Der schlimmste Satz

von Christoph Fellmann

Zürich, 19. Dezember 2012. Der Abend beginnt im Schlafzimmer, geht durch einen Supermarkt und die Oper und landet immer wieder auf einer Forumstreppe, die den größten Teil des Bühnenraums einnimmt und auf deren Stufen die "Ährenleserinnen" von Jean-François Millet gemalt sind. Diese Treppe ist nicht nur dazu da, dass das Ensemble sie in einer sehr komischen Szene hinaufschläft, sondern auch zum Debattieren. Zum Beispiel darüber, ob Millet seine Ährenleserinnen seinerzeit dafür bezahlt hat, dass sie ihm Modell sein und "unsterblich" werden durften. Oder ob diese "Musen" damals eine Art von "Praktikantinnen" waren, wie heute die Leute heißen, die kein Geld für ihre Arbeit erhalten. Hier und heute, in der Box des Zürcher Schiffbaus, fehlt die Muse an der Mikrofonstange nämlich, als das Ensemble im Supermarkt so tut, als wolle es eine Filmszene drehen; und das könnte nun tatsächlich daran liegen, dass Statistinnen kein Geld erhalten, oder gerade so gut an ihrer Nikotinsucht.

MachtEsFuerEuch2 560 MatthiasHorn uAuf der Showtreppe: Jan Bluthardt, Patrick Güldenberg, Inga Busch, Jirka Zett © Matthias Horn

"Macht es für euch!", der neue Theaterabend von René Pollesch, geht also nicht nur durch unsere liebsten Ekstaseorte – durch Schlafzimmer, Supermarkt, Oper, for all it's worth. Sondern auch durch die Kunst von Millet und Banksy sowie die philosophischen Texte von Michael Sandel und Robert Pfaller. Ersterer ist gerade mit seiner These in den Feuilletons, wonach der Kapitalismus auch jene Dinge zur Ware gemacht habe, die ursprünglich keine waren (etwa die Mutterschaft). Aber das stimmt nicht, wie leicht einzusehen ist, wenn nicht nur Praktikantinnen für ihre Dienste unbezahlt sind, sondern auch Unfallopfer oder Liebende. Das hier sei der schlimmste Satz unserer Zeit, heißt es bei Pollesch: "Ich mache das hier nicht für Geld." (Sondern aus "Leidenschaft" oder sonst einer Einbildung.)

Spielliebe?

Deutlich mehr Zeit widmet der Autor und Regisseur in seinem neuen Stück aber den Ideen des österreichischen Philosophen Robert Pfaller, wie der sie vor allem in "Wofür es sich zu leben lohnt" formuliert hat. Da geht es um die Beobachtung, dass es Spiele sind, die uns zur Ekstase führen, und nicht "Glauben" oder "Wahrheit": "Spiel doch mal ein Lied, an das ich nicht glaube und das ich nicht für mich halte", heißt es einmal: "Ich will auch etwas fühlen."

MachtEsFuerEuch1 hoch MatthiasHorn uDreh mit oder ohne Praktikanten?
© Matthias Horn
Also dräut bald das "Rheingold" von Richard Wagner, und Jirka Zett spricht mit einem heiligen Ernst, dessen Gespieltheit so wunderbar unterspielt ist, dass man ihn fast glauben möchte: "Gefühle sollen immer da sein. Die sollen auf etwas in uns verweisen, das wir sind. Auf etwas Ursprüngliches in uns. Aber die Gefühle müssen da irgendwie erstmal rein." Und das geht eben nur über die Imitation und das Spiel, aus Abläufen also, die wir eigentlich als "unecht" oder "unwahr" verachten, ohne die wir aber gar nie zum Ernst vorstoßen: "Man kommt nicht, ohne sie zu spielen, an die Liebe heran." Darum also fallen sie an diesem Theaterabend dann doch immer wieder übereinander her, nämlich auf das immer gleiche Stichwort: "Langweilig".

Liebe ohne Spiel

Nun ist dieses "Macht es für euch!" nicht langweilig. Der Abend ist klug, oft lustig und immer menschenfreundlich, wie das immer ist in René Polleschs wunderbarer Art, aus philosophischer und ökonomischer Theorie große Theaterkunst zu machen. Doch ist die Ironie nicht zu übersehen, dass ausgerechnet dieser Abend nicht so recht ins Spiel kommen will. In die hinterwitzige Spielerei, ja, wenn Textzeilen mit dem Smartphone vom Supermarktregal gescannt werden. Aber nicht ins Spiel, von der Theorie ins Theater.

Dass die ganze Aktion auf der Bühne etwas ideenlos wirkt, liegt vielleicht daran, dass René Pollesch an diesem Abend die Balance nicht findet, die seine Stücke sonst so schwerelos macht. Die Leichtigkeit nämlich, wie er aus der Wiederholung, aus der ständigen Variation der Kernthesen, schließlich das Verstehen gewinnt: Sie fehlt hier. Es gibt hier die Redundanzen, die auf dem Zuschauerplatz genau als das ankommen. Und es gibt Gedankengänge, denen man auch in der x-ten Wiederholung hinterherrennt. Dass man zum Beispiel nur aus der Verachtung heraus lieben kann: Man würde es womöglich ja gerne glauben. Würde es einem denn schön vorgespielt.

 

Macht es für euch!
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Chasper Bertschinger, Kostüme: Svenja Gassen, Licht: Markus Keusch, Dramaturgie: Katja Hagedorn.
Mit: Alejandra Cardona, Jan Bluthardt, Inga Busch, Forrest Baumgartner, Patrick Güldenberg, Lahcen Abounacer, Luzian Hirzel, Michelle Steinbeck, Philipp Lüscher, Sarah Andrina Schütz, Yannick Billinger, Jirka Zett.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Teils sei der Abend scharf gedacht und zum Scheckiglachen: "Wie sich etwa einer zu Louis Armstrongs 'We Have All the Time in the World' langsam, langsam die ganze Treppe bis in die Loge hinein hochrollt. 'Grosses Kino', wie es im Stück oft heisst." Davon gebe es allerdings nicht allzu viel in diesen 100 langen, labyrinthischen Minuten, schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (21.12.2012). Der Hymne an die Komödie fehle der Spaß, dem Denkanstoß-Theater fehlen die Kicks und dem tollen Spielfeld das Spiel, das Spiel, aus dem dann eben der Ernst werden könne.

Philipp Ramer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (21.12.2012): Pollesch verhandele zwar die "Durchökonomisierung aller Lebensbereiche, die (Selbst-)Ausbeutung im Globalisierungszeitalter oder die Normen und Bedingungen des eigenen theatralen Schaffens" immer aufs Neue. Verzichte dabei jedoch nicht auf "aufwendige Bühnenausstattung". Chasper Bertschingers zweistöckige Bühne sei ein "hochartifizielles Setting", in dem Pollesch seine "Figuren (vielleicht besser: Personen, Stimmen)" verhandeln lasse. Pollesch-Veteranin Inga Busch sinniere: "Ich denke, die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Richtig?" das bringe den Diskurs "ins Rollen". Das Filmteam spiele mit und "inszeniert zugleich die Inszenierung der Inszenierung". Was nach "viel trockener Theorielast" klinge, komme "in Wahrheit" als "ungemein beschwingte, farbige, hoch unterhaltsame Darbietung daher", eine Lustfahrt. Unter den Schauspielern besteche Jirka Zett durch eine "einnehmende, wunderbar entschleunigte Diktion" – ein Glücksfall für die Polleschsche Dramaturgie.

Aus Polleschs Stück treten immer wieder unterforderte Schauspieler, unterbezahlte Praktikanten und Pfaller-Leserinnen hervor, um eine Brecht'sche Zigarettenpause einzulegen, "das ist anfangs nicht ohne Komik, erschöpft sich aber bald in Redundanzen, augenzwinkernden Schauspielerspielchen und nachlässig gepflückten Lesefrüchten", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.12.2012). "Die Zuschauer haben das Nachsehen und dürfen am Ende froh sein, dass sie beim finalen Check nicht als unbezahlte Mitspieler einbezogen werden. Polleschs Hymne auf das Theaterspielen als Erkenntnis komme seinem Ideal eines "Theaters ohne Publikum" schon ziemlich nahe.

Catarina von Wedemeyer schreibt in der tageszeitung (9.1.2013) von "Ganz großem Tennis!" Pollesch stelle "eine These des amerikanischen Philosophen Michael Sandel auf den Kopf". Sandel beklage das "allgemeine Verkapitalisieren" - Pollesch decke auf, dass diese Sicht ziemlich reaktionär sei. "Denn bedeutet sie nicht auch, dass Mutterliebe oder Praktikantenarbeit stillschweigend weiter gratis funktionieren sollen? Dabei würde sich die Praktikantin durchaus freuen, als Ware behandelt zu werden." Wie üblich gebe es "keine Geschichte, dafür aber live verkörperte Theorie". Das sei "aufregender und komischer", als es klinge. "Inga Busch zum Beispiel ist sie selbst, die sich selbst spielt, die eine Schauspielerin ist, die in einem Theaterstück mitspielt, in dem sie eine Filmschauspielerin ist. Aber manchmal steigt sie einfach aus dem Stück aus ...". Wenn die Schauspieler den Text vergäßen, mache das nichts: dieser Trick bestätige nur das Plädoyer des Philosophen Robert Pfaller dafür, "die anwesende Körperlichkeit einmal ernster zu nehmen als diese ständige Innerlichkeit".

 

 
Kommentar schreiben