Außenseiter, Ausgestoßene sind sie alle

von Simone Kaempf

Potsdam, 12. März 2010. Ihr Trinkgelage sieht aus, wie man es sich bei der Bundeswehr vorstellt. Der Schwächste, Woyzeck, muss das Bier selbst besorgen, das ihm dann Flasche für Flasche eingeflösst wird. Angefeuert durch die Rufe des Tambourmajors: "Ein Mann muss saufen". Geifernd beobachtet vom Doktor, der auf das Ergebnis seines Menschenversuchs wartet. Ausgelacht vom Hauptmann, als der abgefüllte Woyzeck an einer Hundeleine und mit heruntergelassenen Hosen wie ein Viech über die Bühne gezerrt wird.

Ein Aufnahmeritual ist das natürlich nicht, sondern eine Kränkung, Erniedrigung, Demütigung, bei der man an Lynndie England im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib denkt, aber auch an jugendliche Gangs und ihre unerbittlichen Spiele. Und bald sagt der Tambourmajor des Florian Schmidtke: "War nur ein Witz", hilft dem geschundenen Woyzeck (Simon Brusis) wieder auf die Beine und macht so die Kränkung erst richtig rund.

Seelennöte unter gleißendem Glühbirnenhimmel

Der Mord an Marie, den Woyzeck kurz darauf begeht, ist damit psychologisch vorbereitet, und doch fragt man sich, ob das nicht zu überdeutlich und zu kalkuliert in der Wirkung ist. Zumal sich dieser körperliche Einsatz, das übermäßige Bierverspritzen, der brutale Ausbruch von dem absetzt, womit Julia Hölscher ihre Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Hans Otto Theater beginnt. Denn die ist anfangs durchaus der Beweis, dass man "Woyzeck" auch ganz verspielt und seelennötelnd-melancholisch nehmen kann.

Ihr Woyzeck ist erstmal einer, der im völligen Bühnendunkel sitzt und eine Glühbirne nach der anderen in die Fassungen einschraubt, die an langen Kabeln von der Decke baumeln. Wobei Bühnenmusiker Tobias Vethake die Szene mit zarter Akustik ironisch untermalt: ein sanfter Triangelschlag begleitet jede der zehn eingedrehten Glühbirnen, als sei mit dem jeweils werdenden Licht gleichzeitig ein Wunsch zu vergeben. Was sich natürlich als trügerisch erweist.

Das Licht ist bald gleißend, warm, südlich schwül, eine Stimmung zwischen sich anbahnender Bedrohung und gelangweilter Trägheit. Unter den Glühbirnen stehen auf der ansonsten leeren Bühne Tische, an denen von Anfang an schon alle Darsteller sitzen und sich gegenseitig beobachten in diesem Bühnenraum ohne Ausweg, in einer Stillstandsstimmung à la Tschechow, in die sich der Hauptmann in seinem beigen Anzug sogar einpassen könnte, ebenso wie der Doktor mit seinen altmodischen Ärmelschonern.

Widerständiges Brummen, expressionistisches Dampfen

Der Tambourmajor, der dann auftaucht, trägt allerdings ein Unterhemd mit einem aufgebügelten Lorbeerkranz. Typ Grobian mit Babyherz, der Frauen wie Spielzeug zerbricht und auch bei Männern nicht zimperlich ist. Bevor er sich ganz vorne breitbeinig auf einem Stuhl setzt und eine ganze Weile stumm-gereizt ins Publikum schaut, gibt es eine schön ironische Szene, in der Simon Brusis als Woyzeck im Bühnenhintergrund einen elektrischen Rasierapparat anschließt: mit einem widerständigen Brummen, als wolle hier einer mit allen Mitteln noch ein paar andere Töne aus dem Drama herausholen.

Mit dem Saufgelage jedoch kippen Nuancen wie diese ins expressionistisch Dampfende, was den Abend deutlich trübt und trotz der Kürzungen in die Länge zieht. Die Figur des Andres ist auf einen stummen Beobachter zusammengestrichen, der den Abend über im Bühnenhintergrund sitzt, ohne dass dies für das Bühnengeschehen einen Mehrwert entwickeln würde. Überdies ist die Rolle mit einer Frau (Sabine Scholz) besetzt, so dass man rätselt, ob damit Maries Geist anwesend sein soll. Klar wird es nicht.

Und die wirkliche Marie, gespielt von Nele Jung? Steht lieber zusammen mit den anderen Männern, bildet mit ihnen Grüppchen, wagt nicht nur mit dem Tambourmajor, sondern auch mit dem Hauptmann und dem Doktor ein Tänzchen, und verkriecht sich, wenn's brenzlig wird, in den großen Babykorb. Sie ist nur Teil des Machtgefüges, das aus Woyzeck den Außenseiter und Ausgestoßenen macht. Diese Idee ist grundsätzlich schlüssig, aber statt die Ästhetik des vereinzelten Woyzeck gegen der Kraft der Gruppe konsequent auszureizen, lässt Julia Hölscher an diesem Abend jede Figur auch ihr eigenes Leid, ihre eigenen Abgründe und Deformationen ausbuchstabieren. So leidet Woyzeck nur als einer von vielen, lässt einen der Blick in seinen Abgrund nicht schwindeln. Da steht der kraftmeiernde Gestus des Abends davor.

 

Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: Julia Hölscher, Bühne und Kostüme: Mascha Schubert, künstlerische Mitarbeit: Martin Hammer, Musik: Tobias Vethake, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi. Mit: Nele Jung, Simon Brusis, Christoph Hohmann, Michael Schrodt, Florian Schmidtke, Sabine Scholze.

www.hansottotheater.de

 

Die Regisseurin Julia Hölscher inszenierte im September 2009 in Dresden eine Bühnenfassung von Ingo Schulzes Roman Adam und Evelyn. In Magdeburg, der früheren Wirkungsstätte des jetzigen Potsdamer Intendanten Tobias Wellemeyer, brachte Julia Hölscher im Mai 2008 Ödön von Horváths Oktoberfestballade Kasimir und Karoline heraus. Im Oktober 2007 inszenierte die damals 28jährige gebürtige Stuttgarterin in Hannover die Uraufführung von Tankred Dorsts Stück über das Alter Ich bin nur vorübergehend hier.

 

Kritikenrundschau

Mit ihrer Potsdamer "Woyzeck"-Inszenierung gehe Julia Hölscher "bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen und die Grenzen des guten Geschmacks", schreibt Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (15.3.2010). Die Demütigung Woyzecks werde "bis zur Perversion getrieben", dem Betrunkenen "die Hose heruntergezogen und ein Ledergürtel um den Hals gelegt. (…) Woyzeck im Foltergefängnis von Abu-Ghraib." Theater, so wolle die junge Regisseurin wohl sagen, "muss, wenn es uns berühren und bewegen will, weh tun" – ein Ziel, das die Inszenierung erreicht habe. Dass der Zuschauer die Bilder "so schnell nicht vergessen" wird, liege "an den großartigen Darstellern": Simon Brusis sei "ein verdruckster und verklemmter Woyzeck, der viel zu lange die Demütigungen erträgt", Nele Jungs Marie "erotisch irrlichternd und kraftvoll lasziv". Nicht nur in der finalen Mordszene, die sich "die zu Voyeuren und Komplizen gemachten Zuschauer selbst ausmalen" müssten, gehe Hölscher "ziemlich frei mit Büchners unvollendeten Text-Bausteinen um", wildere in den vier überlieferten Versionen, kürze streiche ganze Figuren. Sie zeige den Mensch als "des Menschen Feind. Das war so und wird so bleiben."

Eine "sehr beachtenswerte Aufführung", die "als Inszenierung und auch darstellerisch mancher Produktion im Großen Haus deutlich überlegen" ist, hat auch Peter Hans Göpfert vom rbb-Kulturradio (13.3.2010) gesehen. Hölscher gebe Büchners Fragment "ein ganz eigenes Gepräge, ohne (...) das Stück in einem spielerischen Korsett zu erdrücken". Die Inszenierung sei "von einem stark expressiven Spielen getragen". Gerade die Striche seien "bemerkenswert und bestimmend". Das Ganze spiele in einem "zugleich metaphorischen und psychologischen Raum", der quasi "die Innenwelt dieses verzweifelt in unwürdigen Jobs um seine Existenz kämpfenden Menschen" zeige. Hölscher spiele "kein naturalistisches, sie zeigt nicht das soziale Drama. Die Figuren sind scharf gesteilte Menschen, die allesamt die Kreatur Woyzeck bedrängen." Die Inszenierung zeige "ganz bewusst nicht, wie einer zum Mord getrieben wird", sondern "wie einer kaputtgeht" und "wie die desolate Lage als Obsession von ihm Besitz" ergreife. Alles sei "sehr intensiv und körperlich ausdrucksstark, wie unter Strom, gespielt".

"Ist Woyzeck ein armer Tropf oder ein Verrückter? Ein Ausgegrenzter und gequältes Opfer? Ein Psychopath oder Archetypus für mörderische Fantasien in jedem von uns?", fragt Klaus Büstrin in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (15.3.2010). Hölschers Inszenierung habe "von allem etwas parat". Woyzeck werde hier "vom Opfer zum Täter (...), mit dem man mitfühlt, mitleidet, der zum Nachdenken anregt". Die "rhythmisch genaue Inszenierung" falle plötzlich aus ihrer "stimmigen Dynamik heraus", da "knirscht und klirrt es gewaltig, kommt Plakatives ins Spiel": Das "nicht enden wollende Besäufnis" solle "auf Heutiges verweisen, auf ein unerbittliches Saufgelage (...) bei der Bundeswehr und die Foltermethoden in einem Gefängnis auf Guantanamo oder im Iran" (sic!). Doch "wo bleibt das Drama zwischen zwei Menschen? Der Abstand zu Woyzeck, Marie, dem Kind und deren Beziehungen wird bei Julia Hölscher leider weit weg verhandelt, ist zu wenig fasslich". Mit dem Walzer, "bei dem jeder mit jedem tanzt", bekomme die Inszenierung wieder "ihre atmosphärische Dichte zurück, weil sie ohne Druck arbeitet". Dass sich Marie dem Tod am Schluss allerdings "ohne Zögern hingibt, wirkt in dieser Inszenierung kaum nachvollziehbar".

 

 
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