Sprung nach Nangijala

von Jürgen Reuß

Freiburg, 19. Februar 2010. Was passiert, wenn allein die Ankündigung eines Theaterstücks in den Hirnwindungen ein komplettes Kopfkino in Gang setzt? "Die Brüder Löwenherz. Eine theatrale Gratwanderung mit Schauspielern, Tänzern und Avataren", die am Samstag im Großen Haus des Theater Freiburg Premiere hatte, ist so ein Fall. Selbst wenn die Lektüre von Astrid Lindgrens Roman um den todkranken Neunjährigen Karl (genannt "Krümel") und seinen dreizehnjährigen Bruder Jonathan, der in den Tod springt um ihn zu retten, lange zurückliegt, reanimiert allein die Nennung des Titels immer noch ein diffuses Gefühl der Ergriffenheit.

Die Angst vor dem Sterben, der große Bruder, der dem kleinen das Loslassen vom Leben durch das Ausmalen eines sagenhaften Jenseits namens Nangijala erleichtert. Jonathans bedingungsloser Pazifismus im gar nicht so paradiesischen Land auf der anderen Seite der Sterne, das Glück des kleinen Bruders, die vom großen erhaltene Liebe im Sprung in den nächsten Tod zurückgeben zu können. Denn Jonathan ist in Nangijlala vom Feuer eines Drachenweibchens berührt worden, was zu körperlicher Lähmung und einem langsamem Tod führt, woraufhin die Brüder von Nangijlala weiter nach Nangilima springen.

Pyramidale Landschaft aus großen Styroporquadern

Und nun die Ankündigung, das Ganze als Gratwanderung mit Avataren zu inszenieren. Schon als die "Brüder Löwenherz" 1973 erschienen, war umstritten, ob man den Tod als mehrfach wiederholbaren Sprung ins nächste Leben darstellen darf. Darf man suggerieren, dass ein gelähmter 13-jähriger wie Jonathan am Ende des Romans nur Selbstmord begehen müsse, um glücklich und unversehrt ins nächste Abenteuerland einzuziehen? Die Idee von Regisseurin Sandra Strunz, das heute in einen Zusammenhang mit den Avataren virtueller Welten und den Sprüngen zwischen den verschiedenen Ebenen in Computerspielen zu bringen, klingt da zunächst einmal reizvoll.

Die Bühne (Tine Becker) ist eine pyramidale Landschaft aus großen Styroporquadern, eine Art Tetris in Schwarzweiß. Im Verlauf des Stücks werden die Videokünstler Victor Morales und Philip Flögel sie mit Projektionen von Zeichnungen und verfremdeten Handkamerabildern in avanciertere Versionen upgraden. Krümel und Jonathan fügen sich passgenau in das Szenario der Generation Virtuelle Welten. Von wegen wallendes Blondhaar, André Benndorff und Martin Weigel geben sie mit schütterer Haarpracht im typischen Alter des Netzsurferklischees. Für Anmut und Jugend haben sie ihre Avatare. Krümel die Tänzerin Maria Pires und ihren Sohn Vasco, Jonathan den Tänzer Graham Smith. Daraus könnte sich etwas entspinnen.

Verschiebung ins Reich der Avatare

Könnte. Was dann folgt ist doch eher illustriertes Geschichtenerzählen. Auf den Punkt gebracht von Schauspieler Frank Albrecht, der gegen Ende am rechten vorderen Bühnenrand am Mikro etwas erzählt und sich zwischendrin immer mal umschaut, was die dahinten auf der Bühne dazu treiben. Das ist manchmal sogar ganz sehenswert, Krümels erster Tod beispielsweise, bei dem er durch gespenstische Flackergewitter ins nächste Leben geleitet wird. In den besseren Minuten des Stücks erzeugt diese technische Entrückung der Bühne etwas von der Magie anderer Räume, wie David Lynch sie so meisterhaft zu erzeugen weiß. Manchmal erlaubt die Inszenierung auch Einfühlungsvermögen in die Hauptpersonen und es blitzt etwas von der Kraft der Romanvorlage auf.

Meist dämmert das Stück aber am Rande der Belanglosigkeit vor sich hin. Muss man zur Umsetzung von Bruderliebe das Geschwisterpaar wirklich in der abgelutschtesten Titanic-Pose den Flieger machen lassen? Zumal doch Tänzer an Bord sind? Überhaupt beschwören die Gruppenchoreographien (Graham Smith) oft eher eine Atmosphäre zwischen Workout und Village People. Und die Soli wirken irgendwie bindungslos zum Restgeschehen.

Sicher gibt es zwischendrin mal stärkere Szenen wie die Schlacht zwischen Gut und Böse mit quietschendem Styroporgeschiebe und blutroten Videogewackel, aber insgesamt bleibt die Inszenierung blutarm. Weder wird der Weg in die mitfühlende Identifikation gesucht, die sich bei einer so hoch emotionalen Geschichte anböte, noch erwächst aus dem eigentlich anregenden Gedanken der Verschiebung der Romanwelt ins Reich der Avatare irgendeine Konsequenz.

Dieses Stecken im Weder-Noch geht sogar soweit, dass jemand, der den Roman nicht kennt, sicher Schwierigkeiten hat, die Handlung zu kapieren. Aber vielleicht ist das ja die Konsequenz der Inszenierung: Alle Erwartungshaltungen zu brechen, und natürlich auch das aus der veralteten Gutenberggalaxis stammende Bedürfnis nach nachvollziehbaren Erzählsträngen. Schließlich ist auch im Roman der Sprung der Schlüssel zu allem.

Leider landet nicht jeder Sprung in einem Nangijala.

 

Die Brüder Löwenherz
Eine theatrale Gratwanderung mit Schauspielern, Tänzern & Avataren
Regie: Sandra Strunz, Choreographie: Graham Smith, Bühne und Kostüme: Tine Becker, Kostüme: Carolin Schogs, Video: Victor Eduardo Morales, Musik: Thomas Jeker.
Mit: Frank Albrecht, Gabriel von Berlepsch, André Benndorff, Hendrik Heutmann, Jennifer Lorenz, Martin Weigel, Vasco Pires, den Tänzern: Su-Mi Jang, Maria Pires, Graham Smith.

www.theater-freiburg.de


Die Regisseurin Sandra Strunz forschte im Dezember 2009 im Zürcher Theaterhaus Gessnerstrasse mit Robinson oder die Insel der Visionen nach alternativen Bildungsmodellen. Weitere Informationen hält der entsprechende Glossareintrag bereit.

Kritikenrundschau

Als "Gratwanderung (...) zwischen den verschiedenen Todes-Sphären" habe Sandra Strunz in Freiburg Astrid Lindgrens "Brüder Löwenherz" inszenieren wollen, berichtet Siegbert Kopp im Südkurier (22.2.). Zu sehen sei schließlich "eine kipplige Inszenierung zwischen Schauspiel, Tanz und Videoeinblendungen; mit Mehrfachbesetzungen, knifflig zu entschlüsseln." Der Spartenmix sei zwar "dem Kunstcharakter mitunter einträglich, aber der Identifikation insgesamt abträglich." Theater funktioniere "ganz schlicht, auch an diesem Abend: Die anrührendsten Szenen sind reines Schauspielertheater". "Was Romanleser in ihrer Phantasie verschwommen imaginieren, muss das Theater als Verschwommenheit bewusst inszenieren. Weil dieser wichtige Unschärfebereich auf der Bühne künstlich hergestellt werden muss durch Spezialeffekte, wirken die Szenen oft verkünstelt."

 

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