Als es Volpone auf die Spitze treibt, seinen Diener als Erben einsetzt, sich tot stellt, um mitzuerleben, wie die leer ausgehenden Erbschleicher vor Wut beben, wird er selbst zum Geprellten. Mosca, zum rechtmäßigen Erben erklärt, jagt seinen Herrn aus dem Haus. Und der nun reiche Diener zahlt allen Erbschleichern das eingesetzte Geld und Gut aus.

Jeder spielt seinen Part, so gut er kann. Blass und uninspiriert die einen, wie Tilman Meyn seinen Mosca, mit Tempo, Witz und komödiantischer Präsenz die anderen, wie Tom Wild den um keine Winkelzüge verlegenen Notar oder Thomas Cermak den skrupellosen Kuppler seiner eigenen Frau, serviler Wurm und brutale Hyäne in einer Person. Viel Beifall, man hat sich amüsiert. Warum auch nicht.

Im Bann der Sprache

Szenenwechsel total, nach halbstündiger Erholungspause: Für den "Timon von Athen" sitzen die Zuschauer auf der Bühne und die Akteure auf den Rängen, bevor sie sich das frei gebliebene vordere Bühnendrittel zurückerobern. Es ist der magische Kosmos von Shakespeares Sprache – in einer modern gestrafften Übersetzung von Holger Teschke –, die alle in ihren Bann zieht und zu adäquaten Leistungen herausfordert. Unfertiges Stück hin oder her: Das expressive Potential der Rollen spornt alle Beteiligten an, individuelle Persönlichkeitsskizzen zu entwerfen. Regisseur Helle und seine Akteure schaffen dies durch eine Art Selbstbelauschung bei der Bewältigung der so gewaltig musikalischen Texte. Mit einem von Shakespeare nicht vorgesehenen Chor intensiviert Helle die Handlung. Per Video werden einzelne Figuren, ihre Gesichter herausgezoomt, was eine zweite Reflexionsebene schafft.

Shakespeare gerecht zu werden, das heißt, die große Kunst der Entwicklung eines vom Schicksal getriebenen Charakters zu versuchen. Das gilt vor allem für den Riesenpart des Timon. Uwe Zerwer wendet diesen Gutmenschen und Wohltäter zum Enttäuschten und in letzter Konsequenz zum Hasser der ganzen Menschheit. Er bewirtet seine Freunde an üppiger Tafel, borgt ihnen großzügig. Doch als er selbst klamm ist, will ihm keiner helfen; im Gegenteil, jetzt werden alle fälligen Wechsel präsentiert. Timon ist fertig mit dieser Gesellschaft.

Macht kaputt, was ihn kaputt macht

Nackt, mit Lehm beschmiert, schreit diese Kreatur ihre Wut heraus, will kaputt machen, was Timon kaputt gemacht hat. Alcibiades (Tom Wild) stopft er die Taschen voll Gold, das er im Wald gefunden hat, damit dieser Athen schleife und weder Greis noch Kind verschone. Die Huren Phrynia (Anne Hoffmann) und Timandra (Maike Troscheit) bekommen ihren Lohn in die Unterwäsche gesteckt, damit sie den Männern von Athen die Lustseuche anhängen. Im großen Dialog mit dem Philosophen Apemantus (Andreas Manz) triumphiert Timon selbst über den Zyniker. Dieser Timon ist ein Leidensbruder König Lears: Uwe Zerwer gibt ihm die Konturen eines Opfers im finalen Aufbäumen. "Der letzte Mensch war ich", schreibt er als Vermächtnis der abgrundtiefen Enttäuschung an die Wand.

"Das Höchste, was wir hoffen können, ist, Shakespeare auf eine neue Weise nicht gerecht zu werden", hat T.S. Eliot gesagt. Regisseur Helle und seine Truppe haben einen überzeugenden eigenen Weg gefunden, dem schwierigen "Timon von Athen" Sinn und pralle Sinnlichkeit zu geben.

 

Volpone / Timon von Athen. Elisabethanische Variationen über das Gold
von Ben Jonson (übersetzt von Stefan Zweig) / William Shakespeare (übersetzt von Holger Teschke)
Regie: Michael Helle, Bühne/Kostüme: Achim Römer, Dramaturgie: Christian Mayer.
Mit: Thomas Cermak, Anne Hoffmann, Andreas Manz, Tilman Meyn, Hubert Schlemmer, Maike Troscheit, István Vincze, Uwe Zerwer und Klaus Ziemann.

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Noch mehr elisabethanische Variationen gefällig? Ben Jonsons Volpone wurde auch von Herbert Fritsch (Wiesbaden, November 2009), Albrecht Hirche (Gomaringen, Juni 2009), Christian Weise (Köln, November 2007) und Marc Lunghuß (Leipzig, Juni 2007) inszeniert.

Kritikenrundschau

Johannes Breckner vom Darmstädter Echo (15.2.2010) zeigt sich von dem Doppel-Abend beeindruckt. Beide hier gezeigten Stücke, Jonsons "Volpone" und Shakespeares "Timon", hingen "an vielerlei Verbindungsfäden zusammen" und illustrierten die "Erkenntnis, dass Geld den Charakter verdirbt". Was Regisseur Michael Helle aus dieser "Binsenweisheit" mache, lohne den langen Abend allemal. Im ersten Teil entwickle er "eine pralle Typenkomödie", die "mit großer Präzision die Triebkräfte" der Volpone-Welt bloßlege – ein "kurzweiliges und intelligent arrangiertes Vergnügen, in das ein boshafter Ernst kriecht". Im "Timon" sei "die Individualität der Typen aufgegeben", gehe es doch "um den Charakter einer ganzen Gesellschaft, die sich in Business-Grau kleidet, weil es das Geschäft ist, das dieses Gemeinwesen zusammenhält". Uwe Zerwer lege seinen Timon "behutsam an, um Raum zu lassen für die Wut, die Timon angesichts seiner Zeitgenossen ergreift". Er spiele dessen Verwandlung "mit bestürzender Wucht". Die Inszenierung mache sich jedoch "nicht gemein mit der radikalen Moralität ihres Titelhelden", sondern zeige auch dessen "Selbstgerechtigkeit". Dabei bleibe sie aber "beklemmend deutlich in ihrer sehr aktuellen Diagnose, dass die ausschließlich materielle Orientierung einer Gesellschaft das Ende von Kultur und Zivilisation bedeutet".

Man müsse sich diesen Abend "nicht ausschließlich spektakulär vorstellen", schreibt Natalie Soondrum in der Frankfurter Rundschau (15.2.2010). Fesselnd sei, wie Hubert Schlemmers Volpone sich im ersten Teil "erst pudert wie ein Weißclown und dann stundenlang stillhält und den Sterbenden mimt, um sich am Verhalten der anderen zu ergötzen". Für "Timon" balle sich das Ensemble dicht vor den Zuschauern "wie eine Gewitterwolke", rezitiere die erste Szene im Chor, "dann erst vereinzelt sich dieser Körper". "Schnelle Blicke in Richtung der Zuschauer verraten, dass die erzwungene Nähe auch in den Schauspielern eine gewisse Schaulust entfacht. Spannend." Aus Volpones Richter (Uwe Zerwer) werde nun Timon: "Der Ordnung schaffen wollte, ist zum verschwenderischen Wohltäter mutiert." Helle wolle hier "nichts weiter differenzieren, es geht ihm um den Zusammenhang der Kräfte, die Timon treiben" und zeige, "dass es mit dem Geld im Kaptialismus ist, als würde jedes Mal eine Farbe oder Zahl in einem Kartenspiel verschwinden, wenn man einen Joker einsetzt: Das Spiel mit Gold und Geld nivelliert unser Dasein - die Gemeinschaft, die Regeln, die Moral". Soondrum fühlt sich "durch die physische Präsenz eines längst vertrauten Ensembles fast bedrängt", dieser Theaterabend sei trotz einiger Längen "toll".

Um nicht darum herum zu reden", sagt es Bruno Russ in der Main-Spitze (15.2.2010) ohne Umschweife: "eine anstrengende Geschichte, dieser Abend". Und was erbringe die Kombination der beiden Stücke? "Trotz des gleichen Gier- und Goldrausch-Themas ist wohl kaum zu sagen, dass das eine Stück das andere wesentlich bestärke." Sicher aber habe Helle "zwei treffende, bemerkenswerte Aufführungen geschaffen". Jonsons Typen-Komödie, "springlebendig und durchaus dem wahren Leben abgeschaut", gingen Regisseur Helle und sein Bühnenbildner Achim Römer "relativ kühl und sachlich an, ein Kreis auf dem Boden, in seiner Mitte eine Klappcouch" und darauf Schlemmer, "der seine Titelfigur mit Zeichen der Krankheit und des Verfalls sehr glaubhaft ausstattet". "Unerhört und radikal" seien dann im zweiten Teil die Szenen mit Zerwer, wenn dessen Timon "sich beschmutzt und sich im wahren Sinne nackt in eine Waldhöhle zurückzieht". Dass das Gold, "an dem alles hängt, die Menschen verdirbt", zeige "Volpone" "eher privat", "Timon" dann "eher gesellschaftlich".

 
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