Die banal-böse Kraft der Selbsterkenntnis

von Andreas Klaeui

Zürich, 23. Oktober 2010. Romandramatisierungen sind ja der letzte Schrei der Saison. Landauf, landab Epen auf den Affichen. Auch Friedrich Dürrenmatt hat neben dem offenbar nach wie vor meistgespielten deutschen Drama, "Der Besuch der alten Dame", bühnenfähige Prosatexte geschrieben, sie zuweilen eigenhändig zu Hörspielen und Bühnenkomödien umgearbeitet, im Fall der "Panne" die Uraufführung der Theaterfassung gleich selbst inszeniert.

Lars-Ole Walburg in Zürich greift nun wieder auf die Erzählung zurück, die Dürrenmatt 1956 unter dem Rubrum "Eine noch mögliche Geschichte" publiziert hat. Die Stückfassung von 1979, sagt Walburg im Programmheft, "erinnert an ein Brecht-Stück, in dem die Figuren zu Gunsten von Ideen auf der Strecke bleiben und kein Fleisch haben". Nun gut. Eine "mögliche Geschichte" war für Dürrenmatt eine, in der "aus einem Dutzendgesicht die Menschheit blickt, Pech ohne Absicht sich ins Allgemeine weitet, Gericht und Gerechtigkeit sichtbar werden, vielleicht auch Gnade, zufällig aufgefangen".

Eine Autopanne, eine Tafelrunde, ein hohes Gericht

Gericht ist das Stichwort. Die klassischste Form einer Panne - der Wagen streikt - führt den Textilreisenden Alfredo Traps in eine seltsame Gerichtsstube: Vier Greise, alle in den hohen Achtzigern, ehedem Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und (wie sich später herausstellt) Henker, spielen mit ihren Zufallsgästen Prozess. Zu gestehen hat man immer was, sagt der Verteidiger. Traps in der Rolle des Angeklagten folgt dem mit großem Amusement, die Weine werden schwerer, die Schnäpse stärker, und am Ende steht Traps (auf wessen Kosten hat er sich eigentlich emporgearbeitet? was waren die genauen Umstände beim Herzinfarkt seines Chefs?) vor dem nun allerdings gnadenlosen Richter seines Gewissens, nimmt das Spielgeld der Greise für harte Währung und bringt sich um.

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© Tanja Dorendorf / T+T Fotografie.

Auch für Lars-Ole Walburgs Inszenierung kann man Gericht als Stichwort nehmen, im kulinarischen Sinn. Traps' banale Bösartigkeit verrät sich nämlich in angenehmster Atmosphäre, bei einer exquisiten Tafelrunde aus Gotthelfscher Tradition und dem Geist der Zürcher Kronenhalle. Auch bei Walburg kommen Forelle, Champignons à la crème und Bresse-Poularde vor, auf den Teller klatschen die Schauspieler aber immer nur die gleiche breiige Pampe. Es hat etwas Programmatisches.

Unterdrückte Moral, deutliche Didaktik

Nichts entwickelt sich in Klaus Brömmelmeiers Traps, platsch, spielt er mit bei der merkwürdigen Verhandlung, platsch, trifft ihn die erschütternde Selbsterkenntnis. Die Gerichtsgreise ihrerseits sind ein Clownshaufen in karierten Kostümen, im steten Bewusstsein der Lächerlichkeit ihres Tuns - wenn das nun mal nicht mit dem epischen Zeigefinger ins Publikum gewinkt ist!

Walburg versucht einen Spagat: Einerseits ist seiner Inszenierung die permanente Angst vor dem Moralismus anzumerken, den das Stück vielleicht entwickeln würde, wenn man ihm freien Lauf ließe, andrerseits hat der Abend selbst einen durchaus deutlichen didaktischen Anspruch. Er zeigt sich in vielerlei Gesten, in der angelassenen Saalbeleuchtung, in der stets mitgespielten Distance, in der direkten Ansprache am Schluss. "Was wünschen Sie", fragt da der Richter-Gastgeber sein Zürcher Publikum, die Worte, mit denen er Traps empfangen hat.

Jenseits der Kronenhalle

Natürlich senken sich die Scheinwerfer bedrohlich auf Traps, natürlich wird das Licht kalt und blau, wenn er arglos in die Schlinge trapst. Das Unheimliche stellt sich nicht gruselig oder leise ein; es ist mit übermäßiger Deutlichkeit ins Bühnenbild ausgelagert (ein getäfeltes Huis-clos, natürlich gespickt mit geheimen Öffnungen). Dass die groteske Tafelrunde zunehmend einer Ballermannvergnügung näher kommt als der Kronenhalle, ist wohl einfach ein Missverständnis; geradeso die gesungenen Strophen aus der doch so ganz anders temperierten "Winterreise". Als schöner Einfall erweist sich anderseits, dass diesem Traps ständig kleine alltägliche Missgeschicke passieren, Pannen eben, die die Alten mit einem jovialen "Macht nichts" abtun - denn so müsste es ja sein: für die Richter ein Spiel, für Traps ein unheimlicher Prozess. Schmerzlich komisch ist in dieser Aufführung allerdings gar nichts. Zu episch hat Walburg sie angegangen.


Die Panne
von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Moritz Müller, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Markus Keusch, Dramaturgie: Thomas Jonigk.
Mit: Klaus Brömmelmeier, Jean-Pierre Cornu, Jörg Schröder, Gottfried Breitfuß, Ludwig Boettger.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Lars-Ole Walburg im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Gerhard Stadelmaier freut sich in der Frankfurter Allgemeinen (25.10.2010) über Klaus Brömmelmeiers Alfredo: Wie er "mit Mir-kann-keener!-Chuzpe seinen Seelenhärtekern in eine Naivitätsschafshaut wickelte" und dann "auf einmal in ein schwarzes Existenzloch starrt", das mache den Abend "zu einer kleinen Sensation". Brömmelmeier zeige "in wundersamer Schreckenssekundenschnelle den Existenzschock wie die Existenzheilung. Der Mensch kommt ins Reine mit sich, wenn er seine Schuld auf sich nimmt. (...) Willkommen wieder Subjekt, auf der Szene!". Das Theater vertraue hier "ohne Abschiebetricks in Richtung Gesellschaft oder Medien oder System" einfach "auf den Witz, die Würde und den Wert eines Einzelnen". Lars-Ole Walburg gehöre zwar "eigentlich der Fraktion der Folterknechte des Theaters und der Stückezerstörer" an, drücke hier jedoch "das Subjekt Alfredo Traps an sein Spielvogtherz", was Stadelmaier genauso loben möchte wie die Verwendung der Hörspielfassung. Der Regisseur tunke den Stoff nicht "in eine platte Wirklichkeit", sondern "in eine luftig-eisige Überwirklichkeit". Cornu, Schröder, Breitfuss und Boettger umhuschten den Alfredo "wie die Geisterclowns einer Spukgroteske". "Je gespenstischer, grotesker, unwahrscheinlicher aber die Szenerie wird, desto konkreter, menschlicher, wahrscheinlicher schält sich der Charakter Alfredos heraus: als die Schuld eines Charakterlosen, der sich selber erkennt." Stadelmaier sagt: "bravo"!

Walburg wolle "Die Panne" knattern lassen wie einen "komischer Gag, in dem ein giftiges Gran Grausen steckt", schreibt Alexandra Kedves im Zürcher Tages-Anzeiger (25.10.2010). Der Regisseur habe "viel gestrichen und viel hinzugefügt" und mixe "auf seiner Suche nach einem dichten Dürrenmatt, der nach der Moral des Einzelnen fragt, 'Mr. Bean' mit 'Twin Peaks'". Statt "komödiantischem Ideentheater" gebe es hier "choreografisch gestalteten Galgenhumor". Die erste Hälfte des Abends funktioniere das dank des großartigen Ensembles auch, etwa Cornu als "wölfisch zuvorkommend"er Richter: "mit einem Zucken verwandelt sich sein Zähneblecken in Lächeln, sein gieriges Lauern in gesittetes Zurücklehnen". Walburg inszeniere den "grausamen Spass schräger Vögel", der am Ende alle vorführt: "die verlogene Gesellschaft und das Individuum, das sich selbst in die Tasche lügt". Anfangs sei das "schwerelos und spitz wie ein Federkiel", doch "das Kasperletheater krampft sich immer weiter, rennt mit jedem Running Gag langsamer und krallt sich am (hochkarätigen) Klamauk fest wie ein Ertrinkender an einem Stück Treibholz. Das Lachen stirbt, die Frage nach dem Wozu kommt auf."

Dürrenmatt sei auch durch "zwanghafte Regie-Originalität" nicht "totzukriegen", meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (25.10.2010). Walburg scheine sich die Schweiz "als surreales Marthaler-Land vorzustellen". Überdies fehle ihm das Gehör für Dürrenmatts "feine Andeutungen; jedenfalls traut er ihnen nicht, weshalb er überall nachdoppelt: Er dämonisiert, was schon dämonisch genug wäre" und schält das Unheimliche "aus der heimeligen Schweizer Normalität heraus". So fehle der Inszenierung gerade das, was den Text auszeichne. "Statt einer Realität, die haarscharf am Irrealen entlang läuft", zeige Walburg "einen absurden Albtraum". Sein "Männerquintett" sorge vornehmlich "für schenkelklopfende Belustigung". Bei der ausartenden "kulinarischen Schlacht" blieben seltsamerweise alle Beteiligten "stocknüchtern". Brömmelmeier durchlaufe "die Gewissensfolter als jener brave Kerl, der er ist und bleibt - die atemraubenden Drehungen der Dürrenmattschen Dialektik fechten den Schauspieler kaum an." Das "Drohende, Bösartige, Unerbittliche" der Geschichte vermittelten unter dieser Regie "nicht diabolische Menschen", sondern "eine Geisterbahn". Walburg betreibe "illustrierenden Spezialeffekt-Aufwand".

 

 
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