Nur keinen Alarm auslösen!

von Christian Rakow

Berlin, 2. September 2012. Jugendmode, Sommer 2012: Man kann sich seines braven Zuschauerlebens im Parkett nicht mehr sicher sein. Am Donnerstag bei Antú Romero Nunes (Jahrgang 1983) in den Räubern sprang zum dramatischen Höhepunkt neben mir einer der Moor'schen Verschwörer (ein Chorist) aus dem Sessel auf. Heute in Tilmann Köhlers (Jahrgang 1979) Umsetzung von Wajdi Mouawads "Verbrennungen" fiel die Überraschung kleiner, aber nicht geringer aus. Denn die Ausnahmeschauspielerin Maren Eggert ist von vornherein alles andere als eine alltägliche Sitznachbarin, zumal sie hier in einer schlumpigen Kapuzenjacke steckte.

Wenn Regisseure ihre Akteure aus dem Publikum auftreten lassen, dann wird meist das große Signalhorn geblasen: Tua res agitur, es geht um Euch, Bürger! Um diesen Eindruck zu verstärken, hat Karoly Risz ein Forum in die Kammerspiele des Deutschen Theaters gebaut, mit zwei Zuschauertribünen zu beiden Seiten eines hüfthohen Edelstahlpodests. Durch die Mitte des Podests verläuft ein Riss wie in den Wänden des von Daniel Libeskind erbauten Jüdischen Museums Berlin. Es ist auch hier das Symbol für eine zersplitterte Geschichte.

verbrennungen 560 arnodeclair hMaren Eggert und Christoph Franken   © Arno DeclairWajdi Mouawads "Verbrennungen", das seit seiner deutschsprachigen Erstaufführung 2006 an zahllosen Theatern nachgespielt wird, beleuchtet – ohne dass es im Stück explizit benannt würde – den libanesischen Bürgerkrieg nach 1975. Nawal (Maren Eggert) ist seinerzeit Opfer barbarischer Übergriffe geworden, flüchtete später ins Ausland und verbrachte dort ihre letzten Lebensjahre in undurchdringlichem Schweigen, traumatisiert durch persönliche Erkenntnisse, die sie während eines Kriegsverbrecherprozesses gewann. Nach ihrem Tod ist es an ihren Kindern, den Zwillingen Jeanne (Kathleen Morgeneyer) und Simon (Christoph Franken), dieses Trauma zu ergründen und damit gleichsam die eigene Familiengeschichte bis in ihre dunkelsten Winkel zurückzuverfolgen.

Punktuelle emotionale Wallungen

Gastregisseur Tilmann Köhler geht diese Geschichte nüchtern, ja geradezu spröde an. Zumeist begegnen sich seine recht statisch arrangierten Spieler als Vortragende, mit diskretem Abstand zum Gesagten, so als würden sie sich an Vitrinen einer Ausstellung vorbeischieben. Nur nicht den Alarm auslösen! Punktuell sind emotionale Wallungen erlaubt, wenn Christoph Franken in der Verzweifelung seines Boxers Simon ums Podest herum joggt. Leichten Nachdruck erhalten Leidensberichte vom Kriegsgräuel, wenn Maren Eggert, Kathleen Morgeneyer und Barbara Heynen (als Sawda, Jugendfreundin von Nawal) nicht gerade Einfühlung, aber doch eine behutsame Anfühlung an den Stoff wagen.

Nun bleibt Mouawads "Verbrennungen" aber beileibe nicht beim üblichen betrüblichen Erschauern über menschliche Gewaltexzesse stehen. Es ist auch ein berückend optimistisches Stück Aufklärungstheater. Von ihrer Großmutter wird Nawal in ihrer Jugend dazu aufgefordert, Lesen und Schreiben zu erlernen, um sich aus der traditionellen Ohnmacht der Frau zu erheben. Nawal folgt diesem Wunsch und reift zu einer hochgradig selbst bestimmten Frau heran. Noch ihre Kinder inspiriert sie durch ihr Testament zu Erkenntnissuche und intellektueller Auseinandersetzung als Mittel der Verarbeitung von Traumata.

Andacht statt Analyse

Doch gerade hier duckt sich Köhlers Regie regelrecht weg. Bei ihm wird die Schlüsselszene mit der Großmutter (eine von mehreren Rollen von Harald Baumgartner) durch eine hysterische Travestie, die in ein Redechaos einmündet, maximal gedämpft. Es ist nicht die einzige Neutralisierung des Bildungsbegehrens. Später, wenn Nawal ihre Freundin Sawda davon überzeugen will, die Gewaltspirale der Rache zu durchbrechen, dann wirkt diese Szene zwischen Maren Eggert und Barbara Heynen seltsam ungelöst, unfertig, so als habe man in den Proben bis zuletzt keine Haltung zu dieser flammenden Überzeugungsrede von Nawal entwickeln können.

Man kann nicht einmal sagen, dass Köhler eine dezidiert pessimistische Position gegenüber dem Aufklärungsoptimismus des Stückes einnehmen würde. Die ganze Säule scheint ihm eher wegzurutschen. Im Finale bescheidet er sich mit der Grabpflege durch die Kinder, nicht mit einem Verweis auf die Erinnerungsarbeit, die geleistet wurde. Und sein funkelndes Forum verdunkelt sich. Vielleicht haben wir uns auch getäuscht und es war gar kein Forum, keine Agora, kein Ort für Auseinandersetzung. Vielleicht war's nur ein Traueraltar. Dass Krieg der Vater aller Unglücksdinge ist, wäre allemal eine schlanke Erkenntnis. Tua res agitur. Analyse ist besser als Andacht. Dass wir, statt Gewalt zu erleiden, ihre Umstände verhandeln können, ist unser historisches Privileg.

 

Verbrennungen
von Wajdi Mouawad
Deutsch von Uli Menke
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Maren Eggert, Kathleen Morgeneyer, Christoph Franken, Harald Baumgartner, Barbara Heynen, Thomas Schumacher, Gesang: Rafah Azzouka, Shadia Abou Hamdan, Ohoude Khadr
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

"Verbrennungen" als moderne Variation des Ödipus-Mythos bildet an diesem Saisonauftaktwochenende des Berliner Deutschen Theaters ein Pendant zum Tragödien-Digest Ödipus Stadt, mit dem Stefan Kimmig die Spielzeit 2012/2013 eröffnete. Tilmann Köhler gab seine Version des sophokleischen König Ödipus 2010 als Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden.

Kritikenrundschau

Irene Bazinger schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.9.2012), Tilmann Köhler habe das Stück als "ein nüchternes, kleines, komplexes Drama zwischen Menschen" inszeniert, eine "gekonnt schonungsvolle, gänzlich unaufgeregte Aufführung". Karoly Risz' Podeste verböten alle "Gemütlichkeit" und eigneten sich gut, "um darauf Krach zu machen".
Die sechs Akteure, zum Teil in mehreren Rollen, träten in einer "schönen Balance zwischen Theatralik und Distanz, Tragik und Komik" auf. Kathleen Morgeneyer und Christoph Franken als Jeanne und Simon deckten zusehends entsetzt ihre wahre Herkunft auf, "ohne sich deswegen ausschließlich gebrochen zu benehmen". Maren Eggert erspiele Nawal einen "luftleeren Raum", in dem "deren große Einsamkeit wie tiefe Humanität ruhig und genau deutlich werden". Tilmann Köhlers "unsentimentale Inszenierung" komme "völlig ohne Pathos, ohne Effekthascherei" aus. Die Aufführung bleibe kühl, "um sich trotz der emotionalen Fieberkurven vor falschen Harmonien zu schützen".

Dirk Pilz schreibt in der Berliner Zeitung (4.9.2012) es werde "Aufklärung betrieben" im Deutschen Theater, im "armaufkrempelnden Sinne", es werde geforscht, "was da war und was daraus werden könnte." Im Grunde genommen ginge es in "Verbrennungen" um die große Frage: "Lässt sich die vertrackte Dialektik der Aufklärung austricksen?" Das Stück stelle die "unabweisbaren Fragen nach dem Warum des Krieges" und verhandele zugleich "konkrete Familien und Nahostkonflikte", das Ganze sei "schön knifflig gebaut". Trotzdem habe Tilmann Köhler "Verbrennungen" so "hingebastelt", dass es nur wie ein "vorsichtig pessimistisches, aber doch wackeres Aufklärungsstücklein" ausschaue. Dies läge daran, dass "fast durchweg" mit bloß "geschätzten 52 Prozent des vorhandenen Darstellungsvermögens" agiert würde. Dass es trotz "der aufgebrachten Silbenschwitzerei, dem vielen Gerenne und Getue" "theaterroutinemäßig" zuginge, die Konflikte und Fragen "bloß vorgetragen", nicht "durchdrungen" würden.

Andreas Schäfer schreibt im Berliner Tagesspiegel (4.9.2012): "Verbrennungen sei ein " unerhörtes Stationendrama mit archaischer Wucht", das auch die "mitunter hilflose Regie" nicht klein kriege. Tilmann Köhler inszeniere aus der Perspektive der Tochter Jeanne. Die "lehrstückhafte Formalisierung" der Auftritte sei naheliegend, "auch die Idee, Opfer und Täter" aus der Mitte der Zuschauer hervortreten zu lassen – nur werde die Haltung nicht konsequent durchgehalten. Köhler lasse das "eisige Spielfeld" hin und wieder zur "harmlosen Spielwiese" werden, auf der die Schauspieler "herumtollen" oder mit "deplatzierter Witzigkeit" Tänzchen aufführen, bevor wieder von Folter, Vergewaltigung und verschleppten Kindern die Rede sei. Köher und Bühnenbildner Karoly Risz lieferten zwar den passenden Raum zum Stück, fänden aber keine den Stoff durchdringende Tonlage. Trotzdem entfalte die Geschichte ihren "schicksalhaften Sog", zwischendurch gäbe es "kraftvoll stimmige Passagen".

Barbara Behrendt schreibt in der tageszeitung (4.9.2012), "Verbrennungen" sei ein "hochemotionaler Brocken", ein "Psychokrimi", der große Gefühle nicht scheue – "eine Herausforderung für deutsche Bühnen, wo jede Leidenschaft leicht unter Kitschverdacht gerät". Auch wenn man Köhler seinen Mut hoch anrechnen müsse - der Ton seiner Inszenierung wirke im zweiten Teil verfehlt. Der bestehe "hauptsächlich aus dem Toben von Christoph Franken". Maren Eggert als Mutter Nawal verfalle in "manifestgleiche Reden", dabei habe sie die "selbstbestimmte Aufklärerin" zuvor "so warm und stark" gegeben. Hier verliere sich Köhler in den vielen Deutungsmöglichkeiten des Stücks. Trotzdem bleibe die Kraft des Stoffes.

 

 

 
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