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Wie sie wirklich war, die rettende Schweiz

von Charles Linsmayer

Solothurn, 5. Mai 2011. Peter Lotar (1910-1986) war als Schauspieler, Regisseur und Dramatiker ein Leben lang für die Bühne tätig gewesen, als er in zwei Romanen – "Eine Krähe war mit mir" (1978) und "Das Land, das ich Dir zeige" (1985) – seine frühe Zeit als Schauspieler in Berlin und Prag und die Erfahrungen als Emigrant in der Schweiz der Jahre 1939 bis 1945 literarisch umsetzte. Vor allem das zweite Buch, das im Unterschied zum ersten in Ich-Person geschrieben ist, liest sich in weiten Teilen wie ein Drama und fordert zur szenischen Umsetzung fast schon heraus.

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Flüchtlingsgeschichte

Mirjam Neidhart hat sich der Aufgabe für das Theater Biel Solothurn mit Einfühlungsvermögen und Takt gestellt. Sie fokussiert ihre Fassung ganz auf die Erfahrungen und Umstände der Emigration und lässt keinen Zweifel daran übrig, dass es sich bei der Romanfigur Mark Truntschka um den jüdischen Flüchtling und Widerstandskämpfer Peter Lotar selbst handelt.

Katharina Rupp, die für Inszenierung und Drehbuch verantwortlich zeichnet, verstärkt diese Tendenz, indem sie die zahlreichen kleinen Episoden klar auf Solothurn und die Bühne der Uraufführung konzentriert und am Ende Peter Lotar live auf Grossleinwand zu Worte kommen lässt. Einfach nur eine Hommage an einen für die Bühne bedeutsamen früheren Theatermann ist "Das Land, das ich dir zeige" allerdings nicht, gelingt es der Aufführung doch auf überzeugende Weise, Lebens- und Theatergeschichte als Zeitgeschichte zu lesen und in einem abwechslungsreichen, eher assoziativ verknüpften Bilderbogen ein Kapitel schweizerische und europäische Flüchtlings- und Integrationsgeschichte zu zeichnen, das einem immer wieder auf frappante Weise an aktuelle Ereignisse erinnert.

Im bürokratischen Dschungel

In einem sehr beweglichen und für schnelle Wechsel bestens geeigneten Bühnenbild von Vazul Matusz spielt Max Merker den tschechischen Flüchtling Marek Truntschka, der 1939 vor den deutschen Truppen aus Prag in die Schweiz flieht und mal wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen, mal wie der arme K. vor Kafkas Schloss mit den Absurditäten und Unwägbarkeiten der schweizerischen Asylpolitik konfrontiert ist.

Die insgesamt 30 Personen, mit denen Truntschka es dabei zu tun bekommt, werden von sechs Schauspielern verkörpert, deren Wandlungsfähigkeit eine der bemerkenswerten handwerklichen Qualitäten des Abends ist. So spielt Barbara Grimm mit gleicher Brillanz die spiessige Solothurnerin, die keinen Schauspieler als Untermieter will, wie die vornehm Französisch parlierende Madame Moor, die Truntschka zusammen mit ihrem Mann jeweils im letzten Moment noch helfend beispringt. Katja Tippelt beeindruckt am stärksten als Lena, Mareks treuer Freundin, Günter Baumann imponiert als Theater-Faktotum Washington ebenso wie als faschistenfreundlicher Arzt Dr. Ruchti. Thomas Schmidt gibt mit einem wundervollen östlichen Akzent den Theaterdirektor Feiel, verleiht aber auch dem Fremdenpolizeichef Veraguth, hinter dem sich der berüchtigte Heinrich Rothmund verbirgt, die richtigen, ebenso selbstherrlichen wie kleinlichen Konturen. René-Philippe Meyer verkörpert neben sechs weiteren Figuren auf glaubwürdige Weise den Solothurner Fremdenpolizisten Feusi, der zwischen Mitleid und Gehorsam hin und her gerissen ist.

Humane Botschaft

Die kurzen Episoden werden immer wieder von Filmprojektionen unterbrochen, die bestens dazu geeignet sind, die Ereignisse in der Kleinstadt Solothurn mit Prag und den politischen Entwicklungen der Jahre 1939 bis 1945 in Beziehung zu setzen. So erlebt man alles anschaulich mit: den Einmarsch der deutschen Truppen in Prag, die Rache der Nazis für die Ermordung des Prager Statthalters Reinhard Heydrich, ist aber auch mitten drin bei den Proben des Theaters, das etwas wie das Herzstück und der zentrale Schauplatz der Inszenierung ist.

Es ist nicht leicht, das Publikum ohne eigentliche dramatische Handlung fast zwei Stunden lang in Spannung zu halten. Katharina Rupps Inszenierung gelingt das dank einer raschen, temperamentvollen Abfolge der Szenen, dank einer einfallsreichen, teils geradezu witzigen Umsetzung der Vorgaben des Textes, dank einer schön durchgehaltenen spezifischen Theateratmosphäre und nicht zuletzt deshalb, weil Peter Lotars Text sich nicht nur sprachlich, sondern auch von seinem Gehalt und von seiner zeitlos aktuellen humanen Botschaft her als tragfähig und bedenkenswert erweist.

 

Das Land, das ich Dir zeige (UA)
nach dem Roman von Peter Lotar dramatisiert von Mirjam Neidhart
Regie: Katharina Rupp, Bühne und Kostüme: Vazul Matusz, Dramaturgie: Silvie von Kaenel.
Mit: Max Merker, Barbara Grimm, Katja Tippelt, Günter Baumann, Thomas Schmidt und René-Philippe Meyer.

www.theater-biel.ch

 

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Kritikenrundschau

Andreas Klaeui hat für die Neue Züricher Zeitung (7.5.2011) "fast eine familiäre Angelegenheit" in Solothurn erlebt, "mit vielen lokalen Anknüpfungspunkten". Die Inszenierung verstärke diesen Eindruck noch, indem versucht werde, die Historie "auf vielfältige Weise" über Filmeinspielungen, Kommentare, Theater im Theater, Dialekte und ähnliche Mittel anschaulich zu machen. Das sei "facettenreich", "aber es wird nicht wirklich rund – vieles, hat man den Eindruck, bleibt archivtrocken oder thesenhaft, vieles setzt zu leichtfertig auf Pointen und versandet im Karikaturistischen."

Eine "insgesamt beeindruckende Uraufführung" erlebte dagegen Serge Kuhn für die Graubündener Ausgabe der Südostschweiz (7.5.2011) und empfiehlt Lotars Roman als "Stoff auch für die große Leinwand". Zum Höhepunkt werde der Auftritt von Flüchtlingshelferin Françoise Moor (Barbara Grimm), "die ihr Engagement mit einer kämpferischen Rede vor Gericht verteidigt". Hier trete "Aktualität und Brisanz" der Vorlage "augenfällig" zutage. "Davor", so macht der Kritiker gelinde Abstriche, sei "die zweieinhalbstündige Aufführung bisweilen weniger dicht".

Ganz ähnlich berichtet Fränzi Rütti-Saner für Der Sonntag (8.5.2011) über eine "gelungene Inszenierung mit tollen Filmsequenzen und erhellenden Radiodokumentationen." Dank der Schauspielkunst des Ensembles werde die Komplexität gemeistert, die "Angst, bei so vielen Fragen, die Übersicht zu verlieren", sei "unbegründet". Katharina Rupp inszeniere mit "Drive, Witz, aber auch dem nötigen Tiefgang und einem Hauch Lokalkolorit. Spartanisch-schlicht und logisch das Bühnendekor, gekonnt zeitgemäss die Kostüme (beides Vazul Matusz)." Fazit: "Die zweieinhalb Stunden vergingen wie im Flug."



 
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