Der Rausch des Entsetzens ist verflogen

von Hartmut Krug

Wien, 14. April 2013. Sie ist eine Untote, die Ahnfrau derer von Borotin. Vor Zeiten betrog sie ihren ungeliebten Mann und wurde von ihm erstochen. Nun hängt die Todeswaffe im gotischen Saal der Borotinschen Burg, in dem Graf Zdenko als letzter seines Geschlechts mit seiner jungen Tochter Berta haust, und die Ahnfrau geistert als Bertas Ebenbild, Unheil anzeigend, zwischen ihnen umher. Der Sage nach soll sie erst mit dem Untergang des Hauses zur Ruhe kommen. Beides wird ihr und uns mit diesem Stück geboten, dessen Quellen Schauer- und Abenteuer-Romane sind.

Franz Grillparzer war fünfundzwanzig, als ihm 1816 "Die Ahnfrau" zu einem Riesenerfolg wurde. Nach der Uraufführung Ende Januar 1817 im Theater an der Wien hieß es: "Es ging ein Rausch des Beifalls, aber auch des Entsetzens durch Wien." München, Dresden, Hamburg und 1824 das Burgtheater zeigten die nächsten Inszenierungen des Stückes, das nach einer umfangreichen Tournee der Meininger als Repertoirestück des 19. Jahrhunderts zu Ehren kam. Dann aber wurde es bis heute vergessen.

Nicht Parodie, nicht Schicksalsernst

Wer diese alte Scharteke ausgräbt, muss gute Gründe dafür haben. Denn das langatmige, existentiell leidenschaftliche und bei der Lektüre mit unfreiwilliger Komik unterhaltende Stück klappert laut in seinen Unheils-Scharnieren, und auch seine vierfüßigen Trochäen helfen dem hochfahrenden und allzu hohl bedeutungsvoll klingenden Text eher nicht.

Leider aber verrät uns Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann mit seiner Inszenierung nicht, was ihn an diesem Stück interessiert. Weder präsentiert er uns eine konsequente Parodie des Genres, als die das Stück heute gut durchgehen mag, noch nimmt er es als Schicksalstragödie ernst. Er umspielt nur den Text – und das recht ungelenk. Wir sehen ein buntes Allerlei von theatralen Mitteln in einer dramaturgisch und inszenatorisch unentschiedenen Form, die das kräftig auf zwei Stunden eingekürzte Redestück noch immer lang wirken und recht zäh dahinfließen lassen.

Ausdruckstanz und expressive Übersteuerung

Zwischen die Säulen des leeren, offenen Kasinos sind Stühle mit Pulten gestellt. Von hier aus wird agiert, vor allem aber vorgelesen. Überall im Raum brennen Kerzen, wenn Ignaz Kirchners Graf Borodin die Regieanweisungen mitspricht und das Publikum, zwischen Vorspiel und Vortrag,  durchs Geschehen führt. Hier wird nicht Realismus geboten, sondern sich im Irgendwie von Stil und Bedeutung versucht. Da spricht Kirchner anfangs mit hoher Stimme auch die Sätze seiner Tochter Berta, bis diese, ausgestattet mit Mehrtagesbart und bodenlangem weißen Glitzerkleid, von ihrem Darsteller Maik Solbach mit zart gefühliger Stimme zwischen absichtlicher und unabsichtlicher Komik zum Klischee gemacht wird.ahnfrau1 560 reinhard werner uDunkel war's, die Kerzen brannten helle: Sven Dolinski als Ahnfrau sowie Ignaz Kirchner als Graf.
© Reinhard Werner

Ihr darstellerischer Gegenpol ist Oliver Masucci als Jaromir von Eschen, der sie vor den Räubern rettete. Nun lieben sie sich heiß und werden einander vom Vater versprochen. Da Jaromir aber eigentlich ein mörderischer Räuberhauptmann ist, bewegt sich Masucci mit lauter und expressiver Übersteuerung durch die Rolle. Während Kirchner des Grafen Verzweiflung ernsthaft gestaltet, verhampelt sich die Ahnfrau bei ihren stummen Auftritten in eine ausdruckstänzerische Lächerlichkeit. Hier spielt jeder zwischen Ernst und Unsinn, wie es ihm gefällt. Immerhin werden die kleineren Rollen von Hauptmann, Kastellan und Soldat einfach und einprägsam gegeben – schließlich besitzt das Burgtheater ein vorzügliches Ensemble. Dann aber gibt es natürlich auch etwas Video, und man zeigt dem Kollegen beim Spiel im Spiel gelegentlich im Textbuch, was zu sagen ist oder was ihm gleich passiert.

Interesselose Gelassenheit

Oft werden Texte von einem Darsteller erzählt und zugleich vom Musiker am Klavier gesungen – irgendwie muss eben Atmosphäre her. Wenn sich der Räuber Jaromir auch noch als Borotins tot geglaubter Sohn entpuppt, der seinen ihm unbekannten Vater mit dem historischen Dolch der Ahnfrau (!) ersticht, dann erfahren wir auch, warum sich im Hintergrund ein Stuhlberg bis zur Decke türmt – denn der tote Borotin schleudert seinen Stuhl dorthin, auf den Haufen seiner Vorfahren. Nur um später, mit dem ebenfalls toten Liebespaar, in neuer Stuhlreihe in der Gruft zu sitzen.

Die eingesetzten Mittel in dieser einem Studententheater-Bastelabend ähnelnden Inszenierung wirken recht zufällig. Das Publikum hielt sich an die offenkundigen Gags und driftete sonst in interesselose Gelassenheit ab. Hartmanns Inszenierung liefert Betriebsamkeitstheater zwischen leichtem Unsinn und schwer verkrampfter Sinnhaftigkeit. Nichts mehr von einem Rausch des Beifalls und des Entsetzens wie bei der Uraufführung, nur geduldiger Applaus. Eben totes Theater.

 

Die Ahnfrau
von Franz Grillparzer
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Victoria Behr, Video: Stephan Komitsch, Moritz Grewenig, Musik: Karsten Riedel, Licht: Peter Brandl, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Ignaz Kirchner, Maik Solbach, Oliver Masucci, Johann Adam Oest, Franz J. Csencsits, Sven Dolinski.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Grillparzer am Burgtheater erlebte man zuletzt bei Die Jüdin von Toledo, inszeniert von Stephan Kimmig.

 

Kritikenrundschau

Martin Lhotzky berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.4.2013) von Kindereien wie einem "gefährlich grün aufleuchtenden Giftfläschchen", einem "fluchbeladenen Dolch" und knarrenden Türen. Dem Anlass angemessen, befindet er, und schüttelt den Kopf über Franz Grillparzer Frühwerk "Die Ahnfrau". Ein "groß angekündigter" Austria-Schwerpunkt verschaffe Matthias Hartmann die Rechtfertigung, die unsägliche "Schmonzette" auszugraben. Weil es so schrecklich sei, setze Hartmann auf Ironie. Ein Sesselberg, Lesepulte, Kerzen, Karsten Riedel mache Geräusche. Ignaz Kirchner mit "gewohnter Verve", Maik Solbach als Tochter Berta mit "unerwartetem Liebreiz" und "passender Übertreibung", mit "geübter Körperlichkeit" Oliver Masucci als junger Wüterich. Johann Adam Oest ziehe buschige Augenbrauen hoch. Witzig. Für ein Stündchen. Leider dauere der Abend aber knapp zwei.

In der Wiener Zeitung Der Standard (16.4.2013) schreibt Ronald Pohl: Hartmann Besetzung der Damen mit Herren verbreite umgehend eine Atmosphäre des "Unernstes". Hätte diese "szenische Etüde" Augen, sie würde "unentwegt ins Publikum blinzeln": Er "kann schon etwas, der Grillparzer". Aber man halte ihn sich vom Leib. Mit "Deutungsabsichten" hätten sich Hartmann und sein Team "erkennbar nicht getragen". Ins Auge steche die "Mokanz" des Unternehmens. Handelte es sich hierbei um das "Erzeugnis einer Mittelbühne", man wäre schlichtweg von den Socken. So schieße man "mit Staatstheaterkanonen auf Spatzen", um nichts zu zeigen.

Eine etwas grundlegendere Erörterung über das Österreichische in der Burg bietet Barbara Petsch in der Wiener Zeitung Die Presse (16.4.2013): Mit Abstand gelesen, wirke "Die Ahnfrau" überaus "reich und poetisch". Grillparzer habe 1817 ein "morsches Staatsgebilde" gezeichnet, in dem "verfeinerte Umgangsformen" von "Gewalt und Anarchie hinweggefegt" werden. Das bilde die "Monarchie und ihre Nationalitätenkonflikte" ab. Auch heute sei dies gültig – im Sinne eines "finsteren, undurchschaubaren Waltens". Hartmann wandere allerdings "leichten Fußes" und pfeife dabei ein Liedchen. Die Aufführung habe "große bildnerische und musikalische Qualitäten", mit der Schwere dessen, was hier verhandelt wird, komme sie jedoch nicht zurecht, obwohl sich die Schauspieler "Mühe" gäben. Mangels österreichischer Schauspieler an der Burg fehle eine "gewisse larmoyante, fatalistische Note, Emotion, Tiefe", was zu Grillparzer gehöre, aber nicht zum "ironisch gefärbten Spielstil von heute" passe. Das Ingredienz Pathos, das zur Bühnenkunst gehöre, bringe Karsten Riedel mit seinen Popballaden durch die Hintertür wider herein. Die Aufführung sei "ansehnlich und keine Parodie". Das Werk stehe im Mittelpunkt.

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (16.4.2013): Grillparzers "Ahnfrau" sei ein Text wie ein "gotisches Chorgestühl: dunkel, reich verziert und ohne Ausgang". Das kümmere Matthias Hartmann wenig. Aus Grillparzers "erlesener Verzopftheit" mache er "flotten Quatsch mit Ignaz Kirchner und fünf weiteren Kerlen, die das Stück lesen, lernen und inklusive der Regieanweisungen vorsprechen und dabei herumsausen und vor einem tollen Riesenhaufen von Stühlen und zwischen vielen Kerzen alles tun, um den hilflosen Text zu verarschen".

 

 

 

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