Das frühe Hecheln nach Erfolgalt

von Dieter Stoll

Erlangen, 7. Juli 2012. Die Behauptung, Gegenwartstheater aus gut abgelagerter, gerne auch unter Staubschichten konservierter Literatur recyceln zu können, ist offenbar zum unabwendbaren Spielplan-Schicksal geworden. Ob renommierte Groß-Bühnen oder ambitionierte Häuser in der Provinz, zumindest in der Unverzichtbarkeit von Basismaterial aus den Tiefen der Bibliothek sind sie sich einig.

Das Theater Erlangen, das einerseits das kleinste Stadttheater Bayerns ist und andererseits mit Universität und Siemens-Standort ein zumindest theoretisch bildungsbeflissenes Publikum mit Anspruch im Visier hat, ist auf der Suche nach dem passenden Profil auch in dieser Ecke, die man allmählich vielleicht doch zur Abseitsfalle erklären sollte, gelandet. Kaum war die (verhaltene) Diskussion um die Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle "Angst" im Markgrafentheater verstummt, drängte mit "Anton Reiser" nach dem vierteiligen Roman von Karl Philipp Moritz (1756-1793) in der "Garage", dem kleinen Haus, die nächste Drucksache auf die Szene.

Mit freier Hand und Pratze 

Intendantin Katja Ott hatte bei der Berufung der Produktions-Teams auf Extreme gesetzt. Während für "Angst" mit dem ehemaligen Intendanten von Braunschweig und Krefeld / Mönchengladbach ein Schlachtross des Kultur-Fließbands antrat, durfte es bei der Bearbeitung von "Anton Reiser", dem scheiternden Aufsteiger auf der Suche nach Lebensentwürfen in der Kulisse, ein Experiment mit Ansage sein. Das Team Mirja Biel und Joerg Zboralski, sie von Stemann und Kriegenburg trainiert und er ein Meisterschüler von Gerhard Richter, hatten freie Hand. Damit griffen sie herzhaft zu, denn um eine Digest-Fassung des Poeten, den Goethe als seinen "jüngeren Bruder, nur vom Schicksal verwahrlost" adelte, ging es natürlich nicht. Eher um die Frage, wo dieses selbstvernichtende Hecheln nach Erfolg als Lebensinhalt, das Moritz seinem literarischen Anton Reiser wie eine Charakter-Transplantation verpasste, heute sein Echo finden mag. Im Programmzettel wird ein wenig Klaus Kinski zitiert, auf der Bühne AC/DC geplärrt. Soll es das gewesen sein?

anton reiser 560 jochenquast uZweimal Anton Reiser im Erlanger Spiegelkabinett: Christian Wincierz und Robert Naumann.
© Jochen Quast

Der will doch nur spielen

Der erste Blick des Zuschauers fällt auf einen verspiegelten Raum, in dem ein Boy im Silber-Höschen dem ersten Satz rhythmisch entgegen bibbert. Friert er oder hat er Disco im Blut, lebt er oder wird er grade geboren? Aus ist der Traum als eine Tür im Hintergrund das geschlossene Bild zerstört und ganz in weiß ein Arzt erscheint. War Reiser etwa ein Opfer der Psychiatrie? Falsche Fährte, schon wieder. Offenbar ist ein Doppel-Ego unterwegs im Dienst der autobiografischen Spurensicherung. Einer wedelt mit dem Reclam-Heft und zitiert schöne Stellen, der Andere gackert äffend hinein in die verkappte Dichterlesung und will nur das, was Moritz / Reiser letztlich vergeblich als das höchste aller Ziele anstrebte: Spielen! Klar, um spielend den "Sinn des Lebens" einzufangen, der noch nicht von den Monty Pythons definiert war.

Die Erlanger Fassung, wie auch Regie und Ausstattung von Mirja Biel und Joerg Zboralski im Duo verantwortet, flutet mittels Videobeamer und Christoph Panzers Clip-Sortiment gelegentlich die Bühne mit Original-Texten, lässt sie bei der inszenierten Ich-Suche aber weitgehend beiseite. Zwar wird die Biografie der scheiternden Begabung vom zerrütteten Elternhaus bis zur verpatzten "Wonne der Tränen" im angehimmelten Kunstgewerbe erstaunlich chronologisch aus dem gelben Heftchen gezupft, doch die prägenden Halte-Stationen verraten alles. Wir sehen den jungen Dramen-Junkie Anton Reiser, wie er mit Pappfiguren den Trojanischen Krieg nachspielt (Kalauer-Projektion: "Die spinnen, die Griechen"), mangels eigener Begabung den "Faust" als Gründgens-Karaoke direkt vom eiernden Plattenteller gibt und zur seitlich im Zuschauerraum aufgebauten Garderobe den Masken und Perücken von Shakespeare entgegen eilt. Der Roman-Text bleibt derweil links liegen.

Lear und Othello fechten's aus

Da bekommt die etwas ziellose Komödianterei einen schönen Schub ins Absurde. Beide Ego-Hälften (Robert Naumann und Christian Wincierz immer artistisch auf der Kippe zwischen Entertainment-Travestie und fixiertem Impro-Theater) konkurrieren unerwartet in Williams Universum. Während Nr. 1 schon "Hamlet" deklamiert, schminkt Nr. 2 noch den Mohr von Venedig hin, was bei unaufhaltsamer Weiterentwicklung zu einem so noch nicht gesehenen Degen-Duell zwischen Othello und Lear führt. Saukomisch, und Tonnen von Schauspielführern müssen umgeschrieben werden.

80 Minuten für vier Romanteile samt Show-Einlagen, das ist dann doch knapp kalkuliert. Statt eines Mahnmals der Selbstzerstörung haben Biel und Zboralski einen Video-Comic geschaffen, an dem man Spaß haben, aber kaum Erkenntnis gewinnen kann. Zum Schluss wird die Popkultur noch mal kräftig geschüttelt und gerührt. Ego Nr. 1 schmettert mit Marilyns Perücke ausgiebig "My Way", Ego Nr. 2 hat nun auch sein Glitzerhöschen und kommt zum Pistolen-Duell – aber dann bemerken wohl beide rechtzeitig, dass sie schon einen Knall haben, küssen sich sehr ausgiebig und der Schuss geht ins Publikum. Blackout. Ja, so wird auch eine Deutung draus. Irgendeine. Es gab übrigens lange Beifall.

 

Anton Reiser
nach Karl Philipp Moritz, in einer Bearbeitung von Mirja Biel und Joerg Zboralski
Regie, Bühne, Kostüme: Mirja Biel / Joerg Zboralski, Dramaturgie: Linda Best, Licht: Thomas Krammer, Video: Christoph Panzer.
Mit: Robert Naumann und Christian Wincierz.

www.theater-erlangen.de

 

Kritikenrundschau

"Diese Chuzpe verdient Respekt", schreibt Manfred Koch in den Nürnberger Nachtrichten (9.7.2012). Das Regie-Duo Mirja Biel und Joerg Zboralski unternehme erst gar nicht den Versuch, einen Prosa-Text in dramatisierter Form auf die Bühne zu bringen". Vielmehr sei mit zwei Schauspielern Plot und Gehalt der Vorlage über das Streben um Ruhm und Anerkennung, das ewige Kreisen um eigene Befindlichkeit erarbeitet worden, und zwar "mit viel Technik, Schminke und teils geglücktem, teils albernem Augenzwinkern." Es gebe "viel Budenzauber, mit der Gefahr, durch optische und akustische Oberflächenbrillanz den guten Reiser etwas aus den Augen zu verlieren", schreibt der Kritiker, aus dessen Sicht jedoch Regie und Schauspieler immer wieder "die Kurve" kriegen und gar zu einem "runden Schluss" finden würden, der "freilich ein tragischer ist und auch sein muss." Fazit: "Langweilig ist das nicht."

Die beiden Schauspieler "streiten sich durch den komplexen Roman, durch die beklemmende Kindheit und fremdgesteuerte Jugend eines Außenseiters, der in die Welt der Sagen flieht", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (11.7.2012). Sie seien abwechselnd oder gemeinsam Reiser, "aggressiv, schwärmerisch, verzweifelt - ausgestellt in einem verspiegelten Bühnenraum, der das Gezeigte in Zerrbildern zurückwirft". Fazit: "Aus der oft herablassend klingenden, diagnostischen Schilderung des Autors macht das Regie-Duo Biel und Zboralski eine metafiktionale Parforceübung."

 

 
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