Heiliger Bimbam

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 24. November 2012. Nicht er hatte Lust zur Lust, sondern die Lust hatte sie zu sich selbst – und heizte ihm ein in der Geschlechtshölle. Lew Tolstoi, der sich in seinen Tagebüchern, die er seiner Verlobten kurz vor der Vermählung zu lesen zumutete, als sexhungriger Triebtäter offenbarte, wurde nach seiner Sinnkrise 1877 zum sozial gesinnten, dem Besitz wie dem Fleische entsagenden Volkshelden und urchristlichen Weltverbesserer.

Der Heilige und der Wüstling: Les extrêmes se touchent, verbunden durch das Obsessive. Auch in den Szenen seiner Ehe, die einem Bergman-Drama geglichen haben müssen. Die Frau hat Tolstoi dämonisiert, wie es in der Kirche Tradition hat: Fürstin der Finsternis, biblische Buhlerin und ewige Eva, die Adam ins Verderben zieht. Freud hätte reichlich Theorie-Bedarf und Therapie-Ertrag bei Tolstois Seelenkur gefunden.

Macht2 560 SebastianHoppe uIm Würgegriff des Wüterichs: Tanja Schleiff, Till Wonka und Imogen Kogge. © Sebastian Hoppe

Götzendienst

Die Dämonie des Sexus spukt durch "Die Macht der Finsternis", entstanden 1886 zwischen dem Eheroman "Anna Karenina" und der "Kreutzersonate" des Grafen Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Obschon es der Titel nicht billig gibt, mahnt die Unterzeile zudem lehrhaft: "Hat ein Vogel sich erst mal verfangen, ist er schon ins Netz gegangen". Dies noch nicht genug, wird als Motto ein Wort aus Matthäus V zitiert: "Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde." Im Düsseldorfer Schauspielhaus radebrecht eine Stimme mit russischem Akzent die Verse, um sich unter Getöse in ein sakrales Idol zu verwandeln (Video macht's möglich, auch des Weiteren noch ausgiebig).

Bibelfest auf dem Kirmes-Karussell

Nikita und die Seinen leben hier zwischen den ausgebreiteten Armen des orthodoxen Vaterglaubens: mehr im Zwang als unter Schutz. Thilo Reuther hat hinter hölzernen Stegen, Podien und Türen einen raumbeherrschenden Götzen – beweglich, beidseitig bespielbar und illuminiert wie ein Kirmes-Karussell – auf die Bühne gewuchtet. Mit geschlossenen Augen und schräg gelegtem Haupt spricht aus der grellen Ikone des Leidens das Martyrium des Fleisches und der Seele Nikitas. Regisseur Sebastian Baumgarten nimmt den sauren Kitsch des Dramas, aus dem er eine aktuelle Reflexion über Werte und deren Verlust zu wringen versucht, nicht naturalistisch, sondern symptomatisch und symbolisch und füttert das ohnehin schwer verdauliche Stück mit griechisch tragischen und biblischen Kalorien an.

Die Moral von der Geschicht' in fünf Akten, vielen kurzen Bildern und viel zu vielen Worten über Ehebruch, Gift- und Kindsmord, Trunksucht, Geilheit, Gier, Buß und Reu' und Läuterung lässt an Eindeutigem nichts offen. Der Sündenpfuhl ist das Gehöft des reichen Bauern Pjotr. In den Knecht Nikita, der "die Weiber wie Zucker liebt", haben sich Pjotrs junge Frau Anisja und Akulina, Tochter aus erster Ehe, gleichermaßen vergafft. So sehr, dass sie Verbrechen nicht scheuen. Anisja wird ihren Vater vergiften und Nikita zum Mann nehmen, der dann ihrer Stieftochter beiwohnt. Das gemeinsame Kind wird, kaum geboren, erschlagen und verscharrt. Nikita aber wirft das Laster von sich, gesteht und nimmt alle Schuld auf sich, wobei sich in Düsseldorf gegen ihn eine vulgäre Post-Punk-Meute formiert, die sich den Teufel schert um Gesetz und Sitte.

Macht3 560 SebastianHoppe uAlso was sollen wir tun? Unterweisungen unter den Fittichen des Götzen. © Sebastian Hoppe

Wölfische Wesen

Es ist eine haarige Angelegenheit. Zotteln kleben den Leuten an Armen, Bein und Brust – so wächst sich das wölfische Wesen aus, das im revolutionären Sowjetreich bekanntlich auch nicht lammfromm ward. Männlein wie Weiblein um Nikita (Till Wonka als Rotschopf von der traurigen Gestalt) und die kupplerische Alte Matrjona, an der sich Imogen Kogge eifrig abrackert, zappeln allergisch, zwanghaft, katatonisch, sprachbehindert oder sonst wie gestört, tragen trashiges Zeug und lustigen Kopfputz. Begleitet von einem wummernden, dröhnenden, ploppenden, plinkernden, walzernden, quietschenden Soundtrack, wird der Plot routiniert volksbühnenhaft-genossenschaftlich runtergerissen.

Baumgartens Kultur-Planwirtschaft entwickelt aus dem Text keine moralische Farce, sondern ist nichts weiter als eine als kritisches Theater getarnte Kostümparty und präpotente Russendisco, die behauptet, den historischen Bogen zu schlagen vom kommunistischen zum neureichen, rechten und konsumistischen Russland. Das lärmende Surplus dazu liefert die slowenische eklektizistische Rock-, Techno- und Electronic-Band Laibach mit anarchisch anklagendem Gott-ist-tot-Pathos. Das Marktschreierische, mit dem man die Komposition als "exklusiv" und "Uraufführung" ausruft, trifft den Ton der gesamten, im Übrigen kreuzlangweiligen Inszenierung.


Die Macht der Finsternis
von Lew Tolstoi
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes, Video: Philip Bußmann, Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Mit: Michael Abendroth, Markus Danzeisen, Betty Freudenberg, Rainer Galke, Imogen Kogge, Anna Kubin, Xenia Noetzelmann, Stefanie Reinsperger, Tanja Schleiff, Till Wonka.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

Mehr Bibelbesinnung mit Lew Tolstoi: Michael Thalheimer zeigte Die Macht der Finsternis an der Berliner Schaubühne, Sebastian Hartmann Krieg und Frieden bei den Ruhrfestspielen und in Leipzig. Volker Schlöndorff präsentierte Und das Licht scheint in der Finsternis in Neuhardenberg.

Kritikenrundschau

"Der Zuschauer, der gekommen war, mit 'Macht der Finsternis' eines der wenigen Bühnenstücke Leo Tolstois zu sehen, sieht sich von Regisseur Sebastian Baumgarten nun plötzlich in eine postnukleare Zukunft versetzt", schreibt Arnold Hohmann auf Der Westen.de (25.11.2012). Baumgarten wolle das schwer erträglich Dämonische der Vorlage nicht etwa mildern, er befeuere das Ganze auch noch und setzt auf die grelle Lösung. "Bis auf wenige Ausnahmen raubt die Regie den Menschen hier fast jede Möglichkeit, sich noch deutlich artikulieren zu können." Und dann knallten auch noch eigens produzierte Musik-Videos der slowenischen Band "Laibach" in die Szene, die den Tod Gottes proklamierten. "Songs, die gut zur Inszenierung passen: laut und überdeutlich."

Zwei anstrengende und anregende Stunden Theater mit einem grandiosen Ensemble und schrillen Regie-Ideen hat Marion Troja für die Westdeutsche Zeitung (25.11.2012) gesehen. "Der Regisseur sprengt Genre-Grenzen, überzeichnet jedes Russenklischee von der Tracht bis zur Kartoffelsuppe", schreibt Troja. Er bedröhne die Zuschauer mit einem Sound à la Rammstein, zu dem er Revolutionsbilder in Schwarz-Weiß über die Leinwand flimmern lasse. "Eine durchaus durchdachte Ideenflut, die vielen zu viel ist."

"Lauter Zombies" hat Dorothee Krings auf der Bühne gesehen. Die Darsteller spielten jedoch mit Inbrunst gegen die Verzerrung ihrer Figuren an", schreibt Krings in der Rheinischen Post (26.11.2012). "Am Ende gab's viele Buhrufe für eine Inszenierung, die der Sprache nicht traut und ihre eigenen Botschaften mit dem brutalen Bombast-Heavy-Metal der slowenischen Gruppe Laibach in die Köpfe der Zuschauer dröhnen will."

Baumgarten dampfe das Drama nicht nur ein, meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.11.2012), sondern schicke es auch auf eine Zeitreise, "die, voller Assoziationen und Anachronismen, Wochenschau-Zitaten und Politparolen, es vom zaristischen über das bolschewistische und stalinistische bis ins konsumistische Russland der Gegenwart treibt". Tolstois Widerstreit von Moral und Missgunst, Gier und Glauben, Anstand und Alkohol werde hier "zum klamaukigen Kostüm- und Klischeefest verramscht". Fazit: "Tollhauspostille nach Tolstoi. Eine Aufführung, laut und lärmend, schrill und schnell, bis ins Detail durchgeplant, atemlos und ohne einen Hauch von Poesie."

Baumgarten belässt es nicht bei einer feinfühligen historischen Rekonstruktion des Stoffs; er zielt auf eine Provokation und hüllt Tolstois wuchtige Bauerntragödie in das Kleid der Revolution. "Das Publikum ist empört. Wütende Proteste, Buhrufe im Düsseldorfer Schauspielhaus", beschreibt es Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (28.11.2012). Die empörten Buhrufe gehen zu Lasten einer Zuspitzung des Stoffs, doch "die Nähe von blankem Horror und bizarrer Komik bringt in dieser Aufführung keine billigen Effekte hervor, sondern beunruhigt tief". Das vermeintliche Licht der Aufklärung werde gegen die dumpfe Macht der Finsternis gestellt wie es die Protagonisten der Revolution proklamiert haben, "und doch - so Baumgartens gallige These - lässt sich unter veränderten Vorzeichen die nämliche Geschichte erzählen, weil der Mensch in seiner Tierhaftigkeit sich gleich bleibt."

 

 
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