Tanz mich ans Ende der Liebe!

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 18. Mai 2013. Das Leben ist doch nur ein Traum, geträumt von einem Riesen, den eine Fliege an der Nase kitzelt. Ein großes Rund von Tischen, weiß eingedeckt, steht auf der Bühne, in seiner Mitte: eine kleine, runde Bühne, umweht von weißen Stoffbahnen. Aber die Tische stehen nicht, sie fahren, denn dieser Speisesaal ineinander verwobener Schicksale dreht sich unaufhörlich. Die Drehbühne kreist, der Nacken zuckt nach rechts, doch nein, der Blick muss nicht wandern, die Schauspieler laufen, tanzen, klettern und kaspern in die Gegenrichtung. Die Drehbühne zermahlt die Zeit, ihr sanftes Gleiten bringt steten Wechsel. Am Ende dieses langen, langen Abends werden die Jungen rasch gealtert sein und mit einer Erschöpfung von ihrem Leben sprechen, dass einem das kalte Grausen kommt.

Verlorene Träume, vergeudete Leben

Regisseur Andreas Kriegenburg hat sich im Großen Haus des Schauspiel Frankfurt Tschechows "Die Möwe" vorgenommen, diese zartbittere Komödie, in der in der Sommerfrische lauter komisch-verunglückte Existenzen aufeinander treffen, um sich ihre verlorenen Träume und vergeudeten Leben um die Ohren zu hauen, sich in Lieben zu verstricken und Avantgardetheater zu machen – predigt der Möchtegernschriftsteller Kostja doch neue Formen.

diemoewe2 560 birgit hupfeld uKreislauf und Gegenrichtung: Die Möwe © Birgit Hupfeld

Es ist Kriegenburgs dritte Inszenierung in Frankfurt, und sie ist die unentschiedenste: Goldonis Diener zweier Herren stellte er in eine Zirkusarena, die von den Schauspielern erklommen werden musste, ein leb- und zauberhafter Theaterabend. Goethes Stella stellte er in ein herbstliches Liebeskummerreich, in dem sich weltfern Gefühle bäumten. "Die Möwe" nun ist bis zum vierten Akt von träumerischer, bittersüßer Leichtigkeit.

Beim Spiel des Spiels verirren

Mascha (Katharina Bach) und Medwedenko (Nico Holonics) tragen weite Hosen, bis unter die Brust an Hosenträgern hochgerafft. Kostja (Mathis Reinhardt) zaubert eine Münze hinter dem Ohr seines Onkels (Felix von Manteuffel) hervor, doch als Mascha versucht, ihren Strohhut mit einem Nicken in den weiten Hosenbund fallen zu lassen, hat er kein Auge für sie. Kostjas Mutter, die Schauspielerin Arkadina (Bettina Hoppe) rauscht à la Sarah Bernhardt zwischen den Tischen umher, die Schleppe ihres Mantels wischt nachlässig den Boden auf. Ihr Geliebter, der Schriftsteller Trigorin (Marc Oliver Schulze), ist eine hagere Witzgestalt in Oversize-Klamotten, die lieber angelt als zu sprechen. Die eigene Unzufriedenheit dieser clownesquen Figuren, ihr Jammertal, ist ihnen immer auch ein Spielball, ein Absprungbrett für eine Konversation, ein Scherz auf eigene Kosten. Sie alle spielen, und sie spielen das Spielen. Dass man sich zwischen den Ebenen verirren kann, ist der Preis der Beute.

Der licht-bewegte Raum ewigen Stillstands ist dabei ein ebenso schlichtes wie überzeugendes Bild für ihre innere Erstarrtheit. Denn Veränderung ist in diesem ländlichen Idyll keine Option, allenfalls ein rhetorisches Mittel. Die Szenerie scheint bald zu schweben: Die hell gekleideten Schauspieler sind zwischen dem weiß ausgeschlagenen Bühnenrund, weißem Mobiliar und Boden bestens getarnt, in all dem Gleißen meint man, ein sommerliches Lüftchen zu spüren. Wie ein warmer Traum vergeht ein Sommerabend, der Alp von Kostjas verhöhnten Premiere, schon dämmert der Morgen herauf, die Tische tragen nun Blumensträuße, Obstschalen und einen Samowar.

Zeit- und ortloses Regietheater

Nein, das sind keine neuen Formen, das ist seltsam zeit- und ortloses Regietheater. Doch als man Willens ist, sich diesem schwül vor sich hindämmernden Treiben, diesem Leiden am Leben, in das ein "Trotzdem!" tönt, hinzugeben, da wird es kühl. Während das Leben gerade als Spielplatz etabliert wurde, wird es ernst um die Liebe und bleiern wird die Zeit.

Während Mascha und ihr Lehrer im vierten Akt quasi den Running Gag machen und Mascha jede Zärtlichkeit der anderen mit ihrem ungeliebten Gatten nachahmt auf der Suche nach einem Funken Leidenschaft, während sich also Mascha eine Pflaume in den Mund stopft, um sie dem blutleeren Medwedenko triefend anzubieten, wird die Komödie der Traurigkeit (mit Hausmusik!) zum Trauerspiel. Lisa Stieglers Nina ist ganz Verlegenheit und Not, windet und faltet sich, während Kostja vergeblich versucht, die Hand seiner Angebeteten zu ergattern. Was zuvor Traum war und achselzuckendes Hineinhüpfen in die Absurdität des Lebens, wird plötzlich zum Melodram und unfreiwillig lächerlich. Und da man den Teufel nur mit dem Beelzebub austreiben kann, hilft dagegen nur der Nachhall des zuvor eingespielten Leonard-Cohen-Songs:

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic till I'm gathered safely in
Touch me with your naked hand or touch me with your glove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Die Möwe
von Anton Tschechow, deutsch von Frank-Patrick Steckel
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Katharina Kownatzki, Licht: Jan Walther, Dramaturgie: Alexandra Althoff.
Mit: Bettina Hoppe, Mathis Reinhardt, Felix von Manteuffel, Lisa Stiegler, Michael Benthin, Stephanie Eidt, Katharina Bach, Mac Oliver Schulze, Till Weinheimer, Nico Holonics.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (21.5.2013): Die Aufführung sei "wie ein langer, leiser Seufzer". Es sei, wie wenn Tschechows "Möwe" noch einmal neu geboren würde. Dieses merkwürdige Glück des Zuschauers funktioniere, weil diese Russen auf der Bühne gar nicht unglücklich seien. Die vier Jungen, der Lehrer, Mascha, Nina und Kostja, "unwiderstehlich gespielt", seien die "Helden dieser Aufführung". Die "Verzweiflung des Endes" stecke nicht schon im Aufbruch. Die "verstreichende Zeit" sei vielleicht das Allerschönste an diesem schönen Abend. Dass das Spiel der Schauspieler zugleich "so leicht und intensiv" wirke, sei Kriegenburgs "Drehturm" zu verdanken. Vor Kriegenburg "Möwe", die Tschechows Stück noch einmal leben lasse, spüre man: "wir sind das nicht mehr". Man sehe und höre "einer versunkenen Welt" zu, "die man noch sehr gut kennt und die man irgendwie auch liebt, von der man aber doch genau weiß, dass sie für immer vergangen ist".

"Schonungslos entlarvt Regisseur Andreas Kriegenburg, dass von allen Verführungs- und Vernichtungsarten die der Kunst die vielleicht wirkungsmächtigste ist", sagt Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (19.5.2013). Das Prinzip poetisch beflügelter Hoffnung oder ästhetisch grundierter Sinngebung werde bis auf den letzten Rest verhackstückt. "Und dieser Desillusionierung haftet nichts noch irgendwie Tröstliches an." Ja Trostbedürftigkeit selbst sei in dieser Welt zu einem leeren Gestus verkommen. "Schade nur, dass dieser sinnlichen und klugen Aufführung mit ihren hinreißenden Menschendarstellern die Balance der ambivalenten Gefühle: die Trauer über ein verfehltes Leben als Subtext unter dem tragikomischen Gerede und der Langeweile hin und wieder verloren geht."

"Als Bühnenbildner hat Andreas Kriegenburg, der als Regisseur ein Traumspiel inszenieren möchte, dafür ein wunderbares Bild gefunden", schreibt Dieter Bartetzko in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.5.2013): "Durchscheinende cremeweiße Stoffbahnen umhüllen die Szene, von oben hängt in der Mitte ein propellerartiges Stangengebilde mit weiteren Stoffbahnen herab, anfangs als das Zelt im Park dienend, in dem Nina Kostja erstes Stück deklamiert, später, sich leise drehend, ein Verweis auf die Windmühlenflügel Don Quichottes, dessen klägliche Abbilder die Protagonisten sind." Leider erschienen die Schauspieler darin (mit Ausnahmen) "allesamt ihre Texte und Attitüden präzis abspulend wie Spielautomaten aus Carrolls Wunderland." Wenn sie ihre Verzweiflung, ihren Überdruss und ihre Enttäuschungen herausschrieen, schrieen sie nicht, sondern keiften; "Spiel auf Wirkung." Besonders Bettina Hoppes Arkadina fehle "alles Flirrende (…), die Ängstlichkeit, die Selbstvorwürfe, die Lust am Bösen und die Furcht dieser Frau, sich ins Gesicht sehen zu müssen; Holzschnitt statt Traumleben. Grandios sei aber immerhin der Schlussdialog zwischen Nina und Kostja. "Plötzlich herrschte atemlose Stille, machte Lisa Stiegler beklemmend deutlich, was Hörigkeit und Durchhalten aus Hoffnungslosigkeit bedeuten, und Mathis Reinhardts sterbensmüd mutiger, an sich und an Nina statt an den Ichsüchtigen ringsum verzweifelnder Kostja war nun der, den kein Selbstbetrug mehr vom Selbstmord abhalten konnte."

Von einem "bittersüßen Meisterwerk" und "Theatertraum" spricht Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (24.5.2013). Schon der Raum, den Kriegenburg für seine Inszenierung gebaut hat, entlockt ihm "wohlige Seufzer". Von den dreieinhalb Stunden Tschechow, die der Regisseur in seinem eigenen Bühnenbild dann inszenierte, möchte der Kritiker keine Minute missen". Kriegenburg mache sogar die Striche auf, "die Tschechow selbst vornahm, teils aufgrund der Ratschläge von Freunden, teils wegen der Zensur. Dadurch erhält des Autors Sinn für Komik mehr Raum." Es gehe "um menschliche Begegnungen, um unmögliche, nicht zu stillende Sehnsüchte." So, wie Kriegenburg seine Figuren aneinander vorbeitreiben lasse, entstehe "für Momente immer wieder eine Ahnung von Glück, die dann verloren geht, wenn die Bühne stillsteht und keine Bewegung mehr eine Ausflucht bietet".

 

 
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