Von Sascha lernen, heißt siegen lernen

von Kerstin Edinger

Essen, 17. April 2010. Sind sie sich nicht alle ähnlich in ihrem Übermut, ihren offenliegenden Emotionen, ihrem in Unordnung geratenen Hormonzustand? Ob Shakespeares Puck, Büchners Woyzeck, die Antigone des Sophokles oder eben Jakob Heins Sascha? Es ist kein Zufall, dass der Essener Publikumsliebling David Bösch gerade diese witzige, kleine Geschichte ausgewählt hat, um sich (mit dem Ende der Intendanz Anselm Webers) von seinem Essener Publikum zu verabschieden.

David Bösch rückt Sascha aus Ostberlin in eine Reihe mit den großen Figuren der Weltliteratur und lässt ihn in rückblickenden Monologen seine eigene Geschichte erzählen: ein rührend unbeholfener Teenager zwischen Liebesnot und Triebstau, wie es ihn tausendfach gibt. Durch die erzählerische Distanz des Erwachsenseins können sich in dieser Geschichte Ironie und Selbstkritik humorvoll entfalten.

Rockkonzert mit Texteinlagen

Sascha steckt mitten in der Pubertät und mit ihm seine überbordenden, von Hormonen gesteuerten Gefühle zum anderen Geschlecht. Liebe als Ausnahmezustand, als Peinlichkeit. Er ist in der schwierigsten Phase seines Lebens. Mädchen sind für ihn unerreichbar, seine Clique ist vor allen Dingen eins: cool. Verarbeiten kann Sascha diese permantente Überforderung nur mit Musik, lauter heftiger Punkmusik.

Auf der Bühne, einer Art Probenraum zwischen Luftmatratzen und coolen Wand-Sprühereien, stehen also drei Jungs in Punkerklamotten. Gestreifte enge Hosen, T-Shirts und ein abgewetztes Sofa, auf dem "Made in GBR" zu lesen ist. Matthias Eberle, Lukas Graser und Raiko Küster an Schlagzeug, Bass und E-Gitarre. Bösch hat sich für keine Dramatisierung des Stoffes entschieden, sondern lässt eine "Band" erzählen: Ein Rockkonzert mit Texteinlagen.

Die drei Schauspieler singen und spielen, springen zwischen allen Personen des Romans gekonnt hin und her und bilden gemeinsam die Ich-Erzählerfigur Sascha. Für jedes Gefühl, für jede Stimmung findet sich der passende Sound. Als Punker Sascha versehentlich in eine Popper-Disco gerät, säuselt die Band einen Modern-Talking-Song, um dann in gleich hohem Tonfall Poppermädchen Jana zu imitieren. Wir können mit Sascha mitfühlen, wie ätzend er sie gefunden haben muss. Und doch wird sie ihn an diesem Abend noch "entjungfern". Laute Schlagzeugdrums und ein zappelnder zuckender Schauspieler auf der Couch genügen, um Saschas Verstörung zwischen Überrumpelung und Geilheit zu vermitteln.

Weltgeschichte im Blickwinkel der Pubertät

Bösch vollzieht keine Kostüm- und Verkleidungsschlacht, sondern verlässt sich auf die Kraft seiner drei Schauspieler und die Emotionalität der Musik, um Saschas Jugendjahre erzählerisch greifbar zu machen, wie er sich schließlich selbst mehr und mehr reflektiert und erwachsen wird. So erleben wir Kopfkino, das rockt. Ruhige Monologe, von nur einem Schauspieler vorgetragen, wechseln mit rasanten Rollenwechseln und lauten Beats.

Die Inszenierung ist immer dann am besten, wenn alle drei Darsteller gemeinsam agieren, wenn sie von schnellem Rollenspiel als Freundin oder Freund zu nur einem Sascha verschmelzen. Dessen Weltschmerz und seine Wut gegen die Mädchen, die ihn nur als besten Freund wollen, enden in Jammern und Selbstmitleid. Dabei übertreiben die Schauspieler und heulen in ihre Mikros – eine Überdramatisierung, die den Wortwitz der Vorlage noch herauskitzelt.

In die Zeit, in der Saschas Gefühlsleben eine so radikale Wende durchmacht, fällt auch die Wende von 1989. David Bösch findet kleine, einfache Bilder, um dieses große historische Ereignis zu reflektieren. So lässt er die Souffleuse in der ersten Reihe "Wind of change" von den "Scorpions" pfeifen und mit einer Torte in Form der Berliner Mauer auf die Bühne treten, um sie dann mit den drei Jungs zu zerstören und aufzuessen.

So erzählt David Bösch auch Zeit- und Weltgeschichte aus Saschas pubertierendem Blickwinkel. Wie für ihn so typisch, widersetzt er sich jeder intellektuellen Kraftmeierei und präsentiert eine auf Emotionalität und viel Musik setzende Adaption des Romans. Ein unspektakulärer und doch charakteristischer Schlußpunkt unter seine Essener Zeit, in der es ihm immer um Gefühle ging. Und ein ebenso entspannter, wie charmanter Abgang.

 

Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand (UA)
nach dem gleichnamigen Roman von Jakob Hein
Regie: David Bösch, Bühne: Julia Scheurer/David Bösch, Kostüme: Julia Scheurer, Licht: Daniel Bühler, Sound: Reinhard Dix, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Matthias Eberle, Lukas Graser, Raiko Küster und Uschi.

www.theater-essen.de


Mehr zu David Bösch im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Es sei "ein grandioser Abend", jubelt Gudrun Norbisrath auf dem Internet-Portal Der Westen (18.4.2010). "Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand" sei "ein hübsches Stück Popliteratur des Leipzigers Jakob Hein; witzig und leise süffisant handelt er seine Jugend in der DDR ab: aufsässig systemkritisch und ewig auf der Jagd nach Sex. Also nicht nur DDR, sondern das Leben als solches." In Essen mache der Regisseur David Bösch "aus 170 Seiten Roman eine rasante Show, ein Rockkonzert; ein wunderbares Stück Unterhaltung, das (...) sagt: Auch die kleinen privaten Dinge haben ihre Katastrophen; lasst uns ein Fest daraus machen." Und "Essen ist aus dem Häuschen, klatscht und trampelt und ist einfach froh; richtig froh."

Bösch überführe Jakob Heins "kleinen Roman" in ein Punk-Konzert, das immer mehr (dramaturgischen) "Pfiff" entwickle, findet Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen (24.4.2010). "Etwas DDR-dicke" lege der Abend los, löse sich dann aber "umso entspannter in die Geschichte dieses romantischen Verlierers auf". Von den "direkten wie gewitzt parodierten" Songs befördert, "vermittelt die charmante Aufführung fast mehr vom Lebensgefühl der Vorwendezeit, als der 1971 in Ost-Berlin geborene Autor (...) in seiner Prosa einfängt".

 

 
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