Im Herz der Finsternis

von Petra Hallmayer

München, 10. Juni 2010. Das Grauen kommt auf leisen Sohlen. Harmloser als Harold Pinters "Geburtstagsfeier", die Thomas Langhoff nun im Residenz Theater inszenierte, kann ein Stück kaum beginnen. In der schäbigen britischen Strandpension von Meg und Petey Boles zelebriert das alte Ehepaar bei einem langen Frühstück aberwitzig sinnfreie Kabbeleien über Cornflakes und nichtige Neuigkeiten aus der Zeitung. Zu ihnen gesellt sich schließlich ihr einziger Gast, der angeblich gescheiterte Pianist Stanley Webber, ein verlotterter Loser mit fettig strähnigen Haaren, der sich vor einem Jahr einquartiert hat und an den sich Meg mit erotisch aufgeladener entmündigender Mütterlichkeit klammert.

Die von einer dahinter sonnenblumengelb leuchtenden Wand umrahmte Wohnstube, durch die die dusselig-schusselige Meg mit Kittelschürze und Lockenwicklernetz tapst, ist eine veritable Scheußlichkeit, ein Sammelsurium abgewohnter Möbel vor mit Sammeltellern behängten fleckigen Tapeten. Hier haben sich die Drei in einer Endlosschleife absurder alltäglicher Rituale eingerichtet, bis eines Tages zwei geflissentlich höfliche Herren auftauchen, die sich als Zufallsgäste ausgeben, tatsächlich aber gekommen sind, um Stanley zu holen. Vorab allerdings wollen sie ihm eine Party arrangieren.

Riesenbaby mit festgeklebtem Schuljungenscheitel

"Die Geburtstagsfeier" erzählt von der sukzessiven Einschüchterung, Zurichtung und Vernichtung eines Menschen. In wessen Auftrag Goldberg und McCann, die Agenten einer nicht näher definierten Organisation, agieren, und wer dieser Stanley wirklich ist, werden wir nie erfahren. Der 2008 gestorbene Nobelpreisträger hat seine Rätsel nicht entschlüsselt, dessen Stücke unablässig Fragen aufwerfen, ohne eine einzige davon zu beantworten.

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Die Geburtstagsfeier © Thomas Dashuber

Wenn Thomas Langhoff Pinter inszeniert, erwartet man keine atemberaubenden Überraschungen. Die bietet diese Premiere denn auch nicht. Langhoff zeigt präzise texttreues, routiniertes Regiehandwerk. Dagegen ist nicht grundsätzlich etwas einzuwenden, allein er versäumt es, eigene starke Akzente zu setzen und so schleicht sich irgendwann der Todfeind eines großen Theaterabends ein: die gemütliche Langeweile. Das ist nicht die Schuld der Schauspieler. Dieter Mann, langjähriger Berliner Weggefährte Langhoffs, der sein spätes Debüt am Bayerischen Staatsschauspiel gibt, macht aus Goldberg einen schneidend kalten, abgehalfterten Mafiosi, einen abgebrühten Manipulator und perfiden Proficharmeur, dem Robert Joseph Bartls McCann als willfähriger Handlanger dient, ein groteskes Riesenbaby mit festgeklebtem Schuljungenscheitel, das sich an der geliehenen Macht immer wieder hemmungslos berauscht.

Flucht in die Verdrängung

Robert Gallinowski schwankt als keineswegs opferlammfrommer, desolat ruppiger Stanley zwischen plötzlich auflodernder Aggressivität und vorauseilender Unterwürfigkeit. Helmut Stange und Cornelia Froboess als Petey und Meg sind ein hinreißendes Paar, wunderbar komisch in ihren sich verfehlenden Dialogen, und wenn sie am Ende, nachdem Stanley verschleppt wurde, beisammen sitzen und wechselseitig ihre Lügen bejahen, dann hat das trotz der Grausamkeit ihrer Flucht in die Verdrängung auch etwas traurig Anrührendes.

Die Essenz des 1958 uraufgeführten Stücks - das Ausgeliefertsein des Individuums an die diktatorische Willkür eines undurchschaubaren Machtapparats - neu zu beleben, gelingt Langhoff nicht. Seine zweistündige Inszenierung hängt zumal in der Mitte mächtig durch. Die Bedrohlichkeit des gehirnwäscheartigen Verhörs, in dem Goldberg Stanley einem maschinengewehrfeuerschnellen gagaesken Fragenhagel aussetzt, verliert sich rasch wieder. Statt die Schlingen des Schreckens fester zu zurren, die flirrende Unheimlichkeit subtil zu steigern, kappt Langhoff den Spannungsbogen und lässt die Figuren bei der Geburtstagsparty, bei der sich Goldberg an das naive Blondchen Lulu (Nadine Germann) ranmacht, durch ein dröges Totalbesäufnis und ein witzlos ausgedehntes Blinde-Kuh-Spiel torkeln.

Erst in der vorletzten Szene, wenn Stanley als geschniegelter Anzugszombie auf einem Stuhl sitzt, eine willenlose, Gurgellaute lallende Marionette, die darauf wartet, abtransportiert zu werden, blicken wir kurz ins Herz der Finsternis, blitzt etwas von dem Horror auf, der der Geschichte innewohnt. Da aber ist es schon zu spät, noch jene existenzielle Verunsicherung auszulösen, die in Pinters comedy of menace eingeschrieben ist.

 

Die Geburtstagsfeier
von Harold Pinter
Regie: Thomas Langhoff, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Rudolf Gregor Knabl, Dramaturgie: Hans-Joachim Ruckhäberle.
Mit: Cornelia Froboess, Nadine Germann, Robert Joseph Bartl, Robert Gallinowski, Dieter Mann, Helmut Stange.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr über Thomas Langhoff m Glossar von nachtkritik.de.

 

Kritikenrundschau

Gut gemacht, aber völlig aus der Zeit gefallen, findet Egbert Tholl Thomas Langhoffs Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (12.6.2010), dem dieser Abend "wie ein groteskes Überbleibsel aus einer Zeit, in der man mit reiner Theatralität noch Dinge erfinden konnte, die keiner glauben wollte." Dieses naive Urvertrauen in eine theatrale Behauptung jedoch sei längst verloren gegangen und existiere "einzig und allein noch in den Randbereichen eines bürgerlichen Unterhaltungstheaters". Und als solches scheint aus Tholls Sicht nun auch das Publikum die Münchner Aufführung wahrzunehmen: "wie eine Boulevardkomödie mit für dieses Genre umwerfenden Schauspielern. Von der Verunsicherung, die Pinter einst im Sinn gehabt haben mag, ist nichts mehr übrig." Die vielen Rätsel im Stück, ursprünglich Platzhalter für böse Phantasien, seien jetzt nur noch Löcher in einem überschaubaren Konstrukt. "Unter dem Bühnenrealismus gibt es keinen doppelten Boden mehr."

Von einem "Schauspielerfest" spricht Simone Dattenberger im Münchner Merkur (12.6.2010). Thomas Langhoff habe mit seiner Pinter-Inszenierung gezeigt, was man allzu oft auf den Bühnen vermisse: "dass Menschen mit ihren vielen Facetten, gerade mit den Grauschattierungen in ihren Seelenfalten dargestellt werden müssen – um, ja, um ihnen Respekt zu zollen, insbesondere wenn sie schwach und fehlbar sind". Mit seiner Inszenierzung schaffe Langhoff "ein freies Spiel-Feld ohne Denk-Gerüst", und öffne dadurch er Herz und Hirn für die Geschichte der Figuren. Für das ganz große Zuschauerglück sorgen bei der Kritikerin besonders Cornelia Froboess und Dieter Mann.

Dass Langhoff "eine greifbare Klischeeidylle – und keine soziale Elendsstudie – zum Grundmuster seiner Inszenierung" gewählt habe, mache "wesentlich das Glück dieses hommageartigen Theaterabends aus", meint Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (14.6.2010). Die Meg der Cornelia Froboess halte ihren Alltag "durch rührend reduzierte Haushaltsrituale zusammen, die sie sich, geradezu infantil, zwischen Trotz, Apathie und ignorierter Irritation alle halbe Minute goutieren lässt, um sie zu rechtfertigen". Und der gescheiterte Barpianist Stanley, Langzeitgast im Hause Boles, bleibe mit all seinen "starrsinnigen Ausrastern, mitleiderregenden Zusammenbrüchen und bewegenden Kapitulationen (...) dank des feinfühlenden Spiels von Gast-Schauspieler Robert Gallinowski nachvollziehbar menschlich". Dieter Mann und Robert Joseph Bartl gäben überdies "ein perfektes Verbrecherduo von beklemmendem Humor" ab. Die Trauer sei die größte Schwäche von Pinters Figuren, "und dass Langhoff diese Schwächen auf eine intensive, individualisierte Weise zeigt, ist seine größte Stärke. Lange hat München auf seinen Pinter gewartet. Jetzt hat es einen wiederentdeckt und zu schätzen gelernt, der bleibt."

 

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