Als sei's ein bürgerliches Trauerspiel

von Rudolf Mast

Hamburg, 15. Januar 2011. Am Sonnabend hatte im Hamburger Schauspielhaus William Shakespeares "König Lear" Premiere. Nun hat das Theater an der Kirchenallee derzeit bekanntlich erhebliche Probleme, darunter als wichtigste keinen Intendanten und zu wenig Geld. Aber auch diese Handicaps können keine hinreichende Erklärung dafür sein, dass dieser "Lear" derart desaströs geraten ist.

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Markus John als König Lear
©A.T. Schaefer

Der Abend beginnt auf der Vorbühne vor einem blauen Vorhang. Es tritt auf das Haus Gloucester (Michael Prelle), in dem sich wie im Hause Lear ein tödlicher Familienkonflikt anbahnt. Die Söhne, Edgar (Samuel Weiss) und der "Bastard" Edmund (Tim Grobe), sehen sich zum Verwechseln ähnlich und sind am ehesten am Farbton ihrer Kleidung unterscheidbar. (Kostüme: Heide Kastler). Vor allem aber sticht ins Auge, dass beide die Haare mit Pomade gebändigt haben und einen Pullunder tragen. Schamfrei vorzeigbar war ein solches Outfit, großzügig bemessen, zuletzt vor zirka vierzig Jahren. Und was immer die Inszenierung damit bezweckt: Die historische und ästhetische Verortung löst sich auf unheilvolle Art und Weise ein.

Philosophische Späßchen

Zunächst wirkt, wenn sich der blaue Vorhang lüftet, alles noch recht "modern": Auf der Bühne steht ein ockerfarbener leerer Kasten, der wie Karton nicht nur aussieht, sondern zu großen Teilen auch daraus besteht (Bühne: Florian Parbs). Auf der Rückwand prangt in schwarzen Lettern: NO THING. Dieses Motto hat auch die Dramaturgie des Hauses für den Abend ausgegeben, weil "Lears (Modell) Welt durch ein einziges Wort aus den Fugen gerät: NICHTS/NOTHING."

Das paradoxe Spiel mit dem Nichts ist in der Tat ein philosophisches Späßchen, das Shakespeare fast alle Narrenfiguren (im "Lear" spielt ihn Jana Schulz) treiben lässt. Hier aber zielt es auf eine Pointe, die nur im Englischen funktioniert, weil durch die Trennung aus "nichts" plötzlich "keine Sache" wird. Auf die Frage "Was sonst?", die sich aufdrängt, antwortet das Programmheft: der Mensch. Um den Menschen also geht es, und hier heißt er König Lear (Markus John), schwingt an einer Leine, die aus dem Schnürboden hängt, um nach der Landung sein Reich unter den drei Töchtern aufzuteilen.

Lear trägt eine weiße Pyjamahose und über dem bloßen Oberkörper einen schwarzen Morgenmantel. Seine Töchter Goneril (Ute Hannig), Regan (Katja Danowski) und Cordelia (Julia Nachtmann) tragen schulterfreie Kleider unterschiedlicher Couleur. Cordelia ist die Tugendhafte, die durch Ehrlichkeit den Zorn ihres Vater auf sich zieht. Cordelia trägt Weiß. Nicht, dass das Menschenbild der Inszenierung sich in der Farbgebung der Kostüme erschöpft, aber weit darüber hinaus geht es nicht. Dabei ist der Regisseur, der Österreicher Georg Schmiedleitner, zwar zum ersten Mal am Schauspielhaus, aber alles andere als ein heuriger Hase. Doch was er hier abliefert, lässt an seiner Eignung zweifeln.

Potpourri antiquierter Mittel

Verantwortlich dafür ist die Spielweise, zu der er die Schauspieler verdonnert, denn die stammt aus derselben Zeit wie Pomade und Pullunder. Shakespeares Stück ist satte 400 Jahre alt. Schmiedleitner aber lässt es spielen, als sei's ein bürgerliches Trauerspiel – schlimmer: Er lässt es so spielen, wie man im kleinbürgerlichen Milieu der 60er Jahre meinte, dass ein bürgerliches Trauerspiel zu spielen sei. Inbrunst ist der Nenner, auf den sich dieses Treiben bringen lässt, und die Mittel, derer es sich bedient, heißen große Gesten, verzerrte Gesichter, verrenkte Körper, die sich auf dem Boden wälzen, und ganz viel Geschrei. Und das Tempo, nach dem die Übersetzung lechzt, wird zugunsten falsch verstandener Glaubwürdigkeit gnadenlos verschleppt.

So gerät die "Tragödie über das Chaos, den Tod, die Auflösung und die Zerbrechlichkeit scheinbar festgefügter Welten", von der das Programmheft spricht, zu einem Potpourri antiquierter Mittel, mit denen nun einmal kein zeitgenössisches Theater zu machen ist. Da helfen auch keine "modernen" Errungenschaften wie die rotierende Drehbühne, bedeutungsschwere Musikuntermalung oder Leitungswasser und Theaterblut, die im Laufe der dreieinhalb Stunden reichlich vergossen werden.

Eine Tragödie ist der Abend möglicherweise für die Schauspieler, von denen keiner so schlecht ist, wie er sie macht. Nur die Frage, wie ein solches Desaster erklärbar ist, harrt noch einer Antwort. Zu fürchten ist jedoch, dass die bürgerliche Gesellschaft wieder so kleinbürgerlich geworden ist, dass sie sich an einer solchen Karikatur, die nichts trifft und niemanden meint, ergötzt. Und das wäre desaströser, als eine einzelne Inszenierung es je sein kann.

 

König Lear
von William Shakespeare
deutsch von Rainer Iwersen
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Florian Parbs, Kostüme: Heide Kastler, Musik: Sebastian Weisner.
Mit: Marco Albrecht, Katja Danowski, Tim Grobe, Ute Hannig, Lukas Holzhausen, Markus John, Julia Nachtmann, Michael Prelle, Aleksandar Radenković, Jana Schulz, Tristan Seith, Samuel Weiss.

www.schauspielhaus.de

 

Der Schauspieler Markus John, der in Hamburg die Titelrolle spielt, spielte 2010 in Karin Beiers Unterschichtstableau Die Schutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen ein weiteres Vatermonster.

Kritikenrundschau

Auf Welt Online (17.1.2011) schreibt Monika Nellissen, die Regie von Georg Schmiedleitner verkindische den Lear. Es herrschten "deftig fidele Urständ: Brüllorgien, Wasserschlacht und Blutgemetzel". Das sei "Theatralik aus der Moritatenkiste", die feinere Mittel scheue, "auf Typen, nicht auf Charaktere" setze. Verrücktheit werde durch "Äußerlichkeiten" bloß behauptet. "Ein Panoptikum vorgegebener Narretei tut sich auf, das uns kalt lässt." Es gebe ein, zwei anrührende Szenen, Markus John spiele "vieles im Sinne Skakespeares und alles nach dem Willen Schmiedleitners", gebärde sich "wie toll, er brüllt, wird rabiat handgreiflich, (...), er wütet, er fleht, er klagt, aber wir konstatieren für uns (...) dass dieses theatrale Zur-Schau-Stellen wenig mit Empfinden und tiefer geistiger Durchdringung zu tun hat." Dem Publikum habe es dennoch gefallen.


Auf der Webseite des Hamburger Abendblattes (17.1.2011) schreibt Klaus Witzeling Schmiedleitner versuche, "die Endzeit-Tragödie mit den Mitteln des rabiaten Action-Theaters von vorgestern in den Griff zu bekommen". Den Autoritätsverlust des auf "bürgerliches Kleinformat" geschrumpften Königs versuche Markus John wettzumachen, indem er Lear als "brüllenden Kraftlackel" spiele. Rainer Iwersens Übersetzung sei 1984 für die Bremer Shakespeare Company entstanden und Elemente von deren "grotesk realistischem, volkstheaterhaft derben und sprachlich flapsig-frivolen Aufführungsstil" fänden sich nun in Schmiedleitners Arbeit wieder. Samuel Weiss und Michael Prelle gelängen "berührende Momente" bei Gloucesters Freitodversuch. Auch das Wiedersehen zwischen Lear und Cordelia gehöre zu den "dichten, leisen, ohne viel Nebel und Wirbel arrangierten Szenen" im zweiten, konzentrierteren Teil. Markus John erwische am Schluss sogar noch "einen Zipfel von der Größe und Tragik der Lear-Figur", die er in der "Komödiantik seiner Wahnsinnsszene" habe vermissen lassen. Alles in allem vertraue Schmiedleitner Shakespeares Sprachkraft zu wenig und verkleinere Figuren und. Trotzdem viel Beifall Regisseur und Schauspieler.

Eine Welt ohne Sozialforschung und gesellschaftliche Ankerplätze skizziere Schmiedleitner in Hamburg, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.1.2011): "Bereits nach wenigen Minuten produziert das Personal eines Pappschachtel-Hofes hier jene künstliche Erregung, die das Theater seit jeher mit dem Vorwurf belastet, zu leicht eine manierierte Kunst zu werden. Da brüllt der König halbnackt aus Leibeskräften, da schleimen die Erben in Galakleidern um die Wette, und die verstoßene einstige Lieblingstochter Cordelia sieht mit großen Kulleraugen ins Publikum, weil die Welt so ungerecht sein kann." Markus John immerhin meistere "seinen einfach gestrickten Impulsmenschen wenigstens sportlich" vom unsympathischen Kotzbrocken über den rührenden Irren zum gebrochenen Mann: "was zum Einfühlen". Ansonsten herrsche "in dieser anonymen Welt ohne politische System-Erkennung die darstellerische Pflichterfüllung reduzierter Persönlichkeit, die vor allem in der Figurenzeichnung der Frauen als gierig und feige oder tränenrührig-naiv verdammt nahe am chauvinistischen Verachtungsgestus steht."

 

 

 
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