Die Auskunftei als Orakel

von Beat Mazenauer

Zürich, 19. November 2010. Ein Mann betritt das Auskunftsbüro, wo seit Stunden bereits eine Frau wartet. Bevor er zugelassen wird, hat auch er zu warten, danach soll er penible Fragen zu Person und Familie beantworten. So beginnt ein Gespräch, dem er zuletzt nur mit einer Prophezeiung seines augenblicklichen Todes entkommt. Jean Tardieus (1903-1995) absurder Klassiker "Der Schalter" ist einfach und überschaubar - könnte man meinen. Doch der Teufel steckt - wie immer - im Detail. Das liegt nicht allein, aber auch an der Regisseurin Anca Munteanu Rimnic, die ihre Vorlage um eigene Texte und die dritte Rolle der wartenden Baronin von Z. erweitert hat - entliehen aus dem Tardieu-Stück "Il y avait foule au manoir" ("Der Ball auf dem Schloss").

Wenn Vögel Flügel hätten

Ein Satz lässt aufhorchen. "Wenn die Vögel Flügel hätten, dann flöge ich mit ihnen davon", zitiert der Kunde einen Dichter. Auch wenn dem Beamten gerade eben noch einfällt, dass Vögel doch Flügel haben ... es gibt kein Zurück mehr. Ordnung und Chaos, Traum und Wirklichkeit, Freiheit und Schicksal geraten in der Auskunftei in einen Wirbel von absurden Dialogen und Bildern. Im kargen, aufs Allernotwendigste reduzierten Bühnenraum rumoren permanent irgendwelche Geräusche, und seien es nur solche, die allein die Baronin zu hören glaubt.

"Es darf gelacht werden", hieß einst eine legendäre Slapstick-Sendung im TV: gelacht über die Tragödien der anderen, die derart ulkig anmuten, dass darob ihre Abgründe unkenntlich bleiben.
Das zwischen Witz und Ernst schwankende Gespräch im Auskunftsbüro lockert Anca Munteanu Rimnic mit viel Schabernack und Slapstickkomik auf.

Das Schöne am absurden Theater ist ja, dass nicht alles verstanden und ausgedeutet zu werden braucht, nur stimmig muss es sein. Dies trifft hier nicht in allen (die Videosszenen an der Wand, na ja), aber in vielen Teilen zu. Das Klebeband, dass sich nicht abschütteln lässt und immer wieder unverhofft zum Vorschein kommt, zuletzt am penetrant quietschenden Schuh der Baronin. Oder das kleine Staubwischballet, dass die drei Protagonisten unvermittelt in eine Leichtigkeit des Seins entschweben lässt. Zuguterletzt findet aber der Beamte stets wieder zur Sache zurück. Das ist seine Aufgabe.

Schmelz mit Verrenkungen

Die absurde Leichtigkeit dieses Stoffes stellt höchste Ansprüche an die Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Rolle des Beamten ist Siggi Schwientek dabei wie auf den Leib geschrieben. In Kleidung und Gebaren leicht verwittert und verbittert, glückt ihm die Balance zwischen grimmiger Pedanterie und linkischer Verträumtheit glänzend - zum Vergnügen des Publikums. Zum einen schroff, wie es sich gehört, schmilzt er im Handumdrehen unter valentinesken Verrenkungen dahin, wenn er eine gewisse Madame Rose Plouvoir, Modistin, beschreibt. Er ist das Medium, das die fragile Ordnung aufrecht erhält und zugleich durchbricht.

Franz Beil als sein Gegenüber, der sein Schicksal erfragende Kunde kann seine spröde Ernsthaftigkeit dagegen nie ganz abschütteln. Der Motorradhelm, den er ständig auf dem Kopf behält, scheint ihn in seiner Bewegungs- und Gedankenfreiheit zu behindern - auch wenn das schöne Vogelzitat von ihm stammt.

In ihren Gesten unfrei wirkt auch Isabelle Menke, freilich mit gewollter Umständlichkeit. Auch sie träumt, doch bekommt sie die Füsse dabei nicht vom Boden. Ihr zischendes "Fickt euch Kinder" versprüht dagegen präzise die Abscheu der alternden Baronin vor der Ungebärdigkeit der jungen Generation. So erhält ihr Spiel grotesk-komische Glanzpunkte.

So ist das

"Der Schalter" in der Inszenierung von Anca Munteanu Rimnic lebt vom subtilen Zusammenspiel zwischen kleinen Marotten und grossen Fragen. Hier die schnuckeligen Vogelfiguren, die der Beamte anfänglich aus dem Inneren seines Pultes zaubert, oder die kongolesische Schöpfungsgeschichte vom Riesen Bunbu, der die Welt kotzt. Und da die quängelnden Fragen des Kunden nach seinem Schicksal.

Der Befund ist für ihn niederschmetternd. „Sie sind nicht mehr hier, noch anderswo. Sie sind nirgendwo!" Der biedere, aufrichtige Kunde unterwirft sich dem tiefsinnigen Wörterstaub des Beamten und vollzieht dessen Orakel mit seinem Abgang. "So ist das mit den Menschen, niedlich ist das nicht." Munkelt die Baronin. Und das Publikum hat für 90 Minuten etwas zu lachen.

 

Der Schalter
von Jean Tardieu, nach der deutschen Übersetzung von Marlis und Paul Pörtner
Regie: Anca Munteanu Rimnic, Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Bühne: Anca Munteanu Rimnic und Jan von Borstel, Kostüme: Jacqueline Ziesmer, Musik: Anca Munteanu Rimnic und Arno P. Jiri Kraehahn.
Mit: Franz Beil, Isabelle Menke, Siggi Schwientek.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Aus Jean Tardieus Stück sei eine "Installation" geworden, ein "Arrangement, ein Bild- aber kein Theaterabend", schreibt Alexandra Kedves (Tages-Anzeiger, 22.11.2010). Dabei mühe sich ein "durchaus gutes Ensemble" darum, "Tardieus Recherchen nach dem Richtigen und Falschen im Leben auf der Bühne lebendig werden zu lassen". Vergebens allerdings. In manchen Sätzen glänze die "Brillanz des Poeten" auf, der Rest aber sei "Langeweile, graue, anderthalbstündige Wartesaal-Langeweile".

Habe man erst einmal akzeptiert, dass hier nichts Sinn ergeben muss, "seinen Widerstand bezwungen, artig Bezüge zu su suchen und zu finden, wo keine sind: Dann lacht man einfach, als wäre das alles ein Riesenvergnügen", berichtet Anuschka Roshani in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (21.11.2010). Doppelt lustig werde es, weil diese Premiere "von nicht mal mehr als siebzig Zuschauern erlebt wird, davon mindestens ein Drittel Mitwirkende und Freunde der 36 Jahre alten Rumänin" Anca Munteanu Rimnic. Dabei sei dieser Abend "mehr als ein guter Witz: Wellness fürs überstrapazierte Hirn. Ach, Quatsch, auch das bloß eine absurde Erfindung."

"Das Meisterwerk des absurden Theaters" sei mit diesem Abend wiederzuentdecken, schreibt
Katja Baigger (NZZ, 23.11.2010). Und "man hätte sich keinen besseren Schauspieler für die Rolle des Beamten (vorstellen können) als Siggi Schwientek. Skurril ist es, wenn seine Stimme aus dem Off ertönt und 'Pizza, Pizza' krächzt." Das "Hin und Her zwischen großen Fragen und kleinen Neurosen macht den Charme dieser skurrilen Inszenierung aus". Die Regisseurin finde etwa "mittels körperlicher Verrenkungen sinnige Bilder für die hier postulierte Sinnlosigkeit des Lebens". Die Videosequenzen allerdings ließen sich "nicht einordnen, sie bleiben fremd in diesem an sich ja schon chaotischen Stück über die Komik der Sprache und des Lebens".

 

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