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Apokalypse light

von Jürgen Reuß

10. November 2011. Am Anfang war in den Schwaden aus der Nebelmaschine alles ein Durcheinander aus Röhren und Fäden. Dann stampft der Schöpfer mit der flamencösen Urgeste des spanischen Machismo aus dem Nichts auf das Podest im Zuschauerraum und kündigt mit Kastratenstimme das folgende Spiel im Spiel des "Großen Welttheaters" an, zu dem sich die Röhren an den Fäden zu einer Art hängenden Orgel ordnen. Keine schlechte Exposition für die Adaption eines barocken Indoktrinationstheaters, in dessen Schöpfungsvorstellung ja keine von Evolutionsbiologen zusammengepanschte Ursuppe, sondern der göttliche Uhrmacher die Strippen zieht.

Geburtsgezappel

Das war es aber schon, was Regisseur Calixto Bieito Calderons Schauspiel an historischer Genauigkeit angedeihen lassen wollte. Was dann abrollt, zielt eher auf Rekonstruktion des Überwältigungspotenzials, das, wie es zur historischen Einordnung im Programmheft so schön heißt, einem "festen Bestandteil des Fronleichnamfestes" innewohnen muss, wenn damit einem unkundigen Publikum das Geheimnis des Glaubens nahegebracht werden soll.

 
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 "Das große Welttheater" mit Orgelpfeifen. © Maurice Korbel

 


 

 

 

 


Während sich also der Orgelhimmel unter dem Geläute der aneinanderschlagenden Pfeifen sortiert, die Welt, von Leandra Overmann als kraftvolle Mutter Erde verkörpert, im Zwiegesang mit dem Schöpfer Geburtswehen mimt, rollt von hinten bereits eine riesige Fruchtblase an. Unter ordentlich Geschrei und Getöse quält sich schließlich Menschlein um Menschlein aus der blutverschmierten Plastikfolie. Nackt mit mehr oder weniger Restunterwäsche, werden sie von Mutter Erde abgespritzt und stehen dann jammernd da, bis auch der letzte von ihnen dem geradezu atemraubenden Gezappel unter der Folie entronnen ist.

Das Spiel des Lebens

Die Rollen für das Spiel des Lebens werden verteilt: die Weisheit, die Schönheit, der König, der Arme, der Reiche, der Bauer, die verirrte Seele. Ein Kind ist tot geboren, darf sein Schicksal singend beklagen und findet seine Repräsentanz im immer mal wieder über die Bühne gezogenen Kindersarg. Jede Rolle gibt ihr Statement ab, der König stolziert, die Schönheit kokettiert, der Reiche schleckt sein Geld ab und stopft es sich zum Ständer in die Unterhose, der Arme jammert, der Bauer wühlt im Dreck.

Dann müssen alle sterben. Die Nackten werden noch nackiger, der Bauer nimmt den König von hinten, ein bisschen Apokalypse light also. Mutter Erde packt die Toten in Leichensäcke, aus denen alle auf ihre Weise die Vergänglichkeit betrauern bzw. bejubeln (der Arme) dürfen. Die verirrte Seele sammelt sich aus den Überresten der Toten eine Art Patchworkidentität zusammen und sagt nochmal Grundsätzliches zum Erdendasein. Zwischendrin hat der göttliche Matador seine Auftritte auf verschiedenen Positionen im Zuschauerraum. Mutter Erde singt ein kraftvolles Lied, dann fallen die Orgelpfeifen zurück ins anfängliche Chaos. Ende.

Aus der "katalanischen Produktlinie"

Eigentlich hat so ein hysterisch aufgeblasener, in Geburt, Blut und Tod badender Barock etwas Abgegriffenes. Das Publikum jedoch applaudierte begeistert. Das liegt wohl einerseits an der wirklich guten Musik von Carles Santos, die in kongenialer Weise mit der Barockinterpretation, die das Bühnenbild nahelegt, korrespondiert. Viel Schlagwerk wie aus der Werkstatt des Weltenmechanikers, einige Arbeit am orgelnden Rohr zur Himmelssphäre, Aufgreifen barocker Liedstrukturen, dazu die überzeugenden Stimmen von Jana Havranová, Xavier Sabata und vor allem Leandra Overmann. Andererseits an den Produktionsvoraussetzungen: Die Inszenierung ist die erste Koproduktion des Barcelona Internacional Teatre (BIT). Solch ein Exporttheater lebt von einer gewissen Wiedererkennbarkeit der Marke. In Freiburg wurde die "katalanische Produktlinie" vor etlichen Jahren schon von den Fura dels Baus eingeführt. Theater dieser Art fällt hier also auf fruchtbaren Boden. Mit der Zeit werden sich solche Produktionen bestimmt auch mal vom Naheliegenden lösen. Das Potenzial dafür ist vorhanden. Bei den Ensembles und beim Publikum.

 

Das große Welttheater
Musikalisches Schauspiel von Pedro Calderón de la Barca und Carles Santos
Eine Kooperation mit Barcelona Internacional Teatre (BIT)
Musikalische Leitung: Clemens Flick, Regie: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler, Licht: Markus Bönzli, Libretto/Dramaturgie: Josef Mackert, Marc Rosich.
Mit: Xavier Sabata, Leandra Overmann, Victor Calero, Iris Melamed, Jana Havranová, Nicole Reitzenstein, Konrad Singer, Martin Weigel, Frank Albrecht, Lena Drieschner, Leonhard Bromig.

www.theater.freiburg.de

 

Mehr großes Welttheater? Gerne wird Caldéron auch als Freilichspektakel gegeben. Zum Beispiel im Schweizer Einsiedeln, wo sich Voker Hesse 2007 der Sache angenommen hat.

 

Kritikenrundschau

Bieito sei mehr mit der katholischen Kirche verbandelt, als man bisher dachte, wundert sich Christian Gampert im Deutschlandradio (10.11.2011, hier zum Nachhören). Seine Inszenierung des "Großen Welttheaters" bleibe ganz existentialistisch bei den großen Fragen von Leben und Sterben, von Werden und Vergehen. Der Reiz von Calderóns allegorischem Belehrungsspiel, das Figuren wie "Schönheit" und "Weisheit" und Rollenmuster wie den "Reichen" und den "Bettler" vorführt, liege im theatralisch prallen Ausagieren menschlicher Lebensmöglichkeiten; sein bisweilen etwas nervender Nachteil sei die additive Reihung: Wenn einer gestorben ist, kommen dann noch fünf andere dran. "Aber so ist er nun mal, der Katholizismus: auf's Ritual fixiert." Bieitos Inszenierung – "nix Aktualisierung" – lässt Gampert darauf schließen, dass der Katalane "seinen Sturm und Drang deutlich hinter sich hat." Sein Welttheater sehe längst aus wie ein angenehm grummelnder Hippie-Workshop der Emotionen; die Musik von Carles Santos aber bleibe im Ohr als diffiziler Verzweiflungs-Sound, der sich den am Ende vorgeturnten Todesarten entgegenstelle.

Hinsichtlich der religiösen Botschaft des Werks verhalte sich die Inszenierung apologetisch. bilanziert Frieder Reininghaus im Deutschlandfunk (11.11.2011, hier zum Nachhören). Bieito habe auch beim "Welttheater" gemacht, was er so gut wie allen anderen Stücken allemal zudenke. "Er hat Körper aufeinanderprallen lassen mit und ohne dramaturgischen Sinn und Verstand; er hat die Darsteller zum Schwitzen, Schreien und Bluten gebracht" – und damit habe das katalanische Enfant terrible vor allem auch den besser verdienenden Frauen so viel Freude bereitet, dass einzelne von ihnen den frenetischen Applaus mit hohen spitzen Schreien krönten.

Als Glückfall für Freiburg empfindet Martin Halter in Frankfurter Allgemeine Zeitung (12.11.2011) diese Inszenierung. Erstens, "weil es hier im Schauspiel zuletzt eher kleine Stücke und spröde Diskursveranstaltungen zu sehen gab". Und zweitens setze Bieito in seiner Inszenierung von Calderóns Fronleichnamspiel seine "Skandalfolterwerkzeuge" relativ zurückhaltend ein. Zwar seien die Bilder des Katalanen theologisch nicht immer "ganz astrein", schließlich habe der Jesuit Calderón de la Barca im siebzehnten Jahrhundert "den Streit zwischen guten Werken und Gnade, freiem Willen und Vorsehung, eitlem Schein und ewigem Sein" in göttlichem Wohlgefallen auflösen wollen. Und Jesuitenschüler Bieito löse das Welttheater seines Landsmanns nun in "wuchtigen barocken Bildern" auf, aber der Glaube an Erlösung sei ihm fremd. Doch das scheint gerade das Überzeugede dieses Abends für den Kritker zu sein. Prolog und Finale des Freiburger Welttheaters sind aus seiner Sicht "im Guten wie im Schlechten überwältigend: aggressiv, leidenschaftlich, pathetisch bezwingend." Das Schauspiel der Sterblichen scheint ihm dagegen nur als "routiniertes Menschenwerk." Insgesamt scheint ihm der Abend trotzdem tauglich für eine mögliche Errettung des Theaters zu sein.

Auf Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (12.11.2011) bleibt der wuchtige Abend zwar grundsätzlich nicht ohne Eindruck. Bereits den "hoch erregten Begin" der Inszenierung findet sie packend, die für sie "vor allem von der für sie geschaffenen dynamischen Musik des versierten katalanischen Komponisten Carles Santos" lebt. Allerdings hat sie inhaltliche Einwände, die sich nicht zuletzt auch aus Ungereimtheiten und Inkompatibilitäten der Spielweise von Sängern und Schauspielern ergeben. "Das große Welttheater" sei in Freiburg außerdem "ein nihilistisches Endspiel" geworden. Nicht erst im Tod, wie es die barocke quietistische Moral wolle, der alle sozialen Unterschiede nivelliert, sind wir gleich, sondern weil wir sterben müssen, "ohne Strafe, ohne Seligkeit". Das "Amen" vor dem losbrechenden Applaus empfindet sie da als einen einzigen Hohn.

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