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Kampf der Guten gegen die Guten

von Susanne Zaun

Frankfurt am Main, 3. März 2012. Gab's das Einhorn schon mal, oder ist das neu? Die Schauspieler als Superhelden, das war doch schon bei "Pingpong d'Amour"? Ah, da ist die Pizza wieder und hier der Tatort-Dialog. Auf das schon mal Dagewesene bei einem Pollesch-Stück hinzuweisen, klingt einerseits verdächtig danach, als wolle sich die Kritikerin ihrer eigenen Seherfahrung rühmen, gleichzeitig kommt man aber gar nicht so recht drum herum. Denn: Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, über einen einzelnen Pollesch-Abend zu schreiben. In etwa so, als würde man versuchen eine komplexe Fernsehserie allein anhand einer einzigen Folge zu analysieren.

René Pollesch arbeitet bekanntlich mit dem Prinzip der Serie; Themen, Motive und Stilmittel kehren für die Dauer einer Saison nicht nur immer wieder, sampeln und plagiieren sich selbst, sondern bauen im besten Fall aufeinander auf, verdichten sich, nur um sich dann, wenn eine neue Phase anbricht, wieder zu dekonstruieren und neu zu erfinden. Innerhalb einer Saison (die durchaus länger anhalten kann als eine Spielzeit im Theaterjahr) gibt es dann verschiedene Zyklen, die sich überlagern und die von Zeit zu Zeit neue Variationen der bekannten Themen eröffnen.

Fortschreibung der Repräsentationskritik

Was die Zuschauer einer Fernsehserie am Ball hält, ist allerdings meist nicht die Variation, die ist nur das Sahnehäubchen. Es ist der übergeordnete Handlungsplot, der fortgeschriebenen wird. Auf Pollesch, den Handlungsverweigerer, übertragen, könnte man stattdessen von Repräsentationskritik sprechen, die der Motor seines Schaffens und der Genuss seiner Fangemeinde ist. wirsindschon3 560 birgit hupfeld uSuperhelden v.l.nr.: Bettina Hoppe, Constanze Becker, Oliver Kraushaar, Jos Diegel, Nils Kahnwald, Michael Goldberg, Traute Hoess. © Birgit Hupfeld

Wo findet sich nun diese Repräsentationskritik, abgesehen von den typischen Stilmitteln wie der künstlichen Sprache des akademischen Diskurses und den post-brechtschen Verfremdungsmitteln, im aktuellen Stück "Wir sind schon gut genug!?" Beim Titel fängt es schon an. Egal ob beabsichtigt oder nicht: Man kann ihn sehr gut auch als ironischen Kommentar auf ein Theater verstehen, das sich eben nicht dem ästhetischen Experiment oder der Suche nach neuen Ausdrucksformen verschrieben hat, sondern das in vielen Fällen allein auf die Kraft seiner, unbestritten, ausgezeichneten Schauspieler setzt wie das in Frankfurt seit einigen Jahren der Fall ist.

Kraft der Schauspieler

Sechs dieser ausgezeichneten Schauspieler (Constanze Becker, Traute Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar) treten hier nun im hautengen Superhelden-Outfit an, mit riesigen Buchstaben auf der Brust, die, wenn man sie in die richtige Reihenfolge bringt, das Wort "Profit" ergeben.

Eigentlich, so will man es uns auf der selbstironischen Theatermetadiskursebene des Stückes augenzwinkernd weis machen, war man ja davon überzeugt, heute Abend die Mutter Courage zu geben, aber dazu passen nun weder die Kostüme noch das verspielte Bühnenbild von Janina Audick, das Außenraum und Innenraum zugleich ist: hier eine Hausfassade und Wohnungstür, dort ein Bett mit Löwenfüßen, in der Mitte ein Springbrunnen und irgendwo am Rand ein wunderschönes, weißes Plaste-Einhorn, das groß genug ist, um von allen gemeinschaftlich beklettert zu werden.

Happy Theaterfamily

"Im letzten Stück war ja das Problem, das wir uns immer suchen mussten, obwohl die Bühne so war, dass wir eigentlich alle immer schon da waren. Hier können wir uns wenigstens suchen", kommentiert Constanze Becker die letzte Zusammenarbeit des Ensembles mit René Pollesch vor zwei Jahren. In "Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen" spielten außer Bettina Hoppe schon alle anderen mit, die auch diesen Abend gemeinsam stemmen. Und das tun sie wirklich gut. 

Während man bei Polleschs Debut am Frankfurter Schauspiel noch ein bisschen die Souveränität und Kaltschnäuzigkeit der Volksbühnenschauspieler vermisste, denen die Sprachstereotype und Diskurstheorien schon in Fleisch und Blut übergegangen sind, haben sich die Frankfurter beim neuen Streich offenbar richtig eingegroovt in Polleschsprech und farcenhaften Meta-Boulevard. Unsicherheiten und Texthänger sind keine Störfaktoren mehr, die den Rhythmus bremsen, sondern selbstbewusster Teil des Ganzen, der genussvoll ausgereizt wird.

Rettung der Welt

Im eklektischen Bühnenbild, das durch mehrere Großleinwände samt Videokunstprojektionen angereichert ist, will man nun gemeinsam die Welt retten – im Kampf "der Guten gehen die Guten", denn die Welt wie sie ist und wir darin sind ja bereits "gut genug". Dieses überraschende Gutmenschentum ist aber natürlich trügerisch, eigentlich geht es darum, das neue Gesicht des Kapitalismus zu entlarven. wirsindschon1 280 birgit hupfeld uGroßer Ritt © Birgit Hupfeld

Unterbrochen werden Worttiraden und Theorieergüsse immer wieder durch slapstickartige Nonsens-Choreographien. Der Chor, der nicht mehr das Proletariat verkörpert, sondern den Kapitalismus und das fieser Weise auch noch in Form eines Netzwerks – war das nicht auch schon der rote Faden in Kill your Darlings, das jüngst zum Theatertreffen eingeladen wurde und damit natürlich längst Konsens ist? Es stimmt: Pollesch' Spiel der Selbstverweise macht großen Spaß, mittlerweile manchmal leider viel mehr, als es weh tut. Doch egal; denn die Frage, die mich wirklich umtreibt, bleibt: Gab's das Einhorn schon mal, oder ist das neu?

Wir sind schon gut genug! (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Nina Kroschinske, Video und Mitarbeit Bühne: Sascha Benedetti, Choreographische Einstudierung: Katharina Wiedenhofer, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Constanze Becker, Traute Hoess, Bettina Hoppe, Michael Goldberg, Nils Kahnwald, Oliver Kraushaar.

www.schauspielfrankfurt.de

 
Kritikenrundschau

Eva-Maria Magel schreibt für die Rhein-Mein-Zeitung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.3.2012), Pollesch rücke in Frankfurt neuerlich mit seinem altbekannten Thema an: "Der Mensch inmitten einer Welt, die nur noch aus Produktivität besteht, einem geschminkten und gut gekleideten, freundlich lächelnden Kapitalismus ausgeliefert, hilflos, ja, aber auch bewusst." Wie die Schauspieler seinen Diskurs-Parcours bewältigten, "ist wundervoll, leichtfüßig, leichtzüngig, spielerisch, und so zünden die hübschen Bonmots ebenso wie die selbstreferentiellen Schauspieler- und Theater-Witzchen, die Filmzitate und die Kalauer, die in ein Theoriegeplapper eingebaut sind, das so klingt wie beim vorigen, vorvorigen und vorvorvorigen Mal." Mithin sei alles, "was es immer ist bei Pollesch. Und das ist, trotz des grandiosen Ensembles, herzlich wenig für eine gute Stunde große Bühne."

"Einen so langweiligen, banalen Pollesch-Abend wie in Frankfurt" habe es "lange nicht" gegeben, schreibt Peter Michalzik für die Frankfurter Rundschau (5.3.2012). Die Schauspieler "mühen sich so polleschplansollerfüllungsfixiert durch den neuesten Polleschtext, der nur ein müdes Mischmasch aus alten Texten ist, dass eine Art gelangweilter Eilfertigkeit aus ihnen quillt." Man vernehme zu dem bekannten Thema "Produktion von Mehrwert" ein "Profit-Potpourri" das vieles anhäufe: "monumentale Filmmusik, Springbrunnen mit regulierbarem Strahl, je nach szenischer Erregung, einen rauchenden Herkules, Tanzeinlagen mit Kasatschok, einen langen Schlafslapstick und Divenkostüme. Trotzdem hat man Angst, dass die Stunde nicht voll wird."

"Das ist prächtigste Unterhaltung. Diskurs-Klamotte", schreibt Stephan Michalzik in der Offenbacher Post (5.3.2012). "Eine so spielerische wie klarsichtige Gesellschaftsanalyse mit den Mitteln eines wie aus seinen Fugen gerissenen und doch zugleich auf seine ureigensten Qualitäten zurückgeführten Theaters." Pollesch bediene "sich in anarchischer Weise aus Versatzstücken der Trash-Kultur" und arbeite wie üblich Material aus "Theorieaufsätzen" ein. Angesichts des starken Applauses, von dem der Kritiker berichtet, dürfe Pollesch wohl auch wissen, dass er "mit seinen süffigen Produkten selber das beste Beispiel für jene marktschnittige Selbstverwertung ist, von der er spricht".

 
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