Brimborium mit Diamantenjägern

von Marcus Hladek

Frankfurt, 1. Februar 2013. Was immer man von Kevin Rittbergers jüngstem Stück halten mag, die wissenschaftlichen Fakten hat es jedenfalls ganz richtig. Denn ja: das titelgebende Mineral existiert und trägt gern Diamanten mit sich durch den Erdmantel. Und ja, auch den wärmedämmenden Kunst- und Baustoff Neopor gibt es. Der Gerfalke dient wirklich seit dem Mittelalter als Fürstenspielzeug für die Beiz und ist als "Schnee"-Falke wie der, mit dem Lisa Stiegler in Hauke Kleinschmidts Video umgeht, am allerwertvollsten. Ein wahres Naturalienkabinett also, von dem man aber leider nicht recht zu sagen weiß, ob es Welthaltigkeit signalisiert oder sie doch nur zweckfrei in die Bühnensprache trickst. Von der Erdfeuer-festesten Sorte ist Rittbergers Geschichte nämlich mitnichten.

kimberlit5 h280 birgi hupfeld uSag mir, wo Opas Zähne sind ...
© Birgit Hupfeld

Post-Post-Postapokalyptische Reise

"Kimberlit" handelt von rund sieben Personen in einer schwach definierten Endzeit, die in der Regie von Samuel Weiss ohne merkliche Verluste auf ein Darsteller-Trio zusammenschmelzen. Weiss gibt, als Premierenersatz für den krankheitshalber ausgefallenen Mathis Reinhardt, vom komödiantischen Ansager-Auftritt an die Multiplex-Figur in diesem Septett. Denn außer dem halbtoten Opa Friedrich mit den Wechselperücken sind ihm Textfetzen des Mineralogen, des Falknergehilfen und des Bauleiters anvertraut. Auch setzt er als "Anekdote" mal eben eine Richter-Perücke auf und verkündet Weisheiten von der vorgestreckten Schriftrolle.

Apokalypse heißt hier: Europa ist nur noch zum Wegrennen. Was, damit es jeder kapiert, auch mehrfach ausgesprochen wird. So geht es alsbald im Auto durch den leeren Kontinent zu einem in die Falknerei verliebten, megareichen Scheich in Marokko oder sonstwohin. Eine Notgemeinschaft auf Reisen ist das, die dem Wüstenpotentaten Opa Friedrich (Samuel Weiss) bringt, weil sich sein Lieblingsfalke nach dem komischen Nazi-Alten mit dem Hitlergruß-Reflex verzehrt, der sein Vorbesitzer war. Oder so ähnlich. Denn dass es im Detail auf den Vorwand zur lyrisierend-allegorischen, post-post-postapokalyptischen Reise per Auto statt Floß ankäme, lässt sich nämlich kaum behaupten. Eine extreme Quatsch-Kolportage von Plot also.

Eingangs findet unser Trio zusammen, als sich Lisa Stiegler als Diane vom Mittsommernachtswolf (!) für den letzten Menschen hält: die letzte Altenpflegerin des in der Scheiße erstickenden Altenheims Europa. Aus welcher Zombie-Fernsehserie kommt dieses Motiv noch? Na, egal. Jedenfalls taucht dann Vincent Glander auf, der als Earl Grobe jr. genau wie sie (silbern und golden) und der Opa (rosa-mauve) silbernes Glitzerzeug zu anderen Kostümteilen trägt: es lebe der Zirkus. Dass er ihr im Namen des Scheichs ihren Lieblings-Senioren Friedrich wegnimmt, bringt die beiden dank Opas vergessener dritter Zähne zusammen, bis sie in der filmischen Hotel-Episode gar zum Liebespaar werden. Die Dritten als handlungsstiftendes Element: die ultimativ-ironische Schwundform des schillerschen Brief-Requisits.

Die den Totenschädel andichtet

Dass sich das wie Schwachsinn anhört, müsste per se noch nichts gegen das Stück des vielgelobten Jungdramatikers sagen. Doch Weiss, so beschleicht es einen, hätte seine komödiantisch-mediale Clownerie ohne Clowns, die dank Ralph Zeger (Bühne, Kostüme) und mit Hilfe rollbarer Eisenkästen dem Fabrik-Charme der Halle Tribut zollt, nicht ohne zugleich von ferne ans Holocaust-Mahnmal in Berlin zu erinnern, freilich geradeso gut mit dem Telefonbuch als Textgrundlage inszenieren können.

Immerhin, das alles unterhält wie eine flotte Revue. Wenn Lisa Stiegler mit der Hebebühne zu den Himmelsfenstern an der Decke emporfährt und dort monologisiert oder zu gleichem Behufe in den Sandkasten steigt und den Totenschädel darin andichtet, gefällt gewiss auch, so gut wie zweckfrei, ihre darstellerische Artistik.

Nur hat das Wie hier arg wenig mit dem Was zu tun. Und das liegt letztlich eben doch daran, dass Rittbergers Brimborium, Verzeihung: Bestiarium, aus Diamantenjägern (Weiss entblödet sich nicht einmal, "Diamonds Are Forever" einzumontieren), Fata-Morgana-Tigern und putzigen Sand- gleich Luftschlössern selber wie eine Luftspiegelung von Harald Muellers Endzeit-Erfolgsstück von anno dunnemals Totenfloß daherkommt – eine Generation und umfänglich mediengeschädigt später. Spaß ja, Substanz nein.

 

Kimberlit. Ein Bestiarium (UA)
von Kevin Rittberger
Regie: Samuel Weiss, Bühne und Kostüme: Ralph Zeger, Video: Hauke Kleinschmidt, Choreografie/Regieassistenz: Leonie Kubigsteltig, Dramaturgie: Henrieke Beuthner.
Mit: Lisa Stiegler, Vincent Glander, Samuel Weiss als Premieren-Ersatz für Mathis Reinhardt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Regisseur Samuel Weiss zeige in dieser Uraufführung "wohldosierte Grenzüberschreitungen im Zukunftslaboratorium Theater", sagt Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (2.2.2013). Fast alle von Rittbergers verschachtelten szenischen Bildern hätten einen doppelten Boden. "Es ist Sand im Getriebe der schönen neuen Welt des Fortschritts." Am Ende stehe die Erkenntnis: "Im Windschatten der Moderne schwanken die Gespenster der totalitären Vergangenheit. Unerkannt, wie Sand an den Schuhsohlen, werden sie über alle Grenzen mitgeschleppt." Dass diese Einsicht unabweisbar sei und doch ohne Zeigefinger auskomme, verdanke sich der Regie- und Schauspielkunst von Samuel Weiss. "Und seinen beiden Schauspielern, der phänomenalen Lisa Stiegler und Vincent Glander, virtuosen Komikern und Menschendarstellern."

Als faszinierendes Theaterroadmovie, das mit orientalischer Fabuliererei, Exkursen und Geschichten in dunklen Farben glimme, beschreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (6.2.2013) Kevin Rittbergers neues Stück. Zum Bedauern des Kritikers jedoch forciert Regisseur Samuel Weiss (auch als Mitspieler) "in diversen aberwitzigen Figuren die Komik derartig, dass dem Text keine Luft, kein Raum mehr bleibt, so offen und weit die Bühne im Frankfurter Lab auch sein mag." Das ein oder andere sei sogar wirklich witzig. "Aber Rittbergers Nachdenken über Europa und Afrika geht dabei japsend die Luft aus."

 

 
Kommentar schreiben