Antennen für den amerikanischen Traum

von Kerstin Edinger

Bonn, 13. März 2010. Jegliche Erwartungshaltung sollte man an der Garderobe abgeben, sich freimachen von tradierten Vorstellungen über das Theater und seine Ausdrucksformen. Richard Maxwells Stück "Das Maedchen" lädt ein, Althergebrachtes zu überdenken und neu zu ordnen. Gespielte Situationen, die zu einem dramaturgischen Höhepunkt führen, gibt es nicht. Maxwell geht es um eine Art theatralen Feldversuch, der Stimmungen bei Darstellern und Zuschauern auslotet. Dabei ist jede Aufführung eine Reise ins Ungewisse.

Zwischen Poesie und Brutalität

Maxwell hat einen Text geschrieben, der zwischen Poesie und brutaler Direktheit changiert. Er beschreibt darin die Beziehung eines alleinerziehenden Vaters zu seiner Tochter. Das kleine Idyll bekommt Risse, als sie sich von ihm abnabelt und eigene Wege geht. "Der Tag der Abrechnung rückt näher. Die Tochter wird ausziehen. So ein großzügiges und gutes Kind." Der harte, schweigsame Mann vereinsamt und sehnt schließlich den Tod herbei. "Er will nicht sterben, Mann. Aber er weiss einfach nicht wohin."

In Maxwells Text geht es um Gefühle: um Liebe und Hass, um Eigennutz und Selbstlosigkeit. Die so privat erscheinende Geschichte lässt immer wieder existentielle, ja fast philosophische Fragen aufscheinen. "Hab keine Angst, dass dein letzter Gedanke auf diesem Planeten banal sein wird." Er zwingt die Zuschauer aufmerksam zu bleiben. Fast eine Stunde lang fällt kein Wort, die Darsteller improvisieren Stimmungen und Gefühle des auf die kahle Bühnenrückwand projizierten Textes auf fast tänzerische Art. Sie krümmen sich, halten sich gegenseitig fest, blicken sich an. Jede Bewegung erzeugt eine improvisierte Reaktion beim Gegenüber, jeder Blick verändert die Situation.

Minimal-Theater am Rande der Meditation

Äußerste gespannte Stille. Das verlangt von den Darstellern vollkommene Offenheit, absolutes Einfühlungsvermögen und keine Angst vor dem Versagen. Die sieben deutschen und amerikanischen Schauspieler (drei vom Theater Bonn, vier von Maxwells "New York City Players") meistern dies bravourös. Sie lassen emotionale Schwingungen sichtbar werden, machen auf der Bühne, dem eigentlichen Ort des gespielten Gefühls, Platz für mehr Ehrlichkeit.

Der Zuschauer ist gezwungen, genau zu beobachten, seine Antennen auszufahren, um am Geschehen dran zu bleiben. Eine fast meditative Stille herrscht im Saal. Und es geht weiter: Erzählperspektiven wechseln, die Darsteller tauschen die Rollen, Lichtstimmungen verändern sich minimal. Richard Maxwell fordert den Zuschauer sanft und doch eindringlich auf, nicht unaufmerksam zu werden.

Theaterforschung live

Richard Maxwell wendet sich radikal von der erzählerischen Form ab und betreibt mit seinem Stück Theaterforschung: Wie gehe ich mit Sprache um? Wie verhält sich ein Schauspieler auf einer leeren Bühne? Wie wirken Worte, wie Bewegungen? Dabei nimmt er die Zuschauer mit auf eine experimentelle Reise, von der auch er den Ausgang nicht kennt. Stimmungen, Gefühle sind vorgegeben, doch vieles bleibt Improvisation, gleicht einer intimen Probensituation. Immer wieder fügt Maxwell Brüche ein.

Hat man sich nach fast einer Stunde im textlosen Improvisationsgefüge zurecht gefunden, wechselt das Licht, und die Darsteller beginnen Text zu sprechen. Wie wohl hatte man sich im stillen Aufeinanderabgestimmtsein gefühlt. Es ist spannend zu merken, wie Maxwell den Zuschauer in seiner Erwartungshaltung an der Nase herumführt.

Appell für Veränderung

Intendant Klaus Weise und Chefdramaturgin Stephanie Gräve beweisen Mut, Richard Maxwell, einen der radikalsten Avantgarde-Regisseure der Gegenwart ins konservative Bonn zu holen. Doch es hat sich gelohnt: Maxwell schafft es, auf unaufdringliche Art dem regulären Theaterbetrieb einen Spiegel vorzuhalten. Sein Abend ist ein Appell zur Veränderung, der die Zuschauer mit einbezieht. Ein Abend, an dem Emotionen und Gefühle auf spannende Weise transportiert werden und der einen nicht unberührt zurück lässt. Er macht leise und doch brachial den Weg frei für neue Darstellungsformen des Theaters.


Das Maedchen (UA)
von Richard Maxwell. Deutsch von Anna Kohler
Regie: Richard Maxwell, Bühne: Sascha van Riel, Kostüme: Sascha van Riel, Mathilde Grebot, Choreographie: Ziv Frenkel und Ensemble, Licht: Sirko Lamprecht, Dramaturgie: Stephanie Gräve.
Mit: Susanne Bredhöft, Anastasia Gubareva, Sibyl Kempson, Victoria Vazquez, Jim Fletcher, Brian Mendes, Raphael Rubino.

www.theater-bonn.de


Mehr über Richard Maxwell im nachtkritik.de-Archiv: Maxwells New Yorker Produktion Ode to the man who kneels war 2008 beim Theaterfestival Reykjavik zu Gast.

 

Kritikenrundschau

Zum Theater gehöre "die ästhetische Störung integral dazu", das lasse sich an Richard Maxwells Bonner Theater-Experiment "Das Mädchen" "fast exemplarisch studieren", schreibt Hans-Christoph Zimmermann im Bonner General-Anzeiger (15.3.). Denn hier sei "alles anders: Es gibt kein Stück, aber einen Text. Dialoge werden nicht gesprochen, sondern projiziert. Die Darsteller tanzen, nicht zu Musik, sondern zu Wörtern. Und worum handelt es sich dann dabei? Um einen beeindruckenden Theaterabend." Faszinierend daran sei, "wie Maxwell die Bedeutungsebenen von Text, Rolle, Interpretation bewusst macht. Und plötzlich fühlt man sich ertappt: Warum bezieht man das Gelesene sofort auf die Aktion? Wieso ist man sich bei der Rollenzuweisung sicher? Bestreiten wir mit diesen vorschnellen Interpretationsmustern nicht auch unseren Alltag?" Und am Ende gelinge es Maxwell trotzdem noch, "eine Mischung aus Melancholie und Utopie" aufsteigen zu lassen, "wie sie vielleicht nur ein amerikanischer Künstler entwickeln kann".

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