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Noras Gespenster haben Gesichter 

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 1. Oktober 2011. Der Weihnachtsbaum steht noch im Zimmer. Als hätte ihn eine verzweifelt-wütende Nora nie in den Gartenpool geschmissen. Als hätte Nora ihren Mann und dessen Puppenheim nie verlassen. Es tritt auch weder eine Nora noch eine Helene auf, sondern eine Dramen verbindende EleoNora. Dortmunds Intendant Kay Voges inszeniert Ibsens "Gespenster" als Fortsetzung von "Nora". Die neue Saison eröffnet er mit einer Doppelpremiere, mit beiden Stücken in einem Bühnenbild an zwei Tagen hintereinander. Am ersten Abend hatte sich EleoNora aus dem bürgerlichen Bungalow befreit, am zweiten sitzt sie wieder in ihm fest. Vom Kaminsims schaut ihr schwarz eingerahmtes Schicksal, das Bild ihres verstorbenen Mannes Torvald.

Helena, hier also EleoNora, will ihrem Mann mit einem Kinderheim einen Gedenkstein setzen. Finanziert aus dem Familienvermögen, idealisiert als Bauwerk für einen Ehrenmann, entlarvt als Denkmal der Selbsttäuschung. Denn der schwerwiegendste Gedenkstein ihres Mannes läuft in Gestalt des Hausmädchens durchs traute Heim. Regine ist dessen Tochter, gezeugt mit einem Dienstmädchen. Sex und Alkohol waren die Gelüste des Toten. Bei Voges heißt der nicht Kammerherr Alving, sondern Torvald Helmer. Ein Gespenst der Vergangenheit, ein Gespenst der vorabendlichen "Nora".

Familienbeziehungen und viele Sprünge in den Pool

Die Namensänderungen und Familienverquickungen funktionieren problemlos. Nora und Torvald haben eben nur ein Kind, Osvald. Und Pastor Manders, Helenas heimlich Liebe, kündigt sich bei Nora schon mal mit einer Weihnachtskarte an. So kommt einer zur anderen und Ibsen zu einer Dramenserie. Ibsens analytische Familienstücke sind ausformuliert und zeitlos, seine Figuren zu Ende gedacht. Das macht die dramaturgische Verbindung in diesem Fall einfach. Allerdings wird die psychologisch-realistische Form, der Voges folgt, auch zum Problem beider Inszenierungen.

Ibsens Figuren sind ausgedeutet. Aber Voges geht immer noch einen Schritt weiter. Jede sprachliche Andeutung übersetzt er in eine deutliche Geste, jede Verzweiflung wird zum hysterischen Schrei, moralische Begriffe bekommen das passende Bild. Das Kreuz wird tatsächlich getragen, der vermeintlich Schuldige schiebt es dann gerne dem anderen auf die Schulter. Wer sich offenbart, wagt den Sprung ins kalte (Pool-)Wasser. Die wahrheitsfindende Unterhaltung zwischen Pastor Manders und EleoNora findet als Beichtgespräch hinter zugezogenen Vorhängen statt. So erklärt sich, was längst verstanden ist.

Parallelgeschichten im Bungalow

In Pia Maria Mackerts naturalistischem Bühnenbungalow können Geheimnisse hinter Gardinen bleiben, Türen geknallt und laszive Posen auf dem Sofa eingenommen werden. Da fehlt nur noch der Teppich, unter den die Lügen und Laster gekehrt wurden. Der Videoeinsatz von Daniel Hengst hat an diesem zweiten Abend klarere Konturen als in "Nora". Er ermöglicht Parallelgeschichten von der Hinterbühne. Und die Gespenster bekommen Gesichter, sind sichtbare Wiedergänger, denen sich EleoNora von Angesicht zu Angesicht stellen muss.

Friederike Tiefenbacher erledigt das zwischen Wahn und Trotz, tragischem Furien-Gezeter und Beiläufigkeit. Mal überkommt sie der verbale Gefühlsausbruch ("Fotzenfresser", "Dreckschwanz"), mal ein Lachanfall. Auch Michael Witte als Pastor Manders und Uwe Rohbeck als Engstrand, Regines angeblicher Vater, neigen zur Slapstick-Einlage, zur ironischen Kommentierung. Jede Figur hat ihren doppelten Boden, auf dem wird kräftig herumgesprungen, bis zur Bauchlandung im Wasserbecken.

In grellen Scheinwerfern

Deshalb bewegt sich immer einer im Bademantel durchs Haus. Da ist dann auch der Schritt zur Selbstentblößung nicht mehr groß. Björn Gabriels heimgekehrter Sohn Osvald geht dafür bis ins Publikum, beschimpft die Pseudohumanisten mit ihrer Pseudomoralkeule und die Geschäftsreisenden, die sich über Zimmermädchen hermachen. Die passende Lektüre liegt bei Osvalds Mutter auf dem Wohnzimmertisch: Der kommende Aufstand.

Ibsen bringt Gespenster ans Licht, Voges setzt sie grellen Scheinwerfern aus, die kein Wort und keine Emotion im Unklaren lassen. Auch am Ende steht eine Entscheidung. Osvald, bei dem die angeborene Syphilis, die vom Vater geerbte Gehirnerweichung, ausgebrochen ist, sticht sich lebensmüde mit einem Messer in den Bauch und planscht im Pool in den Tod. EleoNora bleibt diesmal nicht konventionen- und prinzipientreu daheim. Sie nimmt ihren Mantel, ihre Tasche, und geht. Eine gealterte Nora.


Gespenster oder die Wiedergänger
von Henrik Ibsen
Regie: Kay Voges, Bühne und Kostüme: Pia Maria Mackert, Video: Daniel Hengst, Dramaturgie: Michael Eickhoff.
Mit: Friederike Tiefenbacher, Michael Witte, Björn Gabriel, Luise Heyer, Uwe Rohbeck.

www.theaterdo.de


Kritikenrundschau

Kay Voges nimmt Ibsen beim Wort, der seine "Gespenster" als Negativ-Fortsetzung von "Nora" angelegt hatte, führt beide Werke zusammen und "lässt Noras Hoffnung auf Emanzipation, auf Unabhängigkeit platzen", so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (7.10.2011). Über offene Fragen im Doppel-Plot helfe das Bühnenbild hinweg. Aber "auf die Komik und den Schwung des ersten Abends wartet man bei 'Gespenster' vergebens". Voges erlaube sich und dem bis auf die Figur des Dienstmädchens komplett neuen Ensemble weniger absurden Humor, weniger Trash. Fazit: "Im Kontrast zur jugendtauglichen "Nora" des Vorabends wirkt "Gespenster" schwerfällig. (...) Gerade der essenzielle Gedanke erfährt durch die Verbindung der beiden Dramen keine sinnvolle Neuinterpretation, wirkt verwaschener als im Original."

Vom "realistischen Zugriff mit behutsamen Aktualisierungen, der nicht zuletzt wegen der starken Darsteller gut funktioniert", bei "Nora" zeigt sich Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (4.10.2011) besonders überzeugt. Die "Gespenster" – der zweite Teil dieses Ibsen-Doppelabends – "leiden hingegen an der Anbindung an 'Nora'". Sie wirkten als "eine Art Rücknahme des Befreiungsdramas. Insbesondere der geänderte Schluss raubt dem Drama seine emotionale Wucht." Gleichwohl besitze der Abend "seine Qualitäten", vor allem im schauspielerischen Bereich: "Der aggressive Witz Ibsens zum Beispiel wird präzise getroffen, zum Beispiel wenn sich der Pastor Manders und der Tischler Engstrand (Uwe Rohbeck) nach dem Abbrennen des neu gebauten Kinderheims zusammentun, um einen Seemannspuff einzurichten. Rohbeck und Witte geben ein feines Paar Komplizen ab."

Intelligent ersonnen findet Arnold Hohmann im Onlineportal der WAZ-Gruppe derwesten.de (3.10.2011) die Ausdeutung von "Gespenster" als Nachgeschichte zu "Nora". Bei "Nora" besticht, wie "zeitlos das alles ist", abzulesen "an der Mühelosigkeit, mit der es Voges gelingt, die Handlung in der Gegenwart zu verankern." In "Gespenster" nutze Voges dann vermehrt "Videoaufnahmen aus den Innenräumen, die ihm die Möglichkeit geben, Gefühlsregungen auch in Großaufnahme zu zeigen". Der Regisseur treibe seine Akteure "in immer neue Ausbrüche", es werde "sich angebrüllt, bis die Rampe kracht". Ergo: "Man spürt, dass dem Regisseur die linear erzählte 'Nora' besser liegt, als ein Stück, das sich seine Dramatik aus der Erinnerung an die Vergangenheit zusammenbauen muss." So leide die "finstere Familiendämmerung" in diesem Drama "unter dem grellen Scheinwerferlicht, in das Voges sie zu zerren versucht".

"Wer beide Abende sieht, erlebt ein kluges Projekt zum Frau-Sein heute. Wer nur einen Abend Zeit hat, sollte die 'Nora' bevorzugen", urteilt auch Bettina Jäger in der Emsdettener Volkszeitung (4.10.2011). Voges nutze das Emanzipationsdrama zur überaus lustigen "Abrechnung mit jenem Frauentyp, der in den Medien gerade Hochkonjunktur hat: der scheinbar dusseligen Blondine." Der Folgeabend "Gespenster" werde als Fortsetzung angelegt: "Darf man das? Man darf, wenn man beide Stücke so geschickt umfrisiert und kürzt, wie Dramaturg Michael Eickhoff es getan hat." Auch hier inszeniere Voges "erneut actionreich, lässt Donner und Stroboskopgewitter losbrechen. Pastor Manders (Michael Witte) und Tischler Engstrand (Uwe Rohbeck) haben die Lacher auf ihrer Seite, Luise Heyer als Hausmädchen singt toll. Der Stücktext um uneheliche Kinder und 'Gehirnerweichung' wirkt allerdings reichlich überlagert."

 
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