Kann man einen Diskursengel umarmen?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 18. Mai 2010. Die Bühne auf der Bühne des Kleinen Hauses ist ein weißer, vorn zur Hälfte aufgeschnittener, oben offener Zylinder, eine Bild gewordene Stunde Null, auf der die Inszenierung "Nathan schweigt" nach G.E. Lessing dann ihre Spuren hinterlässt. Zu Beginn treten die Akteure an den Rand und stellen sich vor: „Ich spiele Daja, Sittah, mich selber und Kant."

Interessanter Anfang. So könnte Aufklärung funktionieren: Immer schön sagen, was man macht, und dann kann man ja drüber reden. So wird es aber nicht laufen. Die Struktur ist eher so: Jeder stellt eine Behauptung auf, geht dann ab und lässt sein Publikum damit allein. Dann wird es dunkel, Striche wimmeln über die Projektionsfläche, sammeln sich zu Händen, einem Kopf, fließen wieder auseinander (Video: Aksel Zeydan Göz). Man versteht. Die Welt ist irgendwie komplexer, Gedankengebäude sind eher wie die Momentaufnahme von Eisenfeilspänen in Kraftfeldern, als Ergebnis kommunikativen Handelns.

Postmodern eingebettet und fokussiert

Da hinein platzt Rechas Gerede vom Wunder ihrer Rettung. Sicher, Nathan umarmt die gerettete Tochter, aber gleich gehen sie in den keifenden Clinch über die Möglichkeit von Wunder oder Wunderwesen. Kann eine Tat Zeugnis für etwas sein, dass über ihre Entstehungsgeschichte hinausgeht? Und was hätte Mensch davon? Kann man einen Engel umarmen? Schon ist man im Lessingschen Aufklärungsdiskurs.

Die Schauspieler kämpfen etwas mit den Blankversen, aber das renkt sich im Lauf des Stückes ein. Und es gibt zwischen drin auch immer wieder sprachliche Erholungspausen. Denn die türkische Regisseurin Emre Koyuncuoglu hat das Stück wie eine Erörterung gegliedert, nicht im schulischen Lehrbuchsinn, eher nach postmoderner Feldtheorie. Es werden zehn Szenen aus Lessings Nathan herausgegriffen, die, wie im Programmheft erläutert, "auf Glaubens-, Autoritäts- und gesellschaftliche Konflikte fokussiert sind". Die werden eingebettet in andere Texte, Spielszenen und Videostricheleien.

Multireligiöse Familienaufstellung

Da wird Kants Plädoyer für einen Völkerbund rezitiert, populistisches Politikergewäsch, das Zeugnis einer verhinderten Selbstmordattentäterin, man spielt Elternabend und diskutiert die Einschulung in eine Klasse mit 70 Prozent Ausländeranteil, hübsches Videogeflimmer wird zum Demonstrationsobjekt einer Religionsschule, der eine müht sich zum Gebet, die andere rattert ihres hysterisch herunter, eine Dritte brüllt ihren Hass auf die "Scheiß Toleranz" heraus. Hebräisch, arabisch, lateinische Schriftstrichel formieren sich zu unterschiedliche Gebilden, fließen in- und auseinander. Und am Schluss steht die Happy-End-Nathansippe in schönster multireligiöser Familienaufstellung da.

Parallel dazu wird die weiße Bühne (Annette Haunschild) immer schmutziger, wie jedes Gedankengebäude, Welt- oder Hinterwelterklärungsmodell, sobald es der Mensch bezieht. Immer mehr Eimer voll Erde werden verschüttet, nicht, bis einer heult, aber bis einer nackig und eingeschmiert in der Ecke liegt und sich schämen soll.

Irgendwie seltsam

Eine seltsame Inszenierung. Irgendwie hat man schon das Gefühl, dass viele relevante Implikationen des Stücks angespielt werden, es eröffnen sich auch durchaus anregende Denkanstöße. Dazu verspürt man die irritierende Tücke, vergeblich etwas typisch Türkisches an der Inszenierung entdecken zu wollen. Das alles mischt sich jedoch zu einer gewissen Leere und Unbeteiligtheit. Der Eindruck, einem "Hier, mach selbst was draus" gegenüber zu stehen. Aber so geht es dem Sultan mit Nathan ja auch.

 

Nathan schweigt.
Theaterprojekt nach Lessing.
Regie: Emre Koyuncuoglu, Bühne: Annette Haunschild, Kostüme: Mai Gogishvili, Video: Aksel Zeydan Göz, Musik: Cigdem Borucu, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Frank Albrecht, Anna Böger, Lene Drieschner, Bettina Grahs, Hendrik Heutmann, Martin Weigel.

www.theater.freiburg.de

 

Nathan der Weise gehört naturgemäß in Deutschland regelmäßig zu den meist gespielten Stücken. nachtkritik.de hat aber nur zwei weitere Nathan-Inszenierungen in seinem drei Jahre zurückreichenden Archiv, eine mit Elfriede Jelinek verschnittene aus Hamburg von Nicolas Stemann (Oktober 2009) und abermals eine "Version", diesmal von Christian Lollike, aufgeführt in Leipzig im September 2007.

 

 

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