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Der Mensch, die Affen

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Februar 2011. Nun ist es also passiert! Deutschland, ja, die ganze Erde wird von Affen beherrscht. Und wie konnte es dazu kommen? Die Affen haben DAS BUCH gelesen und einfach akribisch dessen Anleitung zur Abschaffung des Menschen befolgt. Zum Dank wurde DAS BUCH zur neuen heiligen Schrift des Affenvolkes erhoben, sein Autor zur Gottheit, die nun in hohen Lüften thront und nur noch gelegentlich als Orakel befragt werden muss. Dann schwebt der grauhaarige Nickelbrillenträger mit dem auffälligen Schnauzbart auf einem Lehnstuhl aus dem Himmel herab, um den Affen etwas einzuflüstern.

Affen und Aldi

Ein Häufchen übriggebliebener Menschen verrichtet geduldig niedere Dienste. Das Aufsammeln von abgenagten Hammelknochen, die überall herumliegen, zum Beispiel. Sie tragen scheußliche lila Trainingsanzüge und Alditüten (für die Knochen), als seien sie einem Volker-Lösch-Hartz-IV-Chor entlaufen. Die Affen haben merkwürdige Kopfbedeckungen, die irgendwo zwischen mittelalterlichen Kettenhemden und Tschador anzusiedeln sind. Sie benehmen sich auch äffisch-machistisch und können schwere Brustbehaarung vorweisen. Im Gegensatz zu den diesbezüglich unterversorgten Menschen, deren Integrationsversuche die Affen mit Ablehnung und Hohn, gelegentlich mit roher Gewalt parieren. Dann und wann allerdings wird von ihnen auch ein Integrationsbambi an eines der Menschlein verliehen. Eines Tages kommen neue Menschen an, die ein Unfall ihres Raumschiffs auf diesen Planeten verschlug.

Soweit die Grundfabel dieses höchst vergnüglichen, eben so lockeren wie klugen und spielwütigen Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters: ein Projekt des Jugendclubs des Hauses.

Allerdings wurde vor Publikum gespielt, das altersmäßig sichtlich nicht zur normalen Zielgruppe des Jungen DT gehört, sondern eher auf der Welle des aktuellen Nurkan-Erpulat-Hypes ins Theater gespült worden war. Erpulat, der spätestens seit seiner Inszenierung Verrücktes Blut am Ballhaus Naunynstraße zu den Stars eines postmigrantischen Theaters gehört, wie die Macher des Ballhauses Naunynstraße ein Theater nennen, das unter anderem längst überholte Begriffe und (Zwangs)vorstellungen einer monokulturell geprägten bundesrepublikanischen Gesellschaft befragt und damit die Szene kräftig aufgemischt hat. Ein Theater, das Begriffe wie Integration ebenso auseinandernimmt wie dümmlich-romantische Multikulti-Vorstellungen und die Denkverbote der Political-Correctness-Fraktion. So auch dieser Abend.

Sarrazin und Schabernack

Hier nun dient der berühmte Science-Fiction-Film vom Planeten der Affen, auf dem ein paar Überlebende eines Raumschiff-Unfalls eines Tages stranden und einer niederen Zivilisation in die Hände fallen (nicht wissend, dass es sich immer noch um die Erde handelt, auf der sie gelandet sind), nur als grobes, aber höchst funktionables Grundraster für den Abend, den Nurkan Erpulat mit Doris Trachternach und jugendlichen Laien entwickelt hat. Denn dessen Fabel wird natürlich nicht krude nacherzählt, sondern eher als loses und satirisches Denkmuster benutzt, um hier allerlei Schabernack mit aktuellen Debatten zu treiben, für die der Name Sarrazin zum Synonym geworden ist.

Und um keinen geringeren handelt es sich auch bei der Gottheit der Affen, die seinen aktuellen Bestseller nun zu ihrer Bibel machten. Das hat sich Thilo Sarrazin wahrscheinlich anders vorgestellt, dessen Thesen auf diesem Wege so entwaffnend komisch demontiert werden. Und vor allem deutlich effektiver als alle verbohrten Debatten, die das Buch ausgelöst hat. Drumherum werden in losen Szenen immer wieder Ausflüge in Fragen unternommen, wie zum Beispiel das babylonisch-verwirrende Chaos der Weltanschauungen und Alleinvertretungsansprüche von Gesellschaftsformen und Religionen begonnen hat.

Rom und Religion

In einer Bibliothek treffen wir das junge und wirklich ansteckend begeistert spielende Ensemble zuerst. Da geht es zum Beispiel darum, dass das berühmte Rom, auf das der Westen immer so gern seine Zivilisation begründet sieht, eine orientalisch geprägte Stadt gewesen ist. Sunniten streiten mit Schiiten, religionslose mit religiösen Jugendlichen. Die einen verteidigen den Kommunismus, die anderen den Islam. Hippie-Nachkommen geraten mit Opfern von alternativen Aussteigereltern aneinander, die statt auf dem Land lieber in der Platte leben.

Als am Ende durch das Chaos der Weltbilder kein Durchkommen mehr ist, machen sich ein paar mit dem Raumschiff auf den Weg in eine bessere Welt. Um in einer Welt der Zukunft anzukommen, die von Sarrazinisten beherrscht wird. Bloß eben anders, als heute möglicherweise befürchtet werden könnte.

Man kann den Gedankenreichtum und auch die Selbstironie, mit der Erpulat die ganzen großen Schreckensbilder und kleinen Utopien, Lösungsvorschläge und hysterischen Szenarios immer wieder in sich zusammenfallen lässt, hier im Einzelnen gar nicht angemessen nacherzählen. In immer neuen Elipsen geht die Befragung von vorne los. Gerade haben sich die jugendlichen Spieler im Nebel zum Beispiel begeistert in das Projekt gestürzt, sich so lange zu paaren, bis alle Menschen nur noch eine Hautfarbe haben. Da tauchen auch schon die Islamisten auf, um die Bibliothek (wo sich die Paarung für den Weltfrieden ereignet) in eine Moschee umzuwidmen.

Am Ende großer Jubel unter den erwachsenen Zuschauern. Wie ging noch mal das alte deutsche Sprichwort? Von den Kindern lernen, heißt siegen lernen.

Clash
von Nurkan Erpulat und Dorle Trachternach
Ein interkulturelles Theaterprojekt des Jungen DT
Regie: Nurkan Erpulat, Ausstattung: Gitti Scherer, Musik: Michael Emanuel Bauer und die Low Cash for Clash Band, Dramaturgie: Barbara Kantel.
Mit: Manuel Däbritz, Gregor Löbel, Regina Loy, Max Pellny, Teresa Riedel, Louis Voelkel, Zeynep Bozbay, Marcel Heupermann, Franziska Korte, Paul Leon Wollin, Furkan Akdag, Kerim Balli, Merkan Günel, Paul Schwesig, Süheyla Ünlü, Victor Warno.

www.deutschestheater.


Mehr von Nurkan Erpulat: Im November 2009 inszenierte er am Berliner HAU Tim Staffels Stück Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht ...; für die Ruhrtriennale 2010 inszenierte er in Kooperation mit dem Berliner Ballhaus Naunynstraße sein gemeinsam mit Jens Hillje verfasstes Stück Verrücktes Blut. Einen Clash der konfliktauslösenden Weltanschauungen setzte als work in progress auch Yael Ronen mit ihrem Stück Dritte Generation 2009 an der Berliner Schaubühne in Szene.

 

Kritikenrundschau

"Als groteske Sarrazin-Offenbarung" begreift Doris Meierhenrich den Abend in der Berliner Zeitung (7.2.2011). Thilo Sarrazins islamistisches Drohszenario nämlich "wird darin mit dem Klassiker 'Planet der Affen' kurzgeschlossen und so nach dem Prinzip 'Subversion durch Affirmation' der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Kaum zu glauben, aber das funktioniert besser, als gedacht. "Denn speziell das letzte Kapitel des Sarrazin-Buches werde inszenatorisch geschickt so buchstäblich genommen, dass plötzlich "die Simplifizierungen, die darin walten" im "fundamentalistischen Befund", den es aufbausche, selbst hervortreten würden. Selten auch fand die Kritikerin "das heikle Spiel mit Klischees" so geglückt wie an diesem Abend. "Choreografische Verfremdungen und lakonische Dialoge brechen die Wahrnehmungen so, dass die Banalität der Vorlage kaum schadet." Zwar fehlt 'Clash' aus Sicht Meierhenrichs "eine eigene gedankliche Tiefe, die der guten Spannung zwischen kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten" nachspüren würde. Doch ist sie für diesen Mangel von den "aufgeweckten, zerrissenen, sensiblen Jugendlichen" auf der Bühne mehr als entschädigt, deren Gesellschaftswahrnehmung sie schon jetzt reicher findet, "als jene 460 Buchseiten, die sie hinter sich lassen".

In seinen besten Momenten sei auf der Bühne eine intelligente, bissige Selbstironie zu spüren, schreibt Barbara Behrendt in der taz (7.2.2011). "In seinen schwächeren Szenen wird der Abend zu einer Anekdotenrevue, die den jungen Darstellern (verständlicherweise) genügend Platz zum Singen und Spielen bieten will. Dann ist die Affengeschichte nur die große Klammer, mit der möglichst viel Unverbundenes zusammengehalten werden soll."

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (10.2.2011): Erpulat nehme mit dem Jungen DT "die Integrationsdebatte der letzten Monate aufs Korn". Da "Jugendtheater, wenn es versucht, ernsthaft zu sein, meistens doch nur unbeholfen und überfordert auftritt", habe Erpulat mit der Autorin Dorle Trachternach "wohlweislich eine Farce entwickelt". Verschränkt werde der Plot vom "Planet der Affen" mit den Thesen Thilo Sarrazins. Sein "satirisches Rollenspiel" thematisiere das "interkulturelle Unbehagen seiner Protagonisten". Die Möglichkeiten der Parodie, "dreist mit Klischees zu arbeiten", werde "weidlich ausgespielt", worin sich der "ganze Charme" wie das "strukturelle Handicap" von "ambitioniertem Laientheater" zeige. "Spielfreude und aufblitzendes Talent" gewönnen die "Zuneigung des Publikums", der "natürliche Mangel an Professionalität und Differenzierung" belasse den Inhalt aber bei den "durchsichtigen Argumenten und den ironischen Lösungen". Am Ende stehe das Happy-End: dass "die Vielfalt der Ansichten, Lebensformen und Identitäten" eine Gesellschaft "stark und tolerant" mache. Die "intelligente Irritation über die Mittel", mit denen "diese Einsicht durchgesetzt werden kann, durch die 'Verrücktes Blut' so ein Ausnahmestück werden konnte", fehle in dieser "freundlichen Version" des Themas völlig.

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