altWenn der Zug im Tunnel hält

von Guido Rademachers

Moers, 22. März 2012. Bei Romanen sieht man es mit der Rechtevergabe eher gelassen. Zum ursprünglichen Verwertungszusammenhang kommt ein nettes Bühnen-Extra-Plus. Und so kann auch ein 100-Plätze-Haus wie das Schlosstheater Moers, das mit Aalen um den Titel "Kleinstes Stadttheater Deutschlands" konkurriert, mit dem Uraufführungsetikett für Wirbel sorgen. Das Problem ist nur, dass es neben dem Romandichter für die Bühnenbearbeitung noch einen Verdichter braucht.  

Kein Problem für den Moerser Intendanten Ulrich Greb. Um Susan Sontags 1967 erschienenes, immerhin fast 400 Seiten dickes Buch "Todesstation" auf eine angenehme Länge von zwei Theaterstunden zu bringen, hat Greb den ursprünglichen Text auf etwa ein Fünfzehntel grundverdichtet. Und zugleich gründlich abgedichtet gegen das, was seine Besonderheit ausmacht. Es bleiben der bloße Plot, abwechslungsreich aufgeteilt auf sechs Erzähler, und die eine oder andere Kostprobe aus den Dialogen. Dazu ein paar Merksätze mit poetischem Mehrwert wie: "Leerer Raum wölbt sich zwischen den Dingen. Alles Zerfall." Was fehlt, ist der unablässige, alle Richtungen fieberhaft erkundende innere Monolog. Der so vergebliche wie quälende Versuch, besagten leeren Raum gedanklich zu füllen.

Vergewisserung der eigenen Erfahrung

Diddy - "die Sorte von Mann, die niemals Frauen misshandelt, niemals die Kreditkarte verliert oder beim Abwasch einen Teller zerbricht" - glaubt, in einem Tunnel einen Gleisarbeiter erschlagen zu haben. So ganz genau weiß er das nicht. Getarnt als Versicherungsvertreter soll ein Gespräch mit der Witwe des Arbeiters Klarheit schaffen. Immer wieder scheint es soweit zu sein, und doch muss Diddy erkennen, dass jeder vielversprechende Ansatz sogleich im Sande verläuft. Seitenlang entfaltet Sontag ein brilliant-brisantes Gemisch aus Lügengespinsten, Ekel, Dumpfheit, sexueller Erregung und Alkoholdunst. Eine Abhandlung über das Disparate. Permanent wird die Gesprächsgrundlage neu definiert.

todesstatin2 560 christiannielinger.uVorhänge in "Todesstation" © Christian Nielinger

In Moers dagegen lässt Katja Stockhausens Witwe an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Die Arme hält sie hinter dem Kopf verschränkt und präsentiert Brust und Achseln. Den mit Paukenschlegeln über die Bühne hopsenden Sohn (Matthias Heße) hat sie mit einem ausgiebigen Gute-Nacht-Zungenkuss ins Bett geschickt, jetzt fixiert sie mit stechendem Blick und herbem Charme einen nervös an einer kleinen Goldurne herumnestelnden kreuzbraven Frank Wickermann als Diddy. Dass ihm bald darauf unter das Hemd gegriffen wird, quittiert er erst mit Stöhnen, dann mit einem plötzlich die Flucht ergreifenden "Das wird Ihnen noch leid tun". Die Witwe kontert: "Mein Vetter ist Anwalt und zwar ein ziemlich fetter."

Kitzelsex-Einlage mit der blinden Geliebten

Grebs Inszenierung hat in den Spaßmodus geschaltet. Nach dem reinen Erzählgestus der ersten Dreiviertelstunde eine vom Publikum dankbar aufgenommene Entscheidung. Zu Beginn saßen die sechs Schauspieler hinter Schleiervorhängen an Resopaltischen, waren mit ihren schlecht sitzenden Perücken und schrillen 60er Jahre-Kostümen wie billige Schaufensterpuppen hin- und herarrangiert worden, hatten unter Videokameras weiße Hemden zugenäht oder kleine Grabarrangements gebastelt. Zu dem gemeinsamen Erzählton findet die Inszenierung am Ende wieder zurück.

Dann allerdings hat Diddy die Vorhänge heruntergezogen, die Tische von der Bühne getragen und die Displays der Videokameras zugeklappt. Aus dem Betrachten ist mit Hilfe seiner blinden Geliebten und Kitzelsex-Einlage ein Durchschauen geworden. Greb erzählt die gemeinsam erinnerte Geschichte eines Mannes, der die Ungeheuer vertrieb, die die wache Vernunft gebar. Seiner Form nach ist es im kollektiven Gedächtnis gespeicherte Heldengeschichte.

Und dann tot

Susan Sontag erzählt dagegen von einem rastlosen individuellen Bewusstsein, das die Löcher, die es in der Realität entdeckt, zu stopfen versucht, bis es erkennt, dass die Welt nur Totenhaus ist. Dass es nur ein Inventar des Todes aufzeichnet. "Death Kit" lautet, weit aussagekräftiger als die deutsche Übersetzung, der Originaltitel. Greb lässt den Abend mit dem Satz "Diddy geht weiter" enden. Sontag fährt fort: "auf der Suche nach seinem Tode". Grebs Theater ist sich seiner Mittel bewusst. Es fährt faszinierende Bilder auf, ist komisch, manchmal auch tiefernst und lässt die zwei Stunden Aufführungsdauer ohne Durchhänger vorübergehen. Susan Sontags Roman dagegen bleibt ohne Trost.


Todesstation (UA)
Bühnenfassung von Ulrich Greb, nach dem Roman "Death Kit" von Susan Sontag (deutsch von Jörg Trobitius)
Regie: Ulrich Greb, Bühne: Birgit Angele, Kostüme: Elisabeth Strauß, Dramaturgie: Sabrina Bohl, Felix Mannheim.
Mit: Frank Wickermann, Marieke Kregel, Jakob Schneider, Matthias Heße, Patrick Dollas, Katja Stockhausen.

www.schlosstheater-moers.de

 

Kritikenrundschau

"Der abstrakte Beginn ist zwar reizvoll, könnte auf Dauer aber auch ermüden", meint Stefan Keim im Deutschlandradio Fazit (22.3.2012). Die Aufführung bleibe nah an Sontags Roman, spiegele das Kafkaeske und Surreale, das Diskursive und das Direkte, auch die kurzen, ironischen Genrezitate. "Wie immer in Moers tragen herausragende Schauspieler den Abend." Die zwei pausenlosen Stunden seien forderndes, manchmal auch anstrengendes Theater. "Aber es lohnt sich, den Gedankenspielen zu folgen, weil sie durch Grebs Regie und das tolle Ensemble Körperlichkeit und Sinnlichkeit erhalten."

In der Neuen Ruhr / Neuen Rhein Zeitung (24.3.2012) ist Karen Kliem begeistert: Der Zuschauer sei in diesen kurzweiligen zwei Stunden schon mal allein mit dem Sehen bestens beschäftigt. Mit ihrem "genialen Bühnenbild" verinnbildliche Birgit Angele die sechs verschiedenen Wirklichkeiten, die die Inszenierung abrufe. Kliem lobt außerdem das "ganz fein nuancierte Spiel" des Ensembles und schließt: "Ein großartiger, prallvoller Theaterabend."

Eine Bearbeitung des Romans von Susan Sontag gehe wohl nicht ohne den Verlust der metaphorischen Gebilde, aus denen sich das Werk zusammensetze, schreibt Anja Katzke in der Rheinischen Post (24.3.2012). Ulrich Greb greife aber geschickt die Erzählformen des Romans auf."Die Schauspieler sind Chronisten ener glücklosen Lebensreise, wobei offenbliebt, was Traum und Wirklichkeit ist." Ulrich Greb treibe das Spiel auf die Spitze. Die Rezensentin bescheinigt seiner Inszenierung "eine intensive Spannung".

 
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