Vernarrt in einen Traum

von Beat Mazenauer

Zürich, 11. März 2010. Wo es um Geschlechterrollen und Liebeswirrnisse geht, steht der Narr auf Piket. Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" ist ein Paradebeispiel dafür. Wenn die Welt Kopf steht, muss man sie kopfüber von unten betrachten. "Komm Witz, erleuchte mich!", fleht der Clown, der sich selbst einen "Wortverrücker" nennt. Robert Hunger-Bühler gibt ihn frech und illusionslos in Gestalt eines heruntergekommenen Existentialisten, der sich mit Räsonieren sein Geld verdient, oder erpresst. Die Narren sind Shakespeares liebste Figuren. Nicht nur in "Was ihr wollt". Doch reicht das für die übliche Shakespeare-Manie?

Geschlechter in Verwirrung

Mit den Augen des Narren könnte diese Komödie auch als Liebesschwank für gehobene Kreise gelten. Seine Handlung nimmt sich bescheiden aus. "Was ihr wollt" setzt ein komisch verworrenes Liebesdreieck in Szene: Cesario liebt Orsino, Orsino liebt Olivia, Olivia liebt Cesario. Die Komik liegt darin, dass Cesario eigentlich eine Frau ist, die sich als Mann verkleidet. Sie, Viola, ist einem Schiffbruch entkommen, während sie glaubt, dass ihr Bruder umgekommen sei. Als hübscher Cesario begegnet er/sie im Auftrag des Herzogs Orsino der von diesem vergeblich angebeteten Gräfin Olivia, die sogleich für den Diener anstatt für den Herrn Feuer fängt. Mit dem Auftreten von Violas Bruder Sebastian renkt sich am Ende alles ein.

Die Doppelrolle von Viola / Cesario spielt Nina Hoss als Tomboy: als knabenhafte Frau, die sich der falschen Umarmungen immer wieder mit einem "Ich bin nicht, was ich spiele" zu entziehen sucht. Auch wenn mit ihrer Doppelrolle Themen wie Gender oder Queerness eher angetippt als ernsthaft vertieft werden, balanciert sie souverän auf der Kante zwischen den beiden Geschlechterrollen, und mit spielerischem Charme vermittelt sie zwischen den Herrschaften, die nahe am Nervenzusammenbruch agieren.

In der falschen Haut

Wirklichen Pfiff erhält das Stück aber erst durch das Eingreifen der niederen Stände, die intrigieren, maulen und aufbegehren, was das Zeug hält. Der Clown wird dabei assistiert vom koketten Kammermädchen Maria (Friederike Wagner) und als ihr Gegenpart vom eingebildeten, peniblen Haushofmeister Malvolio (Michael Maertens). Letzterem wird ein übler (Liebes-)Streich gespielt, der ihn psychisch knickt.

Mit dieser Doppelspur bietet sich "Was ihr wollt" als hervorragende Blaupause für eine gewitzte, burleske Inszenierung an – eine Einladung, die Barbara Frey angenommen hat. Sie spielt unverkrampft mit Effekten der turbulenten Screwball-Comedy – sichere Lacher inklusive –, lässt dabei aber ihren Hauptfiguren genügend Raum, um ihre Rolle individuell zur Geltung bringen.

Eine Stuhl, eine Plexiglaswand und was für eine Besetzung

Dass dies glückt, dafür legt das effiziente, schlichte Bühnenbild von Penelope Wehrli eine wichtige Basis. Im Bühnenraum stehen während fast drei Stunden lediglich ein Stuhl sowie eine überdimensionale, schwenkbare Plexiglaswand, die sowohl als Raumteiler wie als Spiegel funktioniert. In ihr verdoppelt sich die Handlung auf der Vorderbühne, zugleich überlagert von den Personen dahinter.

Dergestalt sorgt diese Wand immer wieder auch für bildhaft schöne Momente und bietet freien Raum für eindrückliche Soloparts. Vor allem Michael Maertens hat hier einen denkwürdigen Auftritt als verzückter Liebhaber, der von seiner Gräfin träumt und nicht merkt, dass er bloß veräppelt wird. Der Clown bringt es scharf auf den Punkt, als Malvolio in einer Dunkelzelle schmachtet: "Es gibt nur eine Dunkelheit, das ist die Dummheit."

"Was ihr wollt" ist in Zürich eine lustvolle, vergnügliche Verwicklungskomödie, die von zwei selbstverliebt Liebenden, einer verführerischen Go-between und ein paar durchgedrehten Knallchargen (im allerbesten Sinne) lebt. Alles geht gut aus, auch wenn im abschließenden Liebesreigen eher vollendete Verwirrung als Erfüllung herauszuspüren ist - Shakespeares Vorlage gebärdet sich hier auch eigentümlich begriffsstutzig. Nicht jedes Stück braucht gleich einen Skandal auszulösen; Theater darf auch nur Vergnügen bereiten. Deshalb verdienten die Schauspielerinnen und Schauspieler am Schluss der Premiere den ungeteilten Applaus des ganzen Publikums.

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
nach der deutschen Übersetzung von Angela Schanelec
Regie: Barbara Frey, Bühnenbild: Penelope Wehrli, Kostüme: Bettina Walter, Dramaturgie: Thomas Jonigk.
Mit: Nina Hoss, Frank Seppeler, Franziska Machens, Sean McDonagh, Caroline Peters, Friederike Wagner, Michael Maertens, Aurel Manthei, Patrick Güldenberg, Julia Kreusch, Robert Hunger-Bühler.

www.schauspielhaus.ch


Mehr zu Barbara Frey im nachtkritik-Archiv: Zum Start ihrer Intendanz am Schauspielhaus Zürich im September 2009 inszenierte sie Maria Stuart, ein Abend, der um einiges schwerer wirkte. Von ihren Arbeiten am Deutschen Theater Berlin besprachen wir Groß und klein, das sie im März 2008 inszeniert hat und Marivaux' Der Triumph der Liebe, das im Dezember 2007 entstand.

 

Kritikenrundschau

Barbara Villiger Heilig zeigt sich in der Neuen Züricher Zeitung (13.3.2010) begeistert: Einen "wundersam schwerelos dahingleitenden und trotzdem klar gezeichneten Traum" habe Barbara Frey inszeniert. Der Optimismus von Nina Hoss als Viola/Cesario strahle "etwas unschuldig Kindliches aus." "Vor allem aber verströmt er ein mesmerisches Flirren, das die gesamte Aufführung durchdringt." Bühnenbildnerin Penelope Wehrli verwandle den schwarzen Raum mit ihrer halbtransparenten Spiegelwand in "etwas Nicht-ganz-Reales", in den Kostümen wirke ein "optischer Täuschungseffekt", der "die Figuren wie mit einem Halo umgibt. Alles irisiert. Und alles fliesst in dieser poetisch-philosophischen Phantasie". Folgerichtig zerflössen auch "die Grenzen der Geschlechter". "Nein, nicht Sex erhitzt hier die Körper, sondern vibrierende Erotik umschmiegt sie, ein Fluidum, das auch den Geist affiziert. Und nicht zuletzt die Sprache." Villiger Heilig würdigt das Spiel bis in die kleinsten Nebenrollen hinein. "Jede Figur behält ein Geheimnis – es verleiht der Anmut des Treibens eine melancholische Reserve."

Weniger euphorisch zeigt sich Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (13.3.2010). Das Finale gestalte Barbara Frey als "Ringelpiez mit Anfassen, viel Anfassen. Und verdient dafür Applaus, viel Applaus. Denn in dieser Schlussszene schliesst sie das Bittere mit dem Süssen kurz, das Komische mit dem Tragischen." Hier treffe Frey den "Grundton" von Shakespeares Drama "sehr genau". "Auch Shakespeare lässt es am Ende knistern – nicht vor Erotik, sondern vor verdeckter Enttäuschung." Doch werde die Höhe dieses Finales in der Inszenierung nur in wenigen brillanten Momenten erklommen. "Leider wackelt an diesem dreistündigen Abend nicht bloss das Liebesglück der Helden, sondern das Theaterglück der Besucher. Die Inszenierung glaubt kaum an die Klagelieder derer, die von Amors Pfeil getroffen wurden. Sie zeigt Figuren, die nur sich selbst verfallen, die Knallchargen der Ekstase und Kasperlepuppen der Geldgier sind. Dies tut sie über weite Strecken grandios, mit Härte und Humor. Und doch fehlt zu oft die Spannung, die entsteht, wenn man aus Shakespeares eleganten Wortgefechten und wilden Verwirrspielen rund um die Liebe den Schmerz freilegt."

Bei Paul Jandl in der Welt (13.3.2010) senkt sich die Waage noch weiter. In "karger Ausstattung" komme die Bühne daher, "dafür luxuriert sie mit Fingerzeigen. Wo Shakespeare doppelbödig ist, zieht die Regie der Hausherrin Barbara Frey noch einen Boden ein. Das macht die Sache allerdings nicht tiefer, sondern seichter." "Wenn Wahn und Sinn bei Shakespeare aufs Beste verschwistert sind, dann bleibt in Zürich der Wahnsinn bloß Methode." Die Besetzung von Männerrollen mit Frauen sei "quotenmäßig" zwar "in Ordnung", bringe aber "dem Stück so gut wie nichts". "Es hilft kein Seufzen und kein Klagen: Die Frage der Identität ist nicht allein eine Frage des Lebens, sondern auch des Theaters. Wenn die Wirklichkeit der Liebe nur noch als witzige Blendung dargestellt ist, nur noch als Werk der Selbsttäuschung und Egozentrik, dann wird sie ein Fall für Onanisten. In dieser Hinsicht ist Barbara Frey zumindest konsequent." Eine Enttäuschung sei auch das "Gastspiel der deutschen Starschauspielerin" Nina Hoss, auf das sich Zürich eigentlich "ziemlich gefreut" habe.

 

 
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