Anästhesie des Widerstands

von Tim Schomacker

Hamburg, 6. Dezember 2012. Am heutigen Tag hat das neue Datenspeicherzentrum des Medienkonzerns Facebook, das derzeit in mehreren Stufen im nordschwedischen Luleå gebaut wird, 8872 "Freunde" – auf Facebook. Ein Kurzschluss, der einige Möglichkeiten bietet. Unter der Regie Konradin Kunzes hat sich das Ensemble des Jungen Schauspielhauses Hamburg der Nordlandfahrt des Internetriesen angenommen. "Hacking Luleå" heißt die gemeinsame Stückentwicklung, bei der man sich gute anderthalb Spielstunden lang fragt, wie aus einem vielschichtigen Stoff ein derart zahnloses, bisweilen blödes Stück hat werden können.

Des Weltkonzerns Stehempfang

Aussichtsreiche Aspekte – von arabischem Frühling bis Datensicherheit, von Umweltschutz bis Globalisierung, von einer speziellen Ausprägung schwedischer Sozialdemokratie bis informationelle Selbstbestimmung – werden reichlich im Munde geführt, ohne etwas anzustoßen. Das größte Problem des Abends liegt in der im Grunde banalen Erkenntnis, dass der Globalisierung und ihren Designern mit Boulevardtheater eher schlecht beizukommen ist. Analytisch nicht, von Kritik oder gar Widerstand ganz zu schweigen.

hachinglulea3 560 sinje hasheider uIm Schnee: "Hacking Luleå" © Sinje Hasheider

Selbst das schönste Bild des Abends – eine große, aus Eis gehauene Version der facebooknotorischen Daumen-hoch-Hand – stammt nicht aus der Produktion selbst. Sie ist auf einem Foto zu sehen, das während der Einleitungssequenz an die Wand des Malersaal-Foyers projiziert wird. Das Original steht in Luleå – um den Weltkonzern dort willkommen zu heißen. Für den Beginn wird das auf Einlass wartende Publikum in die Sekt- und Schnittchenmeute einer Pressestehparty umfunktioniert. Vertreter der Stadt Luleå, der schwedischen Regierung, des "Weltkonzerns Facebook" und der Firma, die diesen in den Norden vermittelt hat, stehen auf einer Bühne.

Erzählerisch dichter Raum

Wie sie sprechen, wie sie Journalistenfragen beantworten, wirkt so hölzern, wie derlei Anlässe in der Welt da draußen vor dem Theater tatsächlich oft sind. Hier mag man noch auf gezielte Hölzernheit hoffen, auf den Versuch, sich in einem Reenactment-Format der unmittelbaren Gegenwart zu nähern. Doch als nach Eintritt in den Saal statt der versprochenen "regionalen Köstlichkeiten" ein schwerroter Theatervorhang sichtbar wird, ahnt man, dass ein allzu gleitender Übergang von Alltag (draußen) zu Theater (drinnen) nicht die beste aller dramaturgischen Lösungen sein muss.

Léa Dietrich hat für das Stück einen kargen, formal klaren, dabei flexiblen und atmosphärisch reizvollen Bühnenraum gebaut: Halbrechts steht eine kleine Holzhütte auf mageren Stelzen, an ausgewählten Stellen liegen Schneeverwehungen herum, die hintere Wand ein vernebelter Horizont – nahezu monochromes Trompe l’oeuil mit Türen drin! –, Kettensägen, Schaufeln liegen vereinzelt herum. Die Produktion allerdings weiß wenig mit diesem zugleich leeren und erzählerisch dichten Raum anzufangen. Dass einer durch die Tür im Horizont eintritt, dass die Wände der Hütte nach und nach abgeräumt werden, damit "man besser sehen kann", solcher (potentieller) Pollesch- oder Marthaler-Humor wird vergraben unter einem anästhetischen Schneefeld, das hier noch den letzten Willen zur kritischen Auseinandersetzung zuweht.

Hacking? Hacken?

Die ortsansässigen Holzfäller, das deutsche Netzaktivistenpärchen, die aus esoterischen Gründen zugewanderte Österreicherin, schließlich Facebookgründer Zuckerberg selbst: Alle bleiben Pappkameraden. In einer mutlos ein Wort das andere gebenden Sprache, in viel zu geschmiert auf den nächsten Slapstick-Moment zurasender Choreographie produziert das sechsköpfige Ensemble eine Art konzertiertes Schulterzucken. Und was könnte deutlicher den Status quo zementieren, als wenn alle Parteien und Perspektiven gleichermaßen lächerlich daherkommen?

Aus verschiedenen Gründen – hier der einsame Holzfäller, dem die ersehnte Frau vor die Füße stolpert, und der karikaturesk überdrehte Politaktivismus, dort die Suche nach vernachlässigtem Urwissen der Region – üben die Figuren den Schulterschluss, beschließen, mit kabelknabbernden Eichhörnchen gemeinsam gegen das Rechenzentrum vorzugehen. Was nicht nur im, sondern auch als Stück fehlschlägt. Als am Ende zufällig ein Glasfaserkabel unter einem Schneehaufen auftaucht, kommt "Hacking Luleå" nicht umhin, das – in den zuschauenden Köpfen längst ausreichend – Naheliegende auch noch zu zeigen: dass nämlich das Hacking (engl. Informatikbegriff) eine sprachliche Nähe zum Hacken (dt. Begriff aus der Forstwirtschaft) aufweist. So geht die aus Berlin angereiste Globalisierungskritikerin also mit der Gummiaxt los auf den Datenschlauch.

 

Hacking Luleå
Stückentwicklung von Konradin Kunze und dem Ensemble
Regie:  Konradin Kunze, Bühne: Léa Dietrich, Dramaturgie:  Kristina Ohmen, Kostüme: Heide Kastler, Licht: Jan Vater, Musik: Octavia Crummenerl.
Mit: Hermann Book, Angelina Häntsch, Jonathan Müller, Johannes Nehlsen, Christine Ochsenhofer, Florens Schmidt.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Konradin Kunze stellte sein Projekt im November auch beim Barcamp des Thalia Theaters zu Fragen von Theater und Internet vor.

 

Kritikenrundschau

Ein wenig mehr Reflexion über die Gefährdungen der totalen Transparenz hätte sich Annette Stiekele von der Tageszeitung Die Welt (8.12.2012) doch gewünscht. Konradin Kunze aber breche das Thema auf eine deftige Boulevardkomödie herunter. Die Anti-Facebook-Revolte, die den Stoff des Stückes biete, ende "mit einem unter Pennälerhumor verwehten Anschlag mit Kabel knabbernden Eichhörnchen.

 

 
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