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Unter Dauerstrom

von Matthias Weigel

Berlin, 24. September 2011. Es ist eine Szene, die nur sie spielen können. Jeder wohlstandsdeutsche Schauspielschulspieler hätte sich bei dem blamiert, womit die jungen Palästinenser des Freedom Theatre Jenin einen kalten Schauer über die Rücken der Zuschauer jagen: Gleich zu Beginn ihres Gastspiels an der Berliner Schaubühne lassen sie einen Bombenhagel niederprasseln. Unter ohrenbetäubenden Explosionen krümmen sich in grellen Lichtblitzen sieben muskulöse, schwarzgekleidete Männer vor Schmerz. Hilflos winden sie sich, sie müssen es ausweglos über sich ergehen lassen. Effektgeladener Eröffnungsdonner, der aber bei ihnen deshalb nie anmaßend wirkt, weil die Spieler von Gewalt erzählen, die sie selbst erlebt haben – in ihrer Heimat im Westjordanland. Sanfter oder friedlicher wird es zwar das ganze Stück über kaum werden. Trotzdem zeigt die Inszenierung noch eine erstaunliche und ermutigende Wende.

Die auf der Bühne müssen sich also gar nicht erst dem schier unmögliche Unterfangen stellen, sich in die – den meisten Mitteleuropäern so ferne – Situation einzufühlen, wie es wohl ist, unter andauernder Angst und Gewalt zu leben, abgeschottet, gedemütigt und verdächtigt. Es ist ihre tägliche Lebensrealität im UN-Flüchtlingslager Dschenin im Westjordanland, in dem sich auf weniger als einem Quadratkilometer Fläche rund 12.000 palästinensische Flüchtlinge drängen. Die Hälfte davon sind Jugendliche, Flüchtlinge der zweiten Generation, hinter Elektrozäunen im Lager aufgewachsen.

Leben zwischen den Fronten

Die Ermordung von Juliano Mer-Khamis im April dieses Jahres löste einen internationalen Aufschrei aus. Mer-Khamis hatte das Theater, das von seiner Mutter bereits in den 80er Jahren aufgebaut, während der zweiten Intifada 2002 vom israelischen Militär aber zerstört wurde, im Jahr 2006 neu gegründet. Seine Schauspielkarriere in Israel hatte Mer-Khamis aufgegeben, um nach Dschenin zurückzukehren und als Leiter, Mentor, Visionär und Pädagoge das Werk seiner Mutter fortzuführen; beide bezeichneten sich übrigens stets als "palästinensische Juden".

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 Das Freedom Theatre aus Jenin. © Simon Clode

Dass er als kulturbewaffneter Freiheitskämpfer nicht ungefährlich lebte, war aufgrund zahlreicher Drohungen und Anfeindungen klar. Feinde machte er sich schließlich auf jeder Seite: Bei den Israelis, deren Besatzung der palästinensischen Autonomiegebiete er in seiner künstlerischen Arbeit ebenso kritisierte wie Diskriminierung und Ungerechtigkeit innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Doch darauf, vor seiner Wirkungsstätte an der Seite seines sechsjährigen Sohnes von einem Vermummten erschossen zu werden, kann keiner vorbereitet sein.

Michael-Jackson-Zombie und Voodoo-Dompteur

Unter Regisseur Nabil Al-Raee will das Ensemble, das im Freedom Theatre gleichzeitig ausgebildet wird, seine Arbeit nun fortsetzen. Jetzt erst recht – so strömt es aus jeder Pore dieser energiegeladenen Kampfshow mit dem Titel "Sho Kman – Was noch?". Kaum beruhigt sich der Anfangsdonner, tritt zu Queens Staubfresser-Hymne ein neuer Peiniger auf die karge Bühne: Eine Mischung aus Michael-Jackson-Zombie und Vodoo-Dompteur lässt die anderen nach seiner Pfeife tanzen. Die physisch Versehrten verlieren nun als reifenspringende Zirkustiere auch noch ihre Würde.

Und so explodieren die Situationen auch dann immer wieder in Gewaltausbrüche, wenn die vermeintlichen Opfer unter sich sind: Mal geht es um einen halben Apfel, mal um Schmiergeld; oft schlägt Spiel in Ernst um. Auch die hollywoodreifen, sehr körperlich und riskant choreografierten Rangeleien bleiben von tänzerischem Spieldrang und lustvoller Musical-Dramatik geprägt: die Lust am Kampf. Zwischen den Eskalationen bleibt kaum eine ruhige Sekunde, begleitet von durchkomponiertem Grollen, Orient-Rap und Orchester-Soundtrack auf Volllautstärke.

Zwischen Martial Arts und "Miss Saigon"

Um Unterwerfung und Korruption, Wegschauen und Abtransportieren, Erniedrigen und Machtmissbrauch, vor allem immer wieder um Gewalt geht es in dieser Szenen-Kollage, meist wortlos, mal in Phantasiesprache. Bei alledem mangelt es an lesbaren Symbolen nicht. Doch so einfach und gradlinig manche Situationen auch gebaut sind: Es wird kein selbstgenügsames, schwarz-weißes Anklagebild gezeichnet. Die jungen Schauspieler wollen keinen orientalischen Agitprop machen, sondern spielen.

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Und im Laufe des Stückes wird immer deutlicher sichtbar, wie sie von den dokumentarischen Situationsskizzen ausgehend zu einer eigenen Ästhetik finden zwischen Martial-Arts und "Miss Saigon", testosterongeladen, unter Dauerstrom, energetisch überfordernd. Ein Individuum steht dem Chor gegenüber, jedes Ende eines Konflikts ist Ausgangspunkt für den nächsten, eine unbedingte Show, in der es nur entweder oder gibt – im Minutentakt.

Diese Richtung ist es, die Mut macht: die künstlerischen Handschriften, die sich abzeichnen. Denn hier löst sich das Theater von seiner präjudizierten, aufgeladenen Dokumentar-Funktion und es bleibt nicht bei einem pädagogischen Projekt oder einer schaurigen Betroffenheits-Show. Vielmehr zeigt sich das Theater vorsichtig als souveräne Kunstform, die eigene Ästhetiken und Visionen ausprobiert. Und das ist wohl das beste Anzeichen, dass es für den Fortschritt einer freiheitlichen gesellschaftlichen Entwicklung geben kann.

 

Sho Kman – Was noch?
Regie: Nabil Al-Raee und Ensemble
Eine Produktion der Freedom Theatre Acting School, gefördert von Medico International, der UNESCO und SIDA.

www.thefreedomtheatre.org

 

Mehr zu Juliano Mer-Khamis und das Freedom Theatre Jenin? Auf Youtube gibt es einen Film, der auch vor der Vorstellung gezeigt wird.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Freedom Theatre Jenin, Berlin: muss man gesehen habenjan linders, staatstheater.karlsruhe.de 2011-09-25 21:33
Es gibt so viele Kommentare und Berichte über Palästina - das Freedom Theatre muss man gesehen haben. Darum ein Veranstaltungshinweis: Die Inszenierung ist noch bis Anfang November in verschiedenen deutschsprachigen Städten zu sehen - siehe www.kinderkulturkarawane.de.

Mi. 28.09.
Hamburg, Aufführung, 20.30 Uhr, Kampnagel-Fabrik, Jarrestr.

Do. 29.09.
Hamburg, Aufführung, 20.30 Uhr, Kampnagel-Fabrik, Jarrestr.

Sa. 2.10.
Bonn, Aufführung, 18.00 Uhr, Rheinisches Landesmuseum, Colmantstr. 14 - 16

Do. 06.10.
Schwalbach a. Ts., Aufführung, 11.00 Uhr, Bürgerhaus, Am Marktplatz 1 - 2

Fr. 07.10.
Gütersloh, Aufführung, 19.30 Uhr, Theatersaal, Kulturräume Gütersloh, Friedrichstraße 10

So. 09.10.
Kiel, Aufführung, 20.00 Uhr, Theater im Werftpark, Ostring 187a

Di. 11.10.

Kiel, Workshopprojekt
Kiel, Aufführung, 20.00 Uhr, Theater im Werftpark, Ostring 187a

Mo. 17.10.
Schwerte, Aufführung, 18.00 Uhr, Realschule Am Bohlgarten, Holzemer Weg 20

Di. 18.10.
Schwerte, Aufführung, 18.30 Uhr, JVA, Theaterhalle, Gillstr. 1

Fr. 21.10.
Düsseldorf, Aufführung, 20.00 Uhr, Goethe Gymnasium, Lindemannstr 57

Mo. 24.10.
Freiburg, Aufführung, 20.00 Uhr, Theater Freiburg, Kleines Haus, Bertoldstr. 46

Di. 25.10.
Karlsruhe, Aufführung, 20.00 Uhr, Badisches Staatstheater, Studio

Do. 27.10.
Gießen, Aufführung, 10.00 Uhr, Liebig-Schule, Bismarckstr. 21

Fr. 28.10.
Marburg, Aufführung, 20.00 Uhr, Waggonhalle, Rudolf-Bultmann-Str. 2a

Mo. 31.10.
Marburg, Aufführung, 10.00 Uhr, Martin-Luther-Schule, Savignystr. 2
Marburg, Aufführung, 16.00 Uhr, Martin-Luther-Schule, Savignystr. 2

Fr. 04.11.
Wien, Aufführung, 20.00 Uhr, Dschungel - Theater für junges Publikum, Museumsplatz 1

Sa. 05.11.
Wien, Aufführung, 20.00 Uhr, Dschungel - Theater für junges Publikum, Museumsplatz 1

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