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Auch wenn ich nur ein Fremder bin

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 22. Januar 2011. Es ist ein Abend der Ebenen. Auf der Bühne heben und senken sich Bodenplatten als Erdschichten in über und unter Tage. Und auch sonst beackert Regisseur Stefan Nolte in seiner Uraufführung gleich mehrere Schichten, künstlerisch, inhaltlich und sprachlich. Diese Dortmunder Tiefenbohrung ist Dokumentation und Märchen, erzählt und gesungen von Zeitzeugen und Schauspielern, auf Deutsch und auf Türkisch. Schauspielchef Kay Voges hat zu Beginn seiner Dortmunder Intendanz im vergangenen Jahr angekündigt, einen Fokus seiner Arbeit auf die Geschichte der Stadt zu legen. Kohle, Bergbau, Migration gehören dazu, keine Frage.

Sprachrohr der Vergangenheit

Ausgangspunkt für "Heimat unter Erde" sei das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei vor 50 Jahren gewesen, erklären die Macher. In den 1960er Jahren, in Zeiten des Arbeitskräftemangels, kamen "Gastarbeiter" ins Ruhrgebiet, um Bergmann zu werden, und mit der Hoffnung auf besseres Einkommen und besseres Leben. Zum Beispiel Arif Sarıkaya. Als Berglehrling kam er 1964 aus Südwestanatolien nach Dortmund. Da war er gerade 16 Jahre alt. Arif Sarıkaya ist einer von drei Bergbauexperten, die – wie in einer Inszenierung von Rimini Protokoll – aus ihrem Leben berichten und so die historisch-soziale Wirklichkeit auf die Bühne bringen.

Auf einer Kiste am Rand sitzend warten die drei auf ihren nächsten Einsatz. Jedem hängt ein Mikro um den Hals, das Sprachrohr der Vergangenheit. Diese Zeitzeugen formen eine Ebene des Abends, die Realitätsebene. Zusammen mit den jugendlichen Rappern, die als Rahmen an Anfang und Ende die Nordstadt (das Neukölln Dortmunds) als "Heim" und "goldenen Ort" besingen ("Hier fühl ich mich zu Haus, auch wenn ich nur ein Fremder bin"), und dem Ex-Schüler Yusuf Dağdelen, der einen Termin bei seinem Arbeitsberater nachspricht. Durch Charme des Unperfekten und die Kraft des Authentischen berühren diese Szenen.

Märchenhaftes zwischen Grubenlampe und Schlaghose

Und dann gibt es noch die andere Ebene, die der Fiktion, des Spiels von echten Schauspielern. Welche genau die andere auf-, unter- oder durchbricht, ist nicht ganz eindeutig. Der Kontrast zwischen den Ebenen hingegen ist gesetzt. Nicht nur nach Motiven von E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Die Bergwerke zu Falun" und Hugo von Hofmannsthals dramatischer Version dieses romantischen Stoffes haben Stefan Nolte und Dramaturg Michael Eickhoff eine Geschichte über den Bergarbeiter Ali verfasst. Sie übernehmen auch ganze Textpassagen und vor allem die lyrisch-stilisierte Sprache Hofmannsthals.

Diese (nicht nur) sprachlich deutliche Trennung der Ebenen ist eine kluge Entscheidung. So können sich die Schauspieler Orhan Müstak (Ali Baykurt), Andreas Beck (Betriebsführer Hoffmann), Caroline Hanke (Hoffmanns Tochter Anna) und Ekkehard Freye (Berggeist Maciek) voll ins märchenhaft-romantische Spiel zwischen Grubenlampe und Schlaghose werfen, ohne in die Sentimentalitätsfalle zu tappen, die Projekte der Wirklichkeitsinszenierung nicht selten mit sich bringen. Das erlaubt dann auch komische Szenen wie die erste Begegnung zwischen Ali und Anna: ein türkisch-deutsches Sprach- und Handzeichen-Verwirrungsspiel, das in verliebten Blicken endet. Oder einen Hochzeitstanz als Mix aus türkischer Saz- und deutscher Volksmusik.

Potpourri der Perspektiven

Der literarische Teil des Abends lässt ins Seelenleben eines Arbeitsmigranten blicken. Ali verliert sich auf dem schmalen Grat zwischen irdischer und unterirdischer Welt. So geht es schon dem Hofmannsthalschen Elis. In Dortmund sind diese zwei Welten aber nicht nur ein über und ein unter Tage. Es sind auch die türkische und die deutsche Welt, die der Migrant nicht heile zusammenführen kann. So erging es der ersten Generation vor 40, 50 Jahren. Und ähnlich geht es auch heute noch der dritten Generation: "Auch wenn ich einen deutschen Pass hab, glaub mir Mann, das ändert nichts", rappen die Jungs.

Auch die Männer eines Bergarbeiterchors erheben an diesem Abend ihre Stimmen. Mal zum traditionellen Lied, mal zum eindringlichen Sprechgesang und mal auf türkisch. Wie gesagt, der Abend besteht aus vielen Ebenen. Video und Tanz kommen noch dazu. Aber eben diese Vielfältigkeit bringt auch die Schwierigkeit der Inszenierung mit sich: Gebohrt wird fleißig, aber weniger hin zu einer tiefen Schicht als vielmehr zu vielen kleinen Löchern. Ein Potpourri aus Perspektiven auf und Darstellungsformen für die Einwanderungsgeschichte.

Dabei möchte man gerne länger hängen bleiben und tiefer bohren bei manchen Zeilen, Sätzen, Bildern. Die Geschichte und dieser Abend bieten eben viel Spannendes an.

 

Heimat unter Erde – Memleket toprağın altında
Eine Dortmunder Tiefenbohrung unter Verwendung von Motiven aus Hugo von Hofmannsthal "Das Bergwerk zu Falun" und E.T.A. Hoffmann "Die Bergwerke zu Falun"
von Stefan Nolte. Mitarbeit: Michael Eickhoff
Regie: Stefan Nolte, Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt, Musikalische Leitung und Komposition: Paul Wallfisch, Dramaturgie: Michael Eickhoff, Video: Felix Schnittker, Paul Hofmann, Ferdinand Fries, Tonrecherche: Richard Ortmann, Übersetzung: Ayse Kalmaz.
Mit: Orhan Müstak, Caroline Hanke, Andreas Beck, Ekkehard Freye, Dortmunder Bürgern und dem Männergesangsverein Harmonie Zeche Victoria.

www.theaterdo.de

 


Kritikenrundschau

So "etwas wie die Geschichte der Migration im Ruhrgebiet" komme an diesem "außergewöhnlichen" Theaterabend zum Vorschein, berichtet Rainer Wanzelius auf dem Portal der WAZ-Mediengruppe der westen (23.1.2011). Die "Theater-Rechercheure" um Stefan Nolte "haben ganze Vorstädte aufgemischt". Beim Schlussapplaus stünden "fünfzig Menschen auf der Bühne, Regie-Team und eigenes Ensemble inklusive. Für den Bühnendebütanten Orhan Müstak bringt die Rolle des Ali Baykurt einen schieren Triumph."

Ebenso angetan zeigt sich Bettina Jäger in der Emsdettener Volkszeitung (23.1.2011). Nolte nutze das von Rimini Protokoll bekannt gemachte Rechercheprinzip: "Er holt normale Menschen auf die Bühne, damit sie als Experten von ihren Erfahrungen berichten. Das kann peinlich werden. Aber in Dortmund ist es einfach nur sympathisch." Indem die Rechercheergebnisse mit literarischen Vorlagen verschnitten würden, entginge der Abende der Gefahr, bloß "gut gemeintes Wohlfühltheater" zu produzieren. "In wunderbarer Sprache ertönt der Lockruf des schwarzen Goldes, werden die Herrlichkeiten unter Tage zum Symbol für die Gefahren, die Glückssuchern drohen." Fazit: "Eigentlich das Stück zur Kulturhauptstadt, das uns 2010 fehlte. Riesen-Applaus."

"Bei der Premiere wirkte nicht alles perfekt. Aber das soll es vielleicht auch gar nicht", schreibt Stefan Keim (Frankfurter Rundschau, 25.1.2011): "Wie sich Peter, der 84-jährige Max und Arif etwas hilflos mit auswendig gelernten Dialogen die Bälle zuspielen, berührt zutiefst." Regisseur Stefan Nolte kombiniere "historische Texte mit Motiven aus literarischen Erzählungen". Es gehe aber mehr darum, "wie Ali, der zunächst kein Deutsch spricht, und Anna, die Tochter des Betriebsführers, zusammenkommen. Mit großem Charme spielen Orhan Müstak und Caroline Hanke, wie eine Liebe über die Grenzen der Sprache hinweg entsteht. Der alte Steiger Arif Sankaya hört zu." Solche Augenblicke seien "die Stärke dieser Mixtur aus Dokumentarischem und Fiktionalem, die im Theater ein eigenes und sehr vielfältiges Subgenre geworden ist".

 

 
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