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Es riecht nach Mann im Dorf

von Charles Linsmayer

Wettingen, 5. Juli 2011. Es ist 1798, und die französischen Revolutionsarmeen schicken sich an, die Schweiz zu erobern. Auf dem Dorfplatz versammeln sich die wehrhaften Eidgenossen und beschliessen, "mit Gott fürs Vaterland und gegen das Dezimalsystem" zu kämpfen, indem sie in ihrer Bergfestung auf den Gegner lauern. Die Frauen lassen sie im Dorf zurück. Sie sollen sich mit Dreck und Mist verschmieren, da die Franzosen sich nur für elegante Städterinnen interessieren. Und als dann statt der befürchteten Soldateska ein junger französischer Maler eintrifft, der die Gegend für seine Schlachtengemälde rekognoszieren soll, besinnen sie sich bald  eines Besseren, entdecken nach der Anleitung des charmanten Künstlers, was ihnen von ihren biederen Männern vorenthalten wurde, und leben mit dem gebrochen deutsch parlierenden Franzosen lustvoll ihre Sinnlichkeit aus.

Der Krieg vor dem Lustspiel
"De Franzos im Ybrig" hieß Thomas Hürlimanns 1991 in Einsiedeln uraufgeführte Mundartkomödie ursprünglich, "De Franzos im Aargau" heisst sie nun, da Volker Hesse sie leicht verändert für die Klosterspiele Wettingen inszeniert und um eine Reihe von pantomimischen und musikalischen Szenen erweitert hat.

Zweimal schon haben Hesse und Hürlimann fulminante Neufassungen des Einsiedler Welttheaters geliefert, und wiederum gelingt es den beiden, ein grosses Laienensemble zu eindrücklichen Leistungen zu führen. Bevor die Komödie im Innenhof des Zisterzienserklosters auf einer Holzbühne ihren Verlauf nimmt, wird das Publikum auf einem gruppenweise durchgeführten Rundgang durch die imponierende Klosteranlage mit dem konfrontiert, was dem ausgelassenen Lustspiel eigentlich folgt: dem Krieg und dem, was er an Not und Elend hinterlässt.

Da geht man durch Säle mit Verwundeten und Toten hindurch, steht in einem Garten den Insassinnen eines Irrenhauses gegenüber und wird in einen Raum geführt, in dem schwarz verhüllte Witwen an den Särgen ihrer toten Männer trauern. Eindrücklich auch der Auftritt einer Gruppe von Mönchen, die dem Einbruch des Füchterlichen mit ihrem Gesang zu trotzen versuchen, bis die Orgel in Dissonanzen verfällt und sie die Flucht ergreifen.

"Der Misthaufen kann Französisch"
So nachdenklich diese Arrangements stimmen mögen, bei dem, was dann auf der Bühne zu sehen ist, schwingt das Komisch-Amüsante obenauf und erlaubt der witzig karikierte Gegensatz zwischen den Geschlechtern immer neue Pointen und humorvolle Situationen. So fürchten sich die Männer, die im angetrunkenen Zustand Strategiepläne schmieden, ganz offenbar viel mehr vor ihren herrschsüchtigen Ehefrauen als vor den Franzosen; und als die Männer auf ihrer Bastion sind und die Frauen das Terrain alleine beherrschen, genügt die Anwesenheit eines einzigen Exemplars des andern Geschlechts, um sie ausrufen zu lassen: "Es schmöckt, es isch en Maa im Dorf." ("Es riecht, es ist ein Mann im Dorf.")

wettingen_alex spichaleDie Weiber zu Wettingen © Alex Spichale

Es wirken an die 100 Laien mit an der Inszenierung, und einzig die Rolle des französischen Schlachtenmalers ist mit einem Berufsschauspieler, mit Gilles Tschudi, besetzt. Der ist denn auch in seinem Element, wenn es gilt, die Frauen in einer lustigen Mischung aus Deutsch und Französisch zu bezirzen. Zwar fällt er vor dem Geruch und der Kriegsbemalung der Schönen fast in Ohnmacht, ist aber dann doch überrascht, als ihm eine auf Französisch entgegentritt, und gibt seiner Verwunderung mit den Worten «Der Misthaufen kann Französisch» Ausdruck. Schliesslich aber waschen sich die Dorfbewohnerinnen in einer sehr schönen sinnlichen Szene, um dann auf dem Höhepunkt der Entwicklung scharenweise über den bedauernswerten Franzosen herzufallen.

Der Tod erzählt
Eindrücklicher als solche etwas problematischen Massenszenen sind die Einzelszenen, in denen die Geschichte des Mädchens Vogellisi erzählt wird, das im Kindbett stirbt und als eine Art Engelwesen darüber wacht, dass ihre Freundin gut zu ihrem Kind ist. Stark ist immer wieder der Auftritt des den Tod verkörpernden Sargtöneli, der zugleich eine Art Erzählerfunktion wahrnimmt und in einem der eindringlichsten Momente als Freund Hein mit dem sterbenden Vogellisi zu Schuberts Klaviertrio Opus 100 einen Totentanz tanzt.

Überhaupt spielt die Musik, die von der Geigerin Bettina Boller und einem kleinen Ensemble geliefert wird, eine wesentliche stimmungsmässige und rhythmisierende Rolle bei der Aufführung, die insbesondere auch in Sachen Choreographie eine für eine Laientheater ungewöhnliche Höhe erreicht. Vielleicht sind drei Spielstunden etwas zu lang und hätte ab und zu ein Strich der Inszenierung gut getan. Von einer Ermüdung war aber weder bei den Darstellern, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch in Sachen Artikulation Erstaunliches boten, noch beim Premierenpublikum etwas zu merken, das die Aufführung am Ende mit lang anhaltendem Applaus verdankte.

Die großen Fragen, die aktuellen

In einem Interview mit der NZZ hat Volker Hesse vor der Premiere vom "Grossstadtbühnen-Zynismus" gesprochen, dem er in Berlin – wo er von 2001 bis 2006 Intendant des Maxim Gorki Theaters war – begegnet sei und dem er ein Theater entgegenstellen wolle, in dem sich "mit Eindringlichkeit die Fragen nach Leben und Tod stellen" liessen. Nimmt man noch die Liebe dazu, so muss man anerkennen, dass das Hesse nach den Altdorfer Tellspielen und dem Einsiedler Welttheater nun auch in Wettingen wieder gelungen ist.

Ein Theater, das anhand eines historischen Beispiels die großen, durchaus aktuellen Fragen der Menschheit anspricht und zugleich so vital und unterhaltsam ist, dass man alles Moralische gleich wieder vergisst.

 

De Franzos im Aargau
von Thomas Hürlimann
Regie: Volker Hesse, Choreographie: Jo Siska, Räume: Marina Hellmann, Kostüme: Ulrike Scheiderer. Mit Gilles Tschudi und Laiendarstellern aus der Region Wettingen.

www.klosterspiele.ch

 

Mehr von Volker Hesse und Thomas Hürlimann: 2007 inszenierte Hesse in Einsiedeln Hürlimanns Calderón-Adaption Das Einsiedler Welttheater.

Kritikenrundschau

Den "szenischen Parcours durch die Klosteranlage", den Volker Hesse vor die eigentliche Aufführung gesetzt hat, hält Andreas Tobler im Tages-Anzeiger (7.7.2011) an sich für "eine tolle Idee", doch sei der Rundgang letztlich problematisch: An der letzten Station entstehe gar "der Eindruck, mit dem Parcours solle die Schweiz zu einem Opferland stilisiert werden, das wiederholt von Krieg, Angst und Verzweiflung heimgesucht wurde. Das kann nicht Volker Hesses Absicht gewesen sein." Spaß mache der sich anschließende "Franzsos im Aargau" "vor allem wegen der herausragenden Leistungen von Albert Freuler als Sargtöneli und Vreni Urech als Mutter Kälin. Sie geben Hesses Volkstheater-Inszenierung genau das, was ihr grösstenteils fehlt: pralle Figuren und deftigen Witz." Insgesamt aber mangele es "Hesses Inszenierung an einer einheitlichen Ästhetik und – man muss das leider sagen – auch an Esprit."

 
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