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"Ich bin ja in Mode"

von Sarah Heppekausen

Düsseldorf, 16. Oktober 2011. Die Stärke ist das Bild. Als Fotografie, Skizze, Graphik oder Video aufgefangen bekommt das, was der Romanautor mit Worten beschreibt, eine Sichtbarkeit. Beim Videokünstler Chris Kondek, der Falk Richters Inszenierung von "Karte und Gebiet" bildkräftig unterstützt, ist das eine Sichtbarkeit mit Eigenleben. Michel Houllebecqs neuester Roman porträtiert (unter anderem) einen bildenden Künstler. Auf der Düsseldorfer Bühne wird dessen Artefakt als stilbildendes Mittel eingesetzt. Chris Kondek stellt keine Bilder aus, er spielt mit ihnen – wobei zum Beispiel Porträtaufnahmen entstehen, bei denen sich Mund und Augen noch bewegen.

Ironisch leicht bis schwer spöttisch
Falk Richters Bearbeitung des Houellebecqschen Künstlerromans ist unbeabsichtigt zum Auftakt der neuen Intendanz im Düsseldorfer Schauspielhaus geworden. Eigentlich wollte Neu-Chef Staffan Valdemar Holm mit seiner "Hamlet"-Inszenierung eröffnen. Aber die Premiere musste auf November verschoben werden, weil die Sanierungsarbeiten im Großen Haus nicht rechtzeitig beendet werden konnten. Statt Sinn- und Seinsfrage nach Shakespeare nun also Kultur- und Gesellschaftskritik nach Houellebecq.

Dessen Hauptfigur, der Maler Jed Martin, kommt erwartbar pessimistisch daher: "Er fragte sich flüchtig, was ihn dazu veranlasst hatte, (…) zu glauben, dass eine künstlerische Darstellung der Welt überhaupt möglich sei." Aber Jed ist ein Star, seine Bilder erzielen einen Marktwert von bis zu zwölf Millionen Euro. Zu Reichtum und Ehre gelangt er zunächst mit fotografierten Michelin-Straßenkarten und später mit Porträts von Wirtschaftsgrößen, die Titel tragen wie "Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik". Die Absurdität des Kunstbetriebs: In Falk Richters Inszenierung wird sie zur Farce.

Lauter kulturelle Produkte
"Ich habe den Eindruck, dass Sie sich selbst persiflieren", sagt Jed zur Romanfigur Michel Houellebecq, der für einen Ausstellungskatalog das Vorwort schreiben soll. Auf der Bühne ist jede Figur mehr oder weniger Persiflage, verstärkt wird das komische Spiel durch Rollen- und Erzählmoduswechsel. Als Jeds Geliebte Olga setzt sich Karin Pfammatter eine Uschanka auf den Kopf und legt sich einen russischen Akzent zu, als Presseagentin Marylin räkelt sie sich für die beste Kritik im engen Ledermantel lasziv auf dem Tisch. Moritz Führmann schnieft sich als Frédéric Beigbeder im Sprungschritt über die Bühne, in schwarzer Lederjacke ist er der ausfallend-verständnisvolle Galerist Franz. Wörtliche Rede gibt es wenig im Roman, da switchen die Schauspieler dann von der ersten in die dritte Person und ihr (auch durch Mikrophon) angesprochenes Gegenüber ist das Publikum. Ironisch-leicht ist Houellebecqs Roman, das Stück präsentiert sich schwer spöttisch.

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  Künstler am Werk in "Karte und Gebiet", Foto: Sebastian Hoppe

 

Christoph Luser spielt und spricht den Maler Jed, dem der Erfolg eher zugestoßen ist als dass er ihn forciert hätte. Ungläubig-naiv ist sein Blick, zaghaft-verklemmt seine Bewegung im zwischenmenschlichen Kontakt. Aber gleich zu Beginn, wenn der Schauspieler in der dritten Person von Jed erzählt, blitzt Ironie hervor aus seiner Stimme. "Wir sind kulturelle Produkte", sagt der Roman-Houellebecq. Der Regisseur nimmt den Satz ernst. Jede Figur der Inszenierung ist Gesellschaftserzeugnis, geboren aus der Erzählung, ausstaffiert mit typischen Merkmalen und Accessoires und stets bereit zum Rollentausch. Die interessanteste Figur des Abends ist die des Houellebecq. Der Romanautor verschont sich nicht in seiner Selbstbeschreibung, die Bühnendarstellung ist entsprechend komisch. Olaf Johannessen wankt rauchend und Wein schlürfend im Parka zu seinem Schreibtisch, lallt, schreit, weint und kratzt sich mit seinem Klischee um die Wette ("Ich kann alles sagen, ich bin ja in Mode").

Die Macht der Bilder
Ein dramatisches Spiel ergibt sich aus diesem Figurenkabinett allerdings nicht. Das Wiedersehen von Jed und seiner Geliebten Olga beschränkt sich auf ein haltloses Sturz-Duett. Und die Suche nach Houellebecqs bestialischem Mörder, der mit Pollockscher Kunstfertigkeit Blutbäder anrichtet, gerät zum Comedy-Krimi in schlichter Slapstick-Manier. Wie sehr Chris Kondeks Bild-Kunst die Atmosphäre der Inszenierung erst eigentlich bewirkt, indem sie der Kunst und ihrem Betrieb Bedeutung schenkt, wird am Ende deutlich. Da ist die Bühne (Katrin Hoffmann) leergeräumt, die DJ-Klänge zwischen Rauschen, Gitarre und Beats von Malte Beckenbach sind verstummt, kein Videobild wirft mehr Farbe und Bewegung auf die Szene. Und der Text verhallt im starren Erzähltheater.

Karte und Gebiet
nach dem Roman von Michel Houellebecq
aus dem Französischen von Uli Wittmann, für die Bühne bearbeitet von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Malte Beckenbach, Video: Chris Kondek, Dramaturgie: Jens Hillje, Almut Wagner.
Mit: Christoph Luser, Karin Pfammatter, Moritz Führmann, Olaf Johannessen, Werner Rehm, Malte Beckenbach.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr zu Falk Richter? Eine Übersicht über die Nachtkritiken zu seinen Stücken und Inszenierungen finden Sie in unserem Lexikon – wo auch der Videokünstler Chris Kondek vertreten ist.

 

Kritikenrundschau

In seinem Fazit auf Deutschlandradio Kultur (16.10.2011) findet Michael Laages (hier der Originalton), Falk Richter destilliere aus der stark "vor sich her mäandernden" Geschichte, die mit der "polternden Hybris" des Kunst- und Literaturbetriebs spiele, eine "veritable Künstler-Satire". Jed Martins "Karrieresprünge" zeige die Inszenierung in "ziemlich ulkigen Video- und Puppenspielen" und das alberne kleine Krimistückchen nah Houllebecqs Tod ähnele der "Olsen-Bande" aus dem dänischen Kino. Regie wie Ensemble sei die Lust am Spiel mit all den "Tricksereien" anzusehen. Aber mehr als Spuren seien es eben nicht – "über weite Strecken" besitze der Text "viel zu wenig szenische Fantasie"; und "es wäre ziemlich viel verlangt von Richters Team, die komplett hinzuzuerfinden". So raschele "sehr lange und sehr laut sehr viel Papier"; nach der Pause wirke das Spiel trotz guter Schauspieler gar "wie abgerissen".

Auf Spiegel Online (17.10.2011) schreibt Christine Wahl, "mit dem Einsatz von Video und vielfältigen Projektionsflächen "für flüchtige Bilder, die sich immer wieder auflösen, überlagern und gegenseitig aushebeln" habe Falk Richter eine "zwar naheliegende, aber absolut treffsichere" Bühnen-Übersetzung für "Karte und Gebiet" gefunden. Schließlich spiele das Buch "virtuos" mit der begehrten Ware "Authentizität". Aufgrund des Inszenierungscharakters des Roman-Plots leuchte die Dramatisierung von "Karte und Gebiet" spontan ein - im Gegensatz zu vielen anderen Romanadaptionen und auch habe es einen "tieferen konzeptionellen Sinn", wenn der Regisseur den distanzierten Erzählton beibehalte. Immerhin erhebe er das Inszenierungsmotiv – "die permanente Produktion von Kopien" - zum ästhetischen Prinzip. Logisch, dass der Bühnen-Martin "immer wieder mit vor- oder auch live produzierten Bildern von sich selbst auf diversen Leinwänden konfrontiert" werde. Chris Kondek habe "sozusagen eine komplette zweite Ebene erschaffen, die sich still kommentierend neben das Bühnengeschehen" schiebe. Man müsse Richters Inszenierung "nicht immer geschmackssicher finden", alles in allem aber handle es sich um einen "gelungenen Einstand".

Regine Müller schreibt in die tageszeitung (18.10.2011): Falk Richter arbeite sich "chronologisch und mit dem Drang zur Vollständigkeit" an Houellebecqs Text ab. Der Mangel an Dialogen und direkter Rede zwinge zu "Monologen, zu ständigen Perspektivwechseln und statt dramatischer Interaktion zur Zwiesprache mit dem Publikum". Das lasse sich "zunächst unterhaltsam an", franse im Laufe des Abends aus und könne sich über die Pause nicht retten. Zuerst fesselten die "brillanten Texte, das hervorragende Timing, die technische Präzision im Zusammenspiel der scharf gezeichneten Figuren mit Livevideo und Tonspur". Doch mit der Zeit werde es "zäh". Richter erzähle "allzu brav nach" und könne sich nicht entschließen, "Houellebecqs Farce über den Kunstbetrieb gehörig zuzuspitzen". Auch den "Houellebecq'schen Weltekel", der unter der Ironie lauere, "kriegt Richter nicht wirklich zu fassen". Außerdem nähmen "die technischen Spielereien irgendwann überhand".

Vasco Boenisch schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.10.2011): Immerhin trete der "rote Entwicklungsfaden" der Biographie des Jed Martin in der Düsseldorfer Aufführung deutlich hervor. Das sei schon mal was. Falk Richter habe erkannt, dass "nicht die Spitzen aufs Kunstmilieu das Geniale an Houellebecqs Roman sind", sondern die "Verpackung von Vergeblichkeitsphilosophie in eine Welt der Kunstproduktion". Also sei die Bühne "eigentlich nicht das Atelier von Jed Martin, sondern von Falk Richter". Mit "Püppchen und Fingerkamera" werde der Plot nachinszeniert und abgefilmt, die fünf Darsteller redeten oft direkt ins Publikum, mit "Leinwandtischen" fischten sie projizierte Videos aus der Luft. Filmclips von Chris Kondek überfluteten leider häufig "nur als illustrative Doppelung" die Szene. Dazu erklinge ein Musikteppich wie im "Fernseh-Schwedenkrimi". Die "Frage nach der Darstellbarkeit der Welt" münde bei Richter in "ein Mehr von szenischen Darstellungsweisen" - das zugleich "ein Zuviel" und "ein Zuwenig": In der "multimedialen Stil- und Materialschlacht" schrumpfe das Theater zum "Nacherzähler einer hastig gerafften Romanhandlung". Die Komik, die Houellebecq in seine lakonischen Betrachtungen lege, verliere sich beim Romanadaptionskunsthandwerker Richter.

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.10.2011): "Beflissen" versuche Falk Richters Bühnenfassung den Roman nachzuerzählen. Doch schrumpfe die Fassung zum "Surrogat", wichtige Themen wie der Diskurs über Kunst oder die Erfahrung der Zeit kämen zu kurz oder gar nicht vor. Die Bühne verschränke "Fotoatelier und Architekturbüro" und was sich der szenischen Umsetzung nicht anbiete, werde von Chris Kondek in "Videoprojektionen übersetzt". Die sechs Schauspieler blieben "unterbeschäftigt". Christoph Luser, der viel aufzusagen und wenig zu spielen habe, bleibe "ehrfürchtig deklamierend " neben seiner Figur. Immer wieder verdoppelten die Bilder den Text, das Theater hechele dem Roman hinterher. Mit dem Mord an Houllebecq gerate der Roman zum Krimi und die Düsseldorfer Aufführung "vollends" zur "unfreiwilligen Parodie". Der Rückzug ins private Refugium werde nur noch erzählt. Der Auftakt in Düsseldorf recycle die Ästhetik der Berliner Schaubühne von vor zehn Jahren.

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