Über Sex spricht man nicht, man hat ihn

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 18. August 2010. Und wenn da der allerhöchste Baum stünde und Hippolytos eilends bis in den Wipfel klettern würde: Es gäbe kein Entrinnen vor Phädra in diesem Moment, da sie dem Stiefsohn ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, nein: aufdrängt, sie ihm entgegenschleudert und ihn beinah zu zermalmen scheint. Mit elementarer Wucht bricht dieses Triebwesen über den fassungslosen jungen Mann herein. Für solche Szenen hat Regisseur Matthias Hartmann auch noch einen Choreographen, Ismael Ivo, beschäftigt. Es ist schon starkes Körper-Theater, wenn Phädra dem Hippolytos das Hemd vom Leib reißt, sich an seiner Hose zu schaffen macht, ihn schlangenartig umschlingt. Kurz: Das ist mehr Vergewaltigung als Liebesgeständnis.

Aber langsam: So geläufig ist Jean Racines "Phädra", die ihrerseits auf Euripides und Seneca fußt, nicht. Phädra ist die zweite Frau von Theseus. Hippolytos ist der Stiefsohn. Theseus ist für längere Zeit in Sachen Heldentaten unterwegs, wozu das Erobern von Frauenherzen gehört (diese seine schlechte Eigenschaft wird in einer Szene mal besprochen von den Daheimgebliebenen). Auf Phädra lastet ein göttlicher Fluch, eben jener der Liebestollheit in Sachen Hippolytos. Es gibt noch eine Gefangene im Haus, die athenische Königstochter Arikia. Für sie schwärmt Hippolytos, darf ihr die Liebe aber nicht gestehen.

Ist es Schuld oder kommt's aus der Seele?

Eine sexuell aufgereizte Atmosphäre also am Hof des abwesenden und schließlich sogar tot gemeldeten Theseus. Mit dieser Todesnachricht kommen die Dinge fatal in Gang, Phädra schnappt sich augenblicklich den Stiefsohn, der erklärt sofort Arikia seine Liebe. Aber da kommt zur Unzeit - Phädra wollte gerade mit Hippolytos' Schwert masturbieren - der tot geglaubte Theseus zurück. Phädra, die selbst sogar zum Lügen unfähig wäre in ihrer sexuellen Besessenheit, lässt sich von der Dienerin Önone einen Trug einreden. Der Spieß wird umgedreht, Hippolytos der Liebe zur Stiefmutter bezichtigt. Theseus fackelt nicht lange und fragt nicht viel. Er rast, verbannt den Sohn, bittet Neptun zum Rachewerk. Die Götter funktionieren perfekt und am Ende gibt es einige Tote (inklusive Phädra, die sich vergiftet). Theseus, der erkannt hat, dass er den Sohn vorschnell verurteilt hat, sinkt konsterniert über Phädras Leiche zusammen.

Das ist alles viel weniger umständlich und psychologisch interessanter, als es die Inhaltsangabe vermuten lässt. Racine geht frontal los auf die Sexualität als Trieb-Element. Ist da wirklich jemand, der ernsthaft Schuld auf sich geladen hat, oder kommt das alles unmittelbar aus der Seele? Freud erscheint vorausgenommen. Ein anderes Thema ist die Sprachlosigkeit um Sexualität. Ach täte doch einer dem Theseus reinen Wein einschenken! Aber alle glauben schweigen zu müssen und sprechen nicht aus, was Sache ist.

Jedem eine kleine, wohltuende Macke

Kein historischer Firlefanz, präzises heutiges Theater in der Salzburger Festspielaufführung, für die Johannes Schütz ein beeindruckendes Nicht-Bühnenbild geschaffen hat: Eine riesige Drehwand, auf einer Seite schwarz, auf der anderen weiß, im Bühnen-Rahmen. Nichts sonst. Schütz' Kostüme sind heutig, klassisch-elegant. Nichts lenkt vom präzis gesprochenen Wort ab.

Matthias Hartmann hat sich auch nicht unterkriegen lassen von der starken mythischen Prägung der Figuren (ein jeder und eine jede trägt ja ein Bündel aus unbewältigter Vergangenheit, göttlichen Verwünschungen und unglücklichen Prophezeiungen mit sich herum). Da wird das sexuell aufgereizte Drama bündig erzählt. Und eine jede Figur erhält mindestens eine kleine Macke, die über die Tragödien-Pflichterfüllung hinausweist. So ist dafür gesorgt, dass man immer auch ein wenig schmunzeln kann, in den allerärgsten Momenten sogar. Diese Distanz tut Racines Text enorm gut.

Vor der Phädra der Sunnyi Melles muss man sich wahrhaftig fürchten. Hysterie und geballte Leidenschaft machen sie zur lebenden Zeitbombe, vom ersten Auftritt an. Diese unterdrückten Schreie; dieses exaltierte Wimmern nach Liebes-Erfüllung; dieser ehrliche Wille, den Trieben nicht nachzugeben und Hippolytos aus dem Weg zu gehen. Wenn sie die spindeldürren Arme hochreißt, die Finger spreizt ist sie Hysterikerin und Tragödin, Mitleid Heischende und mannstolle Femme fatale im gleichen Atemzug. So also wird man von einer Psychose durchgebeutelt. Therese Affolter als Phädras Amme und Vertraute gibt eine urig-geerdete, deshalb: bodenständige Figur. Sie hat wohl gelernt, mit den Stimmungsschwankungen der Herrin umzugehen.

Unverstaubt, psychologisch dicht

Philipp Hauß als Hippolytos wird schnell erwachsen. Zuerst hat der junge Mann mit der altmodischen dunklen Brille sich noch recht unentschlossen seinem Erzieher (Hans-Michael Rehberg) anvertraut. Wer es aber mit einer wie Phädra und dem Ernst des (Sexual)Lebens zu tun kriegt, bleibt nicht lange ein unbedarfter Schnösel. Sylvie Rohrer als Arikia wirkt in dieser Umgebung fast ein wenig zu gespreizt-zurückhaltend, aber das ist wahrscheinlich ganz absichtsvoll, um die Gefühlsschraube nicht zu überdrehen.

Der Emotions-Pegel ist hoch und ungefähr zur Stückhälfte betritt Theseus die Bühne: Etwas bullig wirkt Paulus Manker, mit kleinen Augen schaut er - der erprobte Antikenheld - sich die Dinge ringsum an. Er ist gewohnt, einsame und vor allem rasche Entscheidungen zu treffen und nicht lange herumzuflunkern. Das wird sich in dem Fall als fatal herausstellen, aber was soll's. So funktioniert Männlichkeit. Dieser Theseus täte perfekt rückwärts einparken, aber in dem Fall missachtet er die Geschwindigkeitsbeschränkung.

Nach dieser dichten, psychologisch durchkämmten Aufführung hält man Phädra für ein Fundstück, und Lust, ja Gier auf mehr Racine kommt hoch. Da scheint eine Option auf unverstaubtes Gefühlstheater zu bestehen.

 

Phädra
von Jean Racine, Deutsch von Simon Werle
Regie: Matthias Hartmann, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Chroreographie: Ismael Ivo, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Sunnyi Melles, Paulus Manker, Philipp Hauß, Sylvie Rohrer, Therese Affolter, Hans Michael Rehberg u.a.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr zu den Salzburger Festspielen und was in diesem Sommer bisher dort geschah: beim Young Directors Project inszenierte Angela Richter Tod in Theben und für diese desaströse Trostlosigkeit gabs am Ende sogar Geld zurück. Peter Stein zeigte seinen Ödipus auf Kolonos, Jossi Wieler inszenierte Angst von Stefan Zweig, und im Jedermann spielten erstmals Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek.

 

Kritikenrundschau

"So brillant die Beherrschung der Mittel ist, so wenig jedoch bleibt davon haften", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (20.8.2010). Man könne bei sich kein Mitleid konstatieren, keine Katharsis weit und breit. Das liege an drei Dingen, so Tholl: "Dadurch, dass Phädra die eigene Liebe mit großen Augen bestaunt und sich darüber wundert, wohnt der Aufführung eine federleichte Komik inne, sie ist kurzweilig, ja mitunter lustig. Im ungebremsten Ausbeuten all ihrer darstellerischen Mittel nivelliert Melles diese selbst ein wenig. Und um Phädra herum, der dritte Aspekt, befinden sich ein paar Figuren, die der Wucht der Emotion nicht gerade förderlich sind." Fazit: Das ist Theaterkunst, die nichts mehr aussagt, außer sich selbst. "Und wäre da nicht Paulus Manker, man könnte glauben, die Salzburger Festspiele hätten aus einer Champagnerlaune heraus sich einen elaborierten Scherz mit dem Publikum erlaubt."

Ziemlich bald bewundere man vor allem, was die Melles macht. "Und gerät so in eine ungewollte Distanz zum Drama der verbotenen Gefühle, um das es ja eigentlich geht", beschreibt es Joachim Lange in der taz (20.8.2010). Wie weit diese Phädra über dem Stück schwebe, tobt, schreit und leidet, "wird deutlich, wenn Paulus Manker als ihr tot geglaubter Ehemann Theseus auftaucht und mit knappen Gesten die Sprache zu seiner Waffe macht. Wenn er wütet gegen den zu Unrecht beschuldigten Sohn und verzweifelt, als die Götter seinen Fluch erhören, bevor er ihn zurücknehmen kann." Johannes Schütz' schlichter Bühnenrahmen "ist ein Geniestreich. Hier macht Hartmann aus Racines Tragödie eine echte Wortchoreografie, ein ausschweifendes Mimentheater, das einen eigenen Sog entfaltet." Die verbotene Leidenschaft der Königin zu ihrem Sohn, als menschliches Fazit einer weitreichend göttlichen Verwicklung ihrer Vorgeschichte, rücke mit überraschendem Spielwitz an uns heran, weil Hartmann Archetypisches in wiedererkennbaren Verhaltensmustern aufspüre.

Das Gerüst, das durch die Verknappung auf 95 Minuten übrig bleibe, "ächzt manchmal unter dem großen Stoff, der zu bewältigen ist, aber es trägt das Spiel", so Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (20.8.2010). Und das komme der Komik des Stücks zugute, mit der man bei diesem schicksalsschwangeren Stückes nicht rechne. "Die schwierigste Gratwanderung hat naturgemäß Phädra zu bewältigen. Mit der Melles hat Hartmann eine Schauspielerin gewählt, die den hohen Ton genauso gut setzt wie sie ihre Figur ganz nah an die Lächerlichkeit führt." Fazit: "Es ist dieses All-Star-Ensemble, das diese 'Phädra' sicher über die Runden bringt. Eine Inszenierung wie ein einziger Gefühlsausbruch. Zum Denken bleibt da naturgemäß etwas weniger Raum."

Gerhard Stadelmaier (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.8.2010) hat für Sunnyi Melles keine Bewunderung übrig und schreibt: "Eine Fehlbesetzung, eine groteske nordische Magermegäre, blondstrubbelig, blass und zickig in einem kurzen schwarzgrauen Satinmorgenrock mit weißem Revers steckend. Die irrwitzig überspannte gnä' Frau, aus Unlustträumen erwacht, die plötzlich ihre Lust und ihre Geilheit entdeckt wie eine Superlaune. Sie gilft und geifert "Liiiiieeeebe!" wie ein trotziges, verzogenes Kind, schreit schrill und gnadenlos ihr Begehren heraus." Regisseur Matthias Hartmann, der mit kleinen Figuren keine Schwierigkeiten habe, "die größten Figuren aber gerne auf das kleine Format bringt, das in eine Wegtragetüte passt, schnürt das Stück ums Hauptnervenbündel Phädra herum zu lauter handsamen Nebennervenbündeln." Dann doch, wendet Stadelmaier am Ende seiner Kritik ein: ein, zwei beglückende Momente, wenn Sylvie Rohrer auftritt, eine "Ertragende, die dem Schicksal, das ihren Geliebten in den Tod reißt, eine Form abtrotzt."

Und Sunnyi Melles strapazierte auch die Nerven von Ulrich Weinzierl (Die Welt, 20.8.2010). "Die großartige Schauspielerin, deren Intuition sonst ans Geniale grenzt, ist leider eine Phädra zum Davonlaufen. Ihre von einem eigens engagierten Choreografen trainierte Körpersprache wirkt so gekünstelt wie alles, was aus ihrem Mund dringt: Schreie und Schluchzen, Wimmern und Fiepen. Ihr bevorzugtes Kunstmittel: Kreischendo." Fazit: Die Inszenierung von Hartmann vermittele nicht die geringste Ahnung vom bedrohlichen Charme der Welt des Jean Racine, in der der Mensch dem Menschen, sich selbst unbekannt, ein Monster ist.

Melles komme als "verhärmtes, mageres Morgenmantel-Gespenst auf die Bühne geschlurft", beschreibt Andres Müry in seiner Kritik für die Zeit (26.8.2010). Bald folgten "wildes Augenrollen und ein gepresstes Knirschen und Jammern. Diese Frau ist hinüber." Die ganze Inszenierung hindurch agiere diese Phädra "als Solistin. Eingesperrt in ihrem Psychosentheater. Für niemanden mehr erreichbar, schon gar nicht für sich selber." Müry kann sich vorstellen, wie Melles den Regisseur "auf diesen Trip an die Grenze und über sie hinaus geführt hat. Vielleicht: die ganze Inszenierung gekidnappt hat." Der "intelligente Richtigmacher Hartmann" sei jedoch "cool geblieben" und habe "vorab gewusst, dass er diesem unbedingten weiblichen Wollen (...) einen starken Rahmen geben muss": einerseits das Burgtheater-Ensemble, "das derzeit seinesgleichen sucht", andererseits den "ingeniösen Raum" Johannes Schütz'.


 
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