Es geht um die Wurst

von Dorothea Marcus

Essen, 6. April 2013. Im kleinen Bratwurst-Wagen auf Kunstrasen stehen zwar nur kleine Spirituosenfläschchen herum, aber hier geht's trotzdem um Gammelfleisch. Innen drin rackert sich der Godehard ab, mit Fleischerschürze, bleichen Armen und grünen Gummihandschuhen – alles muss sauber sein. Wenn man schon mal einen Job hat. Mit derbem Charme strömt dem ehemaligen Arbeitslosen ein atemloser innerer Monolog über die Grundlagen seines "kleinen Glücks" aus dem Mund: Arbeiten und Ficken. Alles läuft gerade gut für ihn – frisch verheiratet mit Ilse, neuer Job. Aber was ist, wenn die Würste, die man verkauft, für 5 Cent aus dem Fleisch-Abfall kommen, mit Arsen frisch gemacht werden und dadurch Menschenleben gefährden?

Kaleidoskop der Unsympathlinge

Achim Dillenberger gibt Godehard das redliche, stets leicht erstaunt blickende Gesicht eines echten Malochers, der mit seinem Gewissen kämpft und in dessen Kopf das moralische Dilemma brodelt. Denn obwohl sein Chef dem gerade noch Arbeitslosen den Geschäftsführerposten über das lokale Bratwurstimperium angetragen hat, will Godewald seine Kunden nicht vergiften. Und dann kommt auch noch die Schwiegermutter vorbei und beschimpft den "Versagerschwiegersohn" in unflätigem Dauersermon. Ines Krug in Pferdeschwanz, Ledermini und -weste zeigt eine tyrannische, zwangsjugendliche Ruhrgebiets-Mutti und Dampf-Keiferin. Kein Wunder, dass ihre Tochter Ilse (Floriane Kleinpaß) zwar kunstblond ist, aber ansonsten ziemlich schüchtern, naiv und schwärmerisch.

VerpissDich3 560 ThiloBeu uAchim Dillenberger als schlechtgewissiger Malocher Godehard. © Thilo BeuWarum sie sich in den Godehard verliebt hat, den sie geradezu anhimmelt, kann man sich eigentlich nur so erklären, dass er der einzig halbwegs redliche Typ in diesem Kaleidoskop aus rohen Unsympathlingen ist, das der Autor Hartmut Musewald hier geschaffen hat. Es gipfelt im Auftauchen von Herbert, dem geschmeidigen und skrupellosen Kapitalistenschwein und Lebemann, den Jens Ochlast charmant und jovial spielt. Warum er allerdings ausgerechnet den moralisch zerrissenen Godehard halten will, wird nicht so recht klar. Ein Ereignis ist Herberts vollbusige Extension-Ehefrau Carmen (Lisa Jopt) mit Schlauchkleid und Schoßhündchen, das alsbald im Toiletteneimer entsorgt wird. Sie unterstützt die Geschäftsführer-Aquise mit einer kleinen Verführungsnummer, der Godewald nicht widerstehen kann und nennt es dann "Schinderei auf dem Weichpimmel". Zu Bumbum-Techno wackelt die gnädig geschlossene Imbissbude rhythmisch.

Was auf der Bühne erst langsam und etwas langatmig mit langen Monologen begann, steigert sich alsbald zu einer derben Farce, in der die Bratwürste fliegen, zum Phallus werden, an dem Mutter Else, die auch noch was vom Leben haben will, den erfolgreichen Herbert in die Ecke zieht. Verschwenderisch wird hier mit allerlei kalauerhaften Wurst-Metaphern gespielt.

Blutiges Grand Guignol

Im zweiten Teil steigert sich das Ganze, sicher auch durch die klug straffende Regie von Matthias Kaschig, zu einem klamaukigen Volksstück und blutigem Grand Guignol, das vor Zynismus nur so trieft. Man meint, sie irgendwo alle schon mal gesehen zu haben, diese Typen, es sind Kondensationen von Gesellschaftsphänomen wie Egoismus, Raffgier, bornierter Selbstbezogenheit, Karikaturen hohler Fernseh-Kunstfiguren.

VerpissDich1 560 ThiloBeu uKarikaturen im Planschbecken. © Thilo BeuSie versammeln sich alle im bonbonfarbigen Planschbecken, spritzen sich mit Gartenschläuchen nass, jeder will Vorteil von jedem – das muss tödlich entgleisen. Carmen setzt sich mit nassem T-Shirt über ihrem prallen Bikini in Szene und allein der entsetzte und mitleidige Blick von Lisa Jopt auf Ilse im Bikini ist sehenswert: Sie spiegelt eine Welt, in der jene künstliche Selbstoptimierung des eigenen Fleisches, die täglich auf die Netzhaut dröhnt, schon zutiefst internalisiert ist.

Ruhrpott-Kolorit mit Wut-Gestus

Wenn man nicht gelesen hätte, er lebe in Schwerin, hielte man den Urheber dieses Stücks für einen Sohn des Ruhrgebiets, seine Figuren verströmen ein von Regie und Kostüm dezent betontes Lokalkolorit. Der Nachwuchsautor der Stunde Hartmut Musewald ist ein freundlich aussehender, ergrauter Herr von 62 Jahren, der jahrzehntelang als Lokalredakteur und Fotograf tätig war, diverse selbst geschriebene Krimis an Verlage geschickt und mit diesem einen, zum Bühnenstück umgearbeitet, jetzt einen derben Knaller geschaffen hat. Ihm eignet ein Wut-Gestus, der nicht anbiedernd oder klischeehaft wirkt, sondern entlarvend.

Auch wenn nicht alles logisch nachvollziehbar ist, und die Sprache unflätig, derb, von der Straße geholt wirkt, liegt sie den Schauspielern gut im Mund. In einer kurzen Stunde entwickelt das Stück so einen rasanten Sog, ist eine durchgeknallte Warnung auf das, was einer Gesellschaft blüht, in der sich jeder selbst der nächste ist. Und es ist schön, dass das mit der schmutzigen Metapher Fleisch passiert: Wir essen Dreck, wir behandeln uns gegenseitig wie Dreck. Das ist es, was uns droht: die totale Verrohung.

 

Verpiss dich gewiss (UA)
von Hartmut Musewald
Regie: Matthias Kaschig, Bühne und Kostüme: Jürgen Höth, Musik: Tobias Vethake, Dramaturgie: Judith Heese, Licht: Daniela Schulz, Ton: Markus Schmiedel.
Mit: Armin Dillenberger, Floriane Kleinpaß, Ines Krug, Jens Ochlast, Lisa Jopt.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Das Stück "Verpiss dich gewiss" war das Siegerstück der ersten Essener Autorentage "Stück auf!" 2012. In der Jury saßen Hans-Jürgen Drescher (Leiter der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg), Stefan Keim (Theaterkritiker), Philipp Löhle (Dramatiker), Armin Petras (Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin) und Vera Ring (Chefdramaturgin am Schauspiel Essen).

 

Kritikenrundschau

Einer "lustvoll überdrehten Stunde", in der es "oft ums Fleisch – aber auch um das dünne Häutchen der Zivilisation" gehe, hat Martina Schürmann für das Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen derwesten.de (7.4.2013) in Essen erlebt. Musewald habe ein Volksstück "geschrieben, das sich wie einst bei Werner Schwab tief durch die menschlichen Gedärme einen Weg zum Herzen seiner Figuren sucht." Regisseur Matthias Kaschig gebe Musewalds spätem "Bühnenerstling, diesem etwas aus der Form gefallenen Hybriden aus Lebensmittel-Krimi und Gewissensdrama, in der Casa des Schauspiels Essen dabei alle Freiheiten der bösen Farce, bis die Würste fliegen und das Kunstblut spritzt".

Brita Helmbold schreibt in den Ruhrnachrichten (7.4.2013): "Matthias Kaschig hat das tragikomische Stück um Gammelfleisch, fleischliche Lüste und schlechtes Gewissen munter-klamaukig mit fliegenden (Phallus-)Würsten in Szene gesetzt. In dieser Farce ist nicht nur die Sprache der Unterschichtsfiguren (treffend von Jürgen Höth eingekleidet) ausgesprochen derb, sondern auch der Umgang der Protagonisten miteinander, der von der Verrohung der Gesellschaft erzählt."

 

 
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