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Pomp, Blood and Circumstance

von Dirk Pilz

Berlin, 18. März 2011. Warum im Jahre 2011 auf einer deutschen Bühne die Tragödie "Judith" von Friedrich Hebbel gespielt wird, erfahren wir freundlicherweise gleich zu Beginn. Auf der weißen Rückwand des flachen Bühnenkasten sind allerlei Diabilder zu sehen. Die Herren Gaddafi und Obama. Burka-Frauen und Soldaten. Hubschrauber, Nachrichtensprecher, Guantanamo. Julian Assange und das berühmte Video, in dem US-Soldaten auf eine Gruppe afghanischer Zivilisten schießen. Gotteskrieger und Kriegsherren also, Blutvergießen und der Kampf für eine bessere Welt. Wenn man später vergessen haben wird, warum es all dies Bühnenblut und Gottesrufen, die Kriegs-, Kampf- und Schreiszenen braucht, hilft die Erinnerung an den Beginn. Es gibt ja noch immer Krieg und Gott und blutvergießende Weltverbesserer.

Es wohnt ja in allem der Schrecken

Vor der Diabilderwand sind die Schauspieler aufgestellt. Mit Malerbürsten tragen sie schwarze Farbe auf, bis man weiße Funktionsmenschenumrisse sieht. Katharina-Marie Schubert geht mit einem Bluteimer einher und pinselt händisch rote Todesflecken in die Funktionsmenschenherzgegend. Das ist Judith. Drei Stunden später wird sie mit blitzendem Schwert und zerrissenem Herzen den schlafenden Holofernes ermorden, weil sie um der Errettung ihres Volks der Ebräer und ihrer Ehre willen nicht anders kann und darf.

Am Anfang aber lehnt sie an der Schulter des assyrischen Feldherren Holofernes. Sie schaut ihn an, er spricht von der "Kunst, sich nicht auslernen zu lassen". Holofernes ist bei Alexander Khuon kein fremd-fürchterlicher Tyrann von Schreckensart, sondern der Nachbarsmann mit Jeans und Jedermann-Dunkelblick. Die Schultern eher hängend, die Worte mehr im Treppenhaus- als im Tragödienton gehalten.

Die Judith ist die eine unter den vielen, der Holofernes ist der andere unter allen. Judith und Holofernes: auch du, auch ich. Wenn man sich später fragen wird, was all das Barmen und Bitten soll, wie es zu den bitterernsten, tieftragischen Wort- und Handgefechten zwischen dieser Frau und diesem Mann kommen konnte, muss man sich dieses Anfangs besinnen. Es lauert ja in jedem der Schrecken, es wohnt in allem die Tragödie. Andreas Kriegenburg, der Regisseur dieser Theaterdarbietung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu Berlin, tut indes viel, um dieses Erinnern nachhaltig zu erschweren.

Judith als Prinzip

Nach dem Beginn nämlich, nach dem Bombergedröhn und dem leisen Niedersinken der bemalten Wand hebt ein schwer symbolisches Großspiel an, das sich aufs Worte und Bilder machen kapriziert. Judiths Traum etwa: Schubert sitzt unter einem weiten, blassgelben Tuch und berichtet von ihrer seltsamen Traumbegegnung mit Gott im Abgrund. An der Wand teilt man sich gemeinsam in die Widerworte ihrer Dienerin Mirza, in ihrem Rücken kauert Holofernes, schweigend, in einen Blutmantel gehüllt. Einzelne treten hervor und behaupten Judith zu sein. "Judith ist ein Engel", hören wir, und noch einmal werden zwei Bildprojektionen gegeben: die Jerusalemer Klagemauer, Muslime beim Gebet. Judith, eine Welten umspannende, widersprüchliche, vielleicht auch unkontrollierbare Gottes-, Traum- und  Kollektivausgeburt also. Judith als Prinzip, als heimliche Hand einer unheimlichen (Welt)Geschichte, die von keinem so gewollt worden ist, wie sie sich dann zutragen hat.

Das große Zwiegespräch der Judith mit ihrem jüdischen Gott ist aber, seltsamerweise, ein Solo: Schubert wälzt sich den Leib farbenschwarz. Sie ruft und grollt, dass es Bernd Moss als Einzel-Mirza im Trägerkleidchen ganz anders wird. Katharina-Marie Schubert als Judith: eindringlich, rätselhaft, scharfkantig. Jedes Wort gewinnt bei ihr die Klarheit der Vieldeutigkeit. Sie ist die  Ausnahmeerscheinung dieses Abends. Die Regel dagegen ist Leidensgebrumm und Szenenaufschneiderei.

Auftritt der Weißgeschminkten und Tuchbehängten zum Beispiel: Das sind die Bewohner der von Holofernes belagerten Stadt Bethulien. Sie hungern, sie dürsten, was für Kriegenburg heißt: Sie zittern und zerren an ihrem gemeinsamen Tuch, ächzen und stöhnen und tun als seien sie unter irre gewordene Grufties geraten. Man meint, einer Farce beizuwohnen.

Wehe, welche Welt!

Und noch einen Bühnenrückwand fällt. Und eine Frau wird von assyrischen Männern in Blutmänteln vergewaltigt.  Man trinkt Schnaps, man bringt sich gegenseitig um. Jeder Tote ist ein Blutmantellieferant für Holofernes. Jetzt ist er also doch der Einzige, die Schreckgestalt einer pompösen Banalität des Bösen. Kommt Judith zu ihm, umarmt er sie garstig, stellt ihr die Schnapspulle auf den Kopf, schubst sie umher, kriecht unter ihr Hemd. Ein wippender Tiger-Lillies-Song dazu. Khuon schwitzt, schreit, hitlert ein bisschen. Dann führt er sie hinaus, und Bernd Moss verbringt als Mirza schweigend die Szene, in der Judith bei Holofernes liegt.

Die letzte Bühnenwand schwindet. Auf einer Matratze der schlafende Holofernes, an der Wand eine Leiter. Schubert schreibt in Blutfarben "Hass" auf ihren Bauch, bevor sie den Ruhenden mordet.

Ein Tyrannenkopf wird hiernach nicht über die Bühne getragen, ein Volk, das "Judith Heil!" ruft, hat Kriegenburg nicht vorgesehen. Seine Judith sagt am Ende: "Wehe, sie werden mich rühmen!" Hebbels Judith sagt: "Ich will dem Holofernes keinen Sohn gebären. Bete zu Gott, dass mein Schoß unfruchtbar sei! Vielleicht ist er mir gnädig!" Vergebens gehofft: Der Schoß, aus dem das Böse kroch, ist fruchtbar noch. Man hat es drei Stunden zuvor schon gewusst – und weiß danach nicht mehr.

Wehe, welche Welt! Es sind noch immer Gotteskrieger und Kriegsherren und blutvergießende Weltverbesserer am Werk. Es braucht offenkundig noch immer dies schal anklagende, viel Worte aufsagende, um Wirkung bettelnde Theater des Symbol- und Szenengebimmels.

 

Judith
von Friedrich Hebbel
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Juliane Grebin, Kostüme: Camilla Daemen, Dramaturgie: Juliane Koepp. Mit: Elias Arens, Harald Baumgartner, Alexander Khuon, Bernd Moss, Matthias Neukirch, Heiko Raulin, Katharina-Marie Schubert, Aenne Schwarz, Bernd Stempel.

www.deutschestheater.de


Alles zu Andreas Kriegenburg auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Dieser Abend ist ein Offenbarungseid," schreibt Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (20.3.2011). Der Kriegenburgsche Kriegsbilderreigen ist aus ihrer Sicht ein "Abend der Leidensgymnastik, der Behauptungschoreografie und der leeren Pathosformeln – gern mit Moll-Musik unterlegt." Immer wieder beklage das Theater das "Verschwinden der Welt in den (massenmedialen) Bildern, diesem allgemeinen Hintergrundflimmern und -rauschen der Buhrows und Fußball-WMs, das die Gegenwart zum beliebigen Gleichzeitigkeitsbrei zerdehnt. Doch in der falschen Annahme, Subversion und Tiefenanalyse gepachtet zu haben, klopft man sich selbstbewusst auf die Schulter und weigert sich, festzustellen, dass man selbst mit Relevanzkeulen im seichten Beliebigkeitssüpchen rührt. Die Anstrengung, einen Stoff zu durchdringen und auf Berührungspunkte zur Gegenwart abzuklopfen, ist rar geworden. Es lebt die Kriegs- und Krisen-Deko."

Kriegenburg nehme den "fundamentalistischen, von den Kräften des Geschlechtstriebes befeuerten Zweikampf" zwischen Judith und Holofernes "als Urbeispiel aller gegenwärtigen politischen Konflikte und Kriege", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (21.3.2011). Dieser Urkonflikt werde dann aber ausgetragen "mit fitnessstudiohaftem Texthervorgebrülle, Farbenherumgesaue und Seelenherausgestülpe, mit formalistischem Gezitter und Geröchel und mit einer Theaterroutine, die angesichts ihrer Nichtigkeit und Vergeblichkeit an sich selber verzweifelt. Die Gewalt in dieser Welt, sie stinkt zum Himmel! In den Kammerspielen stinkt's nach Schminke."

Laut Hartmut Krug auf Deutschlandfunk (19.3.2011) gilt "Hebbels selten gespielter Erstling, auch wegen seiner pathetischen Sprache, als unzeitgemäß und schwierig." Andreas Kriegenburg jedoch liefere den Text "weitgehend vollständig ab. Allerdings nimmt er ihm durch gelegentliches Ironisieren und durch eine oft unterspielende Figurengestaltung sein Pathos." Indes merke man schnell: "hier wird Theater mit Material aus dem Kunsthandwerkskasten gebastelt." Insgesamt sei die Inszenierung "mit ihren überdehnten szenischen Einfällen leider ein ungemein selbstverliebtes Kasperle-Erklär-Theater", ein "Klischee-Darstellungsbild" jage das nächste, "und man ist zuweilen peinlich berührt von all den aufgedonnerten Symbolen und szenischen Bedeutungshubereien."

Hebbel lasse "die Zuschauer in einen Abgrund blicken, der ihnen fremd bleiben muss, vor dem sie aber erzittern können und begreifen, dass die Welt und erst recht die Psyche mehr als ein duales System ist", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (21.3.2011). Bei Kriegenburg werde daraus "bestenfalls ein hübsch gestyltes Nullsummenspiel, in dem immer wieder ein anderer aus dem neunköpfigen Ensemble vortritt, 'ich bin Judith' sagt und eine aktuelle Leidensgeschichte aus Beirut oder Srebrenica vorträgt." Kriegenburgs Konzept "mit seiner Kollektivierung von Gewalterfahrungen und der Betonung ihrer Zeitlosigkeit" sei "redlich", vermöge indes "nicht recht zu überzeugen". Mitunter gelängen dem Regisseur packende Bilder, hauptsächlich aber werde "Hebbels strenger Prosatext inbrünstig deklamiert, ohne dass verständlich würde, was die Inszenierung zwischen Themen wie Friede, Gerechtigkeit, Rache, Konfession, Eros eigentlich umtreibt. Die Emphase ist beträchtlich, ihr Nährwert minimal."

Andreas Kriegenburg stehe "nicht unbedingt unter Verdacht, seine Inszenierungen intellektuell zu überfrachten", meint Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (21.3.2011). Mit Hebbels "Judith" allerdings mache er es sich "auch für seine Verhältnisse bemerkenswert einfach". Hebbels "Sexualisierung und Pathetisierung des biblischen 'Judith'-Stoffes" übersetze Kriegenburg "in einen konfusen 'Oh-Mensch!'-Spätexpressionismus mit symbolschwer weiß und schwarz angemalten Gesichtern und groß ausgestellten, aber kaum mit Bedeutung gefüllten Pathosformeln. Die bedauernswerten Schauspieler finden kein Verhältnis zu ihren Figuren und retten sich in viel zu große Gesten und feierliches Dröhnen."

"Dick aufgetragen" werde bei Kriegenburgs "Judith", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (21.3.2011). Aber Kriegenburg sei "nicht Lichtjahre entfernt von Hebbel und seiner Suche nach dem Gewaltigen." Das Plakative und Banale sei "zugleich großmannssüchtig, theatralisch, eine Spur peinlich und darin durchaus Hebbelsch". Nicht nur um den Tyrannenmord gehe es Kriegenburg, "nicht nur um den Machthaber als Übermenschen, sondern auch um den Kampf zwischen den Geschlechtern unter Berücksichtigung der 'natürlichen' Unterlegenheit der Frau. Das ist grobschlächtig und nicht besonders klug, nicht erst durch Kriegenburg, der es aber unter anderem mit routinierten Vergewaltigungsszenen unterstreicht und wenig, nein, gar keine Bereitschaft zeigt, subtilere Seiten zutage zu fördern." Man könne das Stück "auch stark kürzen und überhaupt handlicher und feinsinniger aufbereiten".

Ulrich Weinzierl schreibt in der Tageszeitung Die Welt (23.3.2011) eine sehr lesenswerte Rezension: Längst sei Hebbels Frauenbild "anstößig, ja lächerlich". Judith sei ein Ärgernis für jede/n Feminsti/en. Doch ganz so einfach verhält es sich, nach Weinzierls Sicht, nicht nur: Alfred Kerr habe den Verfasser der "Judith" als den "ersten großen Dramatiker der Zwiespältigkeit ... oder des Unbewussten" gepriesen. Weinzierl: "Die teils grandios aberwitzigen Sätze der Protagonisten Judith und Holofernes sind Beleg genug. In ihrer Ambivalenz klingen sie ungemein modern, selbstverräterisch vor der Zeit." Der Dichter Hebbel sei ein "absolut pessimistischer Idealist", selbst "im Verkorksten eindrucksvoll". Seine dramatische Prosa sei "ein Vorgriff auf lange danach formulierte Seelenkunde".
Vor diesem Hintergrund wirke die "Judith" von Kriegenburg "sehr gelungen". Sie nötige "Respekt" ab vor der "konzeptuellen Leistung", verlange und erzwinge in "ihrem präzisen Sprachduktus hohe Aufmerksamkeit". Kriegenburgs Regie wage "den Spagat zwischen Zeitgenossenschaft und zeitlosen emotionalen Konflikten". Wenn die Aktualität freilich bis Tripolis ausgeweitet werde, "zucken wir zusammen". Derlei störe, "weil es am Augenblick schmarotzt". Kunst brauche Distanz zur Realität, um "eine zweite Wirklichkeit zu schaffen".
Alexander Khuon als Holofernes sei "weder Ungeheuer noch Triebtäter des Massenmords", eher ein "fast lebensmüder Dandy der Tyrannei". Fern "jeglicher Überlebensgröße" präsentiere sich die Judith von Katharina-Marie Schubert als "junge, zerrissene Frau im Kampf um ihre Identität" - und erreiche dabei "bemerkenswerte, gleichsam vibrierende Eindringlichkeit".

 
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