alt

Aschewolke im Goldkäfig

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 4. November 2011. Nun kann der neue Chef seine Handschrift zeigen. Um zwei Wochen wurde die Premiere von "Hamlet" verschoben, weil das Düsseldorfer Schauspielhaus nicht rechtzeitig fertig renoviert war. Trompetenfanfaren blasen zum Einstand, eine winzige Ophelia tritt in den Palast von Helsingör und spricht die berühmten Einstandsworte des Grabwächters: "Wer ist da?", bevor sie sich mit Hamlet zur Musik der dänischen Punkrockband Sort Sol in einem züchtig-distanzierten Tanz umkreist.

Nichts dreht sich

Bente Lykke Møller hat den Palast von Helsingör zum riesigen goldenen Grab gemacht: ein wuchtiger Kasten, in den nur einmal ein Gymnastikball fällt. Ansonsten bleibt alles, wie es ist: die Wände bleiben stehen, nichts dreht sich, nirgendwo läuft etwas herunter oder wird bemalt: ein statisches Stück Bühne, das in seiner monolithischen Gewaltigkeit von ferne an Bühnenbilder von Johannes Schütz erinnert und doch in seiner Eindimensionalität und Statik hinter ihnen zurück bleibt. Und das will erst einmal bespielt werden.

hamlet_560_sebastianhoppe_k
Alles aus Gold im Staate Dänemark?                                                 © Sebastian Hoppe

Doch bei Staffan Valdemar Holm bleiben die Schauspieler meist stehen, nur selten brechen sie aus, schleichen sich an der Wand entlang – wie Hamlets Vater-Geist – oder verstecken sich unter dem gelben Teppich, wie Polonius – oder fechten zum Schluss, als würden sie etwas pflichtschuldig den Raum doch noch ausloten.

Brutales, extremes Bild

Ansonsten herrscht zu Hofe Strenge und Gleichförmigkeit: Die Männer treten in Reihe auf, tragen schwarze Anzüge, weiße Hemden und Krawatte, die Frauen schwarze Kleider und Strümpfe. Jeder einzelne beschenkt uns mit Schauspielertheater alter Schule: statisch, aber souverän. Da steigert sich Aleksandar Radenković als Hamlet wirklich großartig in seinen Handlungszwang ohne Ausweg, wendet sich ab von Ophelia, verweigert ihren Kuss und ihre Liebe, um sie schließlich am Hintern zu packen und halb zu vergewaltigen, rauft sich den hübschen Wuschelkopf, ringt die Hände, gibt eine wohlgestikulierte und -artikulierte Raserei.

hamlet_draegerradenkovic_sebastianhoppe_k
Ophelia (Lea Draeger) und Hamlet (Aleksandr Radenkovic)                      © Sebastian Hoppe

Als Ophelia nach drei Stunden zu Grabe getragen wird, stürzt er sich auf ihren trauernden Bruder Laertes und schüttet die Urne über ihnen aus. Ophelias Asche schwebt in großen Wolken durch all das Gold und bedeckt seinen schwarzen Anzug mit einem grauen Schleier: ein brutales, extremes Bild.

Lea Draegers Ophelia ist zunächst eher unauffällig. Auf staksigen Beinen in großen Pumps, in kurzem Kleidchen und schauderhaftem Mireille Mathieu-Topfschnitt bleibt sie stets auf einem verschreckten Grundtonfall, nur als sie, von Hamlet gedemütigt und zur Waise gemacht, wahnsinnig werden darf, rast sie wie eine dunkle Fledermaus in Herrenhemd und mit flatternden Armen an der Wand entlang und entfaltet monströses Talent.

Gott den Stinkefinger zeigen

Ihr Vater Polonius (Sven Walser) ist ein kalauernder Witzbold, der die Situation seiner Tochter so aufsteigergeil wie tragisch verkennt – immerhin darf er, als er unter dem Teppich liegend von Hamlet erschlagen wird, noch zweimal aufstehen, sich ans Herz greifen und rumpelnd sterben. Mutter Gertrud wird von Imogen Kogge als hochgeschlossene Dame von Welt gespielt, hinter deren Motivation man selten blickt – weder spürt man ihre Mutterliebe zu Hamlet, noch den Willen zur Macht, noch eine Leidenschaft zum Gatten.

Eindeutig ein schauspielerisches Ereignis ist Rainer Bock als Claudius, der Usurpator des dänischen Throns: wenn sich Gertrude ihm an den Hals wirft, steckt er erst die Brille in die Reverstasche und guckt gleich darauf schon wieder auf die Uhr. Ganz machtbewusster Technokrat, fällt er nur einmal aus der Rolle, indem er Gott den Stinkefinger zeigt – und hinterher auf ein mögliches Echo lauscht.

Doch ein Schauspielerfest

Es mutet trotzdem seltsam an. In jenem Haus, in dem Jürgen Gosch 2005 seinen epochalen Macbeth inszenierte, bei dem er die Theatermittel radikal veräußerlichte, wird zu den Wurzeln des konventionell-psychologischen Theaters zurückgekehrt, als wäre nie etwas gewesen. Goschs Bühnenbildner Schütz schuf in Düsseldorf spektakuläre Bühnenräume, die ganz eigene Geschichten vom Kampf der Natur mit der Kunst erzählten. Unwillkürlich muss man auch an seinen goldenen Raum in Was ihr wollt in Goschs Inszenierung von 2007 denken, der während vier qualvoller, großartiger Stunden tiefschwarz angemalt wurde. Dagegen ist der goldene Käfig bei Holm geradezu schlicht.

Natürlich ist es unfair, zu vergleichen, wenn eine neue Ära beginnt. Außerdem: Dieser vom Blatt gespielte, dreieinhalbstündige Abend ist ja doch ein Schauspielerfest, solide gebaut, bedrückend nachvollziehbar, jener universelle Untergang durch Zweifel. Man kann also keinen Vorwurf machen. Ein genialer Funke will aber auch nicht so recht zünden.

 

Hamlet Prinz von Dänemark
von William Shakespeare
aus dem Englischen von Werner Buhss in einer Bearbeitung von Staffan Valdemar Holm
Inszenierung: Staffan Valdemar Holm, Bühne und Kostüme: Bente Lykke Møller, Licht: Torben Lendorph, Dramaturgie: Ludwig Haugk, Bühnenkampf: Klaus Figge, Musikalische Einstudierung: Klaus-Lothar Peters.
Mit: Aleksandr Radenković, Rainer Bock, Imogen Kogge, Markus Danzeisen, Sven Walser, Taner Sahintürk, Lea Draeger, Marianne Hoika, Winfried Küppers.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr aus dem Düsseldorfer Schauspielhaus unter seinem neuen Intendanten Staffan Valdemar Holm? Falk Richter eröffnete die Spielzeit 2011/12 mit seiner Houellebecq-Adaption Karte und Gebiet.

 

Kritikenrundschau

Staffan Valdemar Holm habe seine Intendanz am frisch renovierten Düsseldorfer Schauspielhaus als Regisseur mit einem Stück begonnen, das die Macht des Theaters beschwöre, schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (7.11.2011). Die Inszenierung wirkt wegen des von Holm aufgewendeten Ernstes und seiner Entschlossenheit, auf "Shakespeares Wort und die Kraft des Spiels" zu vertrauen, auf die Kritikerin zunächst radikal und "erfrischend puristisch". "Eine Ära des Antimätzchen-Theaters soll da eingeläutet werden". Weil Holm ein Lakoniker sei, erstarre die Inszenierung trotzdem nicht in Ehrfurcht. "Es hätte also ein großer Abend werden können." Doch zum Leidwesen der Kritikerin kommt dann das Spiel, "auf das alles ausgerichtet ist, nur schleppend in Gang". Holms Zugriff auf den Stoff sei ebenfalls unentschieden. "Das Politische, die Staatstragödie hat er mit Fortinbras gestrichen; Hamlet und Ophelia tanzen cool-keusche Tänzchen, für eine große Liebestragödie reicht ihre Glut nicht." Immer wieder spürt die Kritikerin, dass mit Staffan Valdemar Holm Düsseldorfer Schauspielhaus wieder großes, kühn auf die pure Kraft der Schauspielerei konzentriertes Theater möglich ist. Für den Auftakt hat Holm aus ihrer Sicht dennoch nicht genug riskiert. "Doch ein Signal ist diese Inszenierung allemal."

Nicht "nur eine Welt, sondern viele Welten, nicht nur ein Stück, sondern viele Stücke" sei Shakespeares 'Hamlet', schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.11.2011) und zählt auch einige davon auf: ein "Spionagereißer" und eine "Unzuchtsschlagengrube" sind darunter. In Staffan Valdemar Holms Aufführung sehe man aber keine Welten. "Der Raum: ein goldenes Gefängnis. Die beiden Jungen darin gefangen und verloren." Man sei versucht, "ein mitleidiges 'Ach!' zu seufzen – aber dann doch 'Nichts weiter?' zu fragen. Nichts weiter." Die Regie des "artigen schwedischen Grobzeichners Holm" entpuppe sich als "Konzeptionshuhn, das zwar einen großen goldenen Käfig legt. In dem aber nur Andeutlinge gackern." Und Andeutlinge sind nach Stadelmaier keine "Weltendramateilnehmer". Der vorletzte Satz der Kritik lautet: "Ich aber sage euch, es ist Schmock."

"Mehr Inhalt, weniger Kunstraum - das hätte diesem 'Hamlet' gut getan", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (7.11.2011). Denn da sei zunächst sehr viel Raum, "nicht ausgefüllter, unbespielter, fordernder Raum." Was auf sie zunächst wie ein Versuchsmodell wirkt, "ist tatsächlich schon die Inszenierung: Völlig fleisch- und merkwürdig ereignislos kommt dieser 'Hamlet' auf leisen Sohlen daher, ohne große Spiellust, ohne große Umschweife." Dass sich Hamlet und Laertes beim Kampf an Ophelias Urnen-Grabstätte über und über mit der Asche der Toten bestäuben, das sei "in der protestantischen Strenge dieses Abends fast schon ein Knaller." Für die Schauspieler sind aus Sicht der Kritikerin "in diesem statischen Edelmetalltheater eher keine Goldpokale zu gewinnen. Aleksandar Radenkovic, ein Typ wie der junge Tom Hanks, holt sich als Hamlet trotzdem einen. So überzeugend leidend und wütend, wie er den Rächer wider Willen gibt und sich mit schier blinder Egomanie hineinsteigert in seinen Ekel und Schmerz, ist er das wilde, pochende Herz der Inszenierung - und als Schauspieler eine echte Entdeckung."

"Gut gemachte Konfektion", befindet Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (7.11.2011) Wer noch nie den 'Hamlet' gesehen oder gelesen habe, sei hier am richtigen Ort. "Holm lässt das Reclam-Heft spielen, konzentriert, durchdacht, aufs Wesentliche reduziert und in großer Klarheit." Im Verein mit den guten Schauspielern trage das auch eine ganze Weile. Doch statt den Wahnsinn aus der Vorlage zu kitzeln, habe Holm sie aufgeräumt. "Nun steht sie sauber designt auf der Bühne, von allen Schnörkeln befreit. Der Vergleich ist billig, aber zutreffend: Der Schwede Holm hat hier eine Ikea-Version des Shakespeare-Dramas zusammengeschraubt." So bleibt dem Kritiker von diesem dreieinhalbstündigen Abend nur die Gewissheit, "dass Holm hervorragende Schauspieler für sein Ensemble gewinnen konnte. Aber man hatte ein Zeichen, eine Richtung für die kommenden sechs Jahre erwartet."

Für Marion Troja von der Westdeutschen Zeitung (7.11.2011) verbindet der Shakespeare-Experte Holm an diesem Abend "ein Familiendrama und großartige Schauspieler mit einem kopflastigen Konzept und einem plakativen Bekenntnis zu Düsseldorf." Als Clou sei gedacht, wie Holm ein Schauspiel im Schauspiel inszeniert, das den Mörder überführen soll". Hier verlässt mit Marianne Hoika eine Schauspielerin ihre Rolle als Rosenkranz, die seit 1969 zum Düsseldorfer Ensemble gehört: "42 Jahre habe ich hier gestanden und Monologe gehalten", zitiert die Kritikern die Schauspielerin "zu dieser kleinen Welt, die sie so liebt, wie sie sagt." Ansonsten verlaufe der Abend ohne größere Irritationen. "Das Premierenpublikum gab sich wohlwollend, euphorische Begeisterung sieht indes anders aus."

Die Schauspielerszene steht für Stefan Keim, er schreibt in der Tageszeitung Die Welt (8.11.2011) - und legt in der Frankfurter Rundschau (9.11.2011) noch einmal sehr ähnlich nach, im Zentrum von Holms Einstandsinszenierung. Sie sei durchaus programmatisch zu verstehen: "Die Schauspieler sind der Mittelpunkt des Theaters, keine Regiekonzepte, keine Debatten." Holm verzichte auf eine "Hamlet"-Neudeutung, stelle vielmehr in "einer Art Showcase" das neue Ensemble vor. In der Inszenierung stecke "viel schräger Humor", immer wieder blitzten "spannende Details auf, man spürt, wie genau Holm und die Schauspieler gearbeitet haben. Doch dazwischen herrscht häufig Leerlauf: Da fehlt eine Grundidee, und die Regie belässt es beim gefälligen Arrangement." Was Radenkovic als Hamlet antreibt, bleibe verborgen: "Mal schreit er pathetisch, mal versinkt er in sich selbst. Bloß ein Borderliner?" Da sei "noch viel Luft nach oben". Immerhin aber habe Holm seinen Einstand "nicht vergeigt. Aber auch nicht vergoldet, der Bühne zum Trotz."


Kommentar schreiben