altStaatssekretär von Künstler attackiert

von Andreas Schnell

Bremen, 4. Februar 2012. Schon mutig, an dem Ort, an dem Peter Stein 1969 am Theater am Goetheplatz mit seiner Inszenierung von Goethes "Torquato Tasso" mit Bruno Ganz in der Hauptrolle einen Ruck durchs deutsche Theater gehen ließ, mit ebenjenem Stück anzutreten. Und dann erstmal Pech: Die Technik klemmte. Die Wände des Wohnzimmers wollten nämlich bei der Premiere partout nicht zur Bühne herniederfahren. Das war dann allerdings doch nicht so schlimm. Schwieriger waren andere Dinge.

"Torquato Tasso", wir erinnern uns, erzählt von den Drangsalen des gleichnamigen Dichters am Hof Alfons des Zweiten, Herzog von Ferrara, von dem Zwiespalt zwischen Kunst und "wahrem Leben", zwischen schwärmerischem Idealismus und politischem Pragmatismus. Tasso gerät vor allem mit Antonio aneinander, der als Staatssekretär im Dienste Alfons Politik macht und ganz Mann der Tat ist. Die Damen am Hofe beklagen deshalb, dass die Natur nicht aus dem Dichter und dem Politiker einen einzigen Mann erschuf.

Schoßhündchen in der Sommerfrische

Zunächst läuft das bei Regisseurin Nora Somaini erfreulich kurzweilig an. Die beiden Leonoren (die Gräfin von Scandiano bei Varia Linnéa Sjöström ein durchtriebenes Luder, die Herzogsschwester bei Franziska Schubert ein naives Dummchen) genießen auf Camping-Gestühl als koksende Tussis den Sommer und erfreuen sich an dem Dichter, der hier bis auf weiteres als Schoßhündchen der besseren Kreise fungiert. Martin Baum als Alfons ist toll als jovialer, rülpsender und selbstgefälliger Herrscher, während Antonio (Alexander Swoboda) in strengem Bürokraten-Look mit Korsett schon bald die Maske fallen lässt und zum eifersüchtig rasenden Wüterich explodiert, der sich mit Tasso um die Gunst des Herzogs in die Wolle gerät.

Somaini inszeniert die Auseinandersetzungen sehr handfest bis hin zu sexuellen Übergriffen und vollem taktischem Körpereinsatz der Gräfin. Der daraus sich ergebende Kontrast zwischen höfischen Umgangsformen, die die Widersprüche der Figuren verbrämen, und dem körperlichen Duktus ist durchaus reizvoll, die karge Kulisse lenkt die Konzentration auf die Figuren, wobei natürlich die Enge des Wohnzimmers bei der Premiere ausfiel. Einzig ein Treibhaus senkt sich von der Decke, dem Dichter Kranz und Gefängnis zugleich.

Das ist unterhaltsam und lässt auch dem hohen Ton leichterhand die Luft heraus. Und so geht das bis zur Pause, nämlich bis zum Kampf zwischen Dichter und Lenker und der Bestrafung des ersteren. Wobei es schon früh einen Hinweis darauf gibt, dass Somaini noch etwas anderes vom alten Goethe will. Da taucht ganz am Anfang ein in Goldlamée gehüllter Mann in Gorillamaske auf, der unter den herablassenden Bemerkungen der beiden Damen (inklusive Bunga-Bunga-Witz) Sonnenbrillen verkauft. Offensichtlich ein illegaler Einwanderer, der es irgendwie in die Festung Europa geschafft und nun sieht, was er davon hat.

Zum Außenseiter degradiert

Nach der Pause kippt der Abend eigenartig um. Die handfeste Auseinandersetzung Tassos mit Antonio spricht sich schnell herum, die Neue Zürcher Zeitung berichtet: "Staatssekretär von Künstler attackiert", die Bild schlagzeilt: "Terror-Tasso tötet Staats-Toni". Im Stubenarrest schminkt sich Tasso: weiß grundiert, darüber schwarze Schlieren, fast wie ein Black-Metal-Musiker.

Dann verdunkelt sich der Abend in mehrerlei Hinsicht. "Move, Charlie Brown, holiday is over", herrscht der Herzog den in einer Ecke schlafenden Straßenverkäufer an. Die Sommerfrische, die für die ganz armen Schweine dieser Welt ja eh keine ist, ist aus. Antonio vergreift sich im Weiteren an der Gräfin, die dafür zu büßen hat, dass dem pragmatischen Macher die Gunst der Frauen nicht in dem Maß zuteil wird wie diesem "Müßiggänger". Tasso erweist sich als zwar nicht ganz so blöd wie vermutet, als er das Intrigenspiel, "die Kunst des höfischen Gewebes" durchschaut, nur nützen tut's ihm nicht: Der Herzog hat das Werk – und die Weiber noch dazu.

Nicht zu fordern, nichts zu verlieren

Tasso wird schier wahnsinnig, um ihn herum ist es kalt geworden, die Gesellschaft trägt Wintermäntel, und die einzige Sorge, die den Herzog in Bezug auf Tasso noch umtreibt, bleibt, dass der für den Ruhm der Nation nicht ganz wertlose Dichter, vor allem aber sein Werk nicht der Konkurrenz in die Hände fällt. "Zehn Kopien bitte", weist er seinen Staatssekretär an. Der Künstler, ach, er kann zwar sagen, wie er leidet, aber das Geschäft damit machen andere. Antonio am Kopierer stiehlt dem Tasso gar noch die letzten Worte: "Die Menschen kennen sich einander nicht / Nur die Galeerensklaven kennen sich, / Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen / Wo keiner was zu fordern hat und keiner / Was zu verlieren hat, die kennen sich."

Ist das die Erkenntnis, dass auch er nur Handlanger der Herrschaft ist? Irgendwie sollen wir es wohl schon politisch nehmen, die Flüchtlinge im Sinn. Aber der Künstler? Er sagt ja nichts dazu. Er leidet an mangelnder Anerkennung, auch materiell. Aber Kritisches ist ihm eigentlich auch nicht über die Lippen bekommen. Soll das heißen, dass es Pragmatiker wie Antonio sind, von denen wir politisches Handeln zu erwarten haben, weil die Künstler sich dafür als unfähig erweisen? So richtig will das leider alles nicht aufgehen.

Torquato Tasso
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Nora Somaini, Bühne: Ulrich Leitner, Kostüme: Doey Lüthi, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Martin Baum, Franziska Schubert, Varia Linnéa Sjöström, Thomas Hatzmann, Alexander Swoboda.

www.theaterbremen.de

Mehr zu Nora Somaini: wie besprachen ihre Hamlet-Inszenierung im Januar 2010 in Bremen.

Kritikenrundschau

Indem Regisseurin Nora Somaini die Würdigung als herrschaftliches Machtinstrument kennzeichne, lese sie Goethes Drama als heutige Parodie auf den staatlich gesteuerten Kulturbetrieb, als "Abgesang auf eine Gesellschaft, die Kunst nur noch zur Zierde braucht und ihren intellektuellen Anspruch allein in Sonntagspredigten zur Schau trägt", analysiert Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung Syke (6.2.2012). Das sei legitim und auch szenisch überzeugend gelöst, lasse allerdings zur Pause eine Frage offen: "Mit welchem Recht soll eine Kunst auf mehr Beachtung dringen, die sich selbst mit dieser Gesellschaft längst arrangiert hat?" Die Antwort auf diese Frage liefere Somaini im zweiten Teil des Abends: "Erst in der Reibung erlangt der Künstler Reife." Mit dieser Setzung denke sie "den Gedanken der legendären Bremer Inszenierung von Peter Stein weiter, der Tasso 1969 als Hofnarren inszenierte, den Künstler als bloße Dekoration der Macht". Fazit: "Der neue 'Torquato Tasso' am Bremer Theater leuchtet das Verhältnis zwischen Macht und Kunst bis in den hintersten Winkel aus." Ein solches Unterfangen könne leicht in ein theoretisches Seminar münden. "In Bremen aber versteht es das darstellerische Personal, dieses komplexe Gefüge in einer ungeahnten Leichtigkeit aufzuzeigen."

Für den Weserkurier (6.2.2012) hat Rainer Mammen "ein etwas wirres Spiel um den Renaissance-Dichter Torquato Tasso, der andauernd Ärger mit seinem Herzog hat" gesehen. Goethe habe sich in diesen Konflikten wiedererkannt – "wir aber, was erkennen wir? Und: Besitzen wir heute überhaupt noch einen Begriff vom skandalträchtigen Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft, wie es Peter Stein in seiner legendären Bremer "Tasso"-Inszenierung von 1969 so spannend wie einmalig zu thematisieren wusste?" Nora Somaini scheine auf schrille Äußerlichkeiten zu setzen, "ein Bemühen, in dem sie kongenial unterstützt wird durch die ausgefallenen Kostüme von Doey Lüthi". Das Stück scheine "irgendwie im heutigen Italien" zu spielen, so Mammen, der im Folgenden mit steigendem Missmut Somainis Aktualisierungsbemühungen nacherzählt, von denen er nichts zu halten scheint.

Von dem Perspektivreichtum der Stein'schen "Tasso"-Inszenierung ist der neue Bremer "Tasso" um einiges entfernt, obwohl die Regisseurin Nora Somaini einige Themen aufgreife, die in dem Werk auch angelegt seien: die ökonomische Abhängigkeit des Künstlers von der Gesellschaft bis hin in unsere Tage mit staatlichen Subventionen, Sponsoren und dergleichem, so Gerhard Rohde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.2.2012). "Aber wie sie das in Goethes Text hineinzwingt, erscheint doch arg verengt, begrenzt, oberflächlich-plakativ." Man befinde sich irgendwie in einem Jugendtheater. "Vorstellbar wäre auch eine Vorstellung bei Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis in ihrem Regensburger Schloss. Gloria liebt es ja gern poppig, und die beiden Leonoren würden sicher auch bei ihr so bunt und frech ausschauen."

 
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