Auf der Suche nach den verlorenen Jahren

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 6. Juli 2013. Überforderung ist Strategie beim Nature Theater of Oklahoma. Die des Publikums durch Inszenierungen, die sich vor inhaltlicher wie formaler Monotonie nicht scheuen; zunächst aber die eigene durch die autodidaktische Erschließung immer neuer künstlerischer Ausdrucksformen. Seit Jahren schon arbeitet sich die New Yorker Truppe um das Regisseurs-Paar Pavol Liska und Kelly Copper an dem Projekt "Life and Times" ab, in dem die Geschichte des Lebens von Nature-Theater-Mitkünstlerin Kristin Worrall – ja, bisher: ganz klassisch auf die Bühne gebracht worden ist. Als Musical in den ersten beiden Episoden, als Thriller in dem Doppel-Abend Episode 3 & 4.

Was den Folgeabend "Episode 4.5 & 5" angeht, der im Rahmen des das Giga-Projekt mitfördernden Festivals Foreign Affairs im HAU Premiere hatte, so ist die größte Überforderung, die ihm für die Künstler zugrunde lag, eine unfreiwillige gewesen. Von den Aufzeichnungen der insgesamt sechzehnstündigen Telefongespräche mit Kristin Worrall, auf denen der Text basiert, ist in der Mitte aus technischen Gründen einiges verschütt gegangen. Liska und Copper haben es sportlich genommen, die Lücke "The lost years", die verlorenen Jahre, genannt und sich von dem Verlust zu einem unwahrscheinlichen Aufwand inspirieren lassen.

life and times episode4.5 560  nature theater of oklahoma uDu sollst dir kein Bildnis machen? Das einzige Motiv, dass das Nature Theater über Episode 4.5 und 5 herausgibt, zeigt eine Szene aus dem Stop-Motion-Film. © Nature Theater of Oklahoma

Das eine Ergebnis dieses Aufwands flimmert während der ersten halben Stunde des Anderthalbteilers über eine vor die HAU 1-Bühne gespannte Kinoleinwand. Liska/Copper haben aus dem ersten geretteten Gesprächsfragment, in dem Worrall im Wesentlichen von ihrer innigen Jugend-Beziehung zu Familienkater Bentley berichtet, einen Stop-Motion-Film gemacht. Julie La Mendola singt den Text zu verlässlich dahinschmalzender Musical-Begleitung ein, und die Kommentarebene, die in den vorhergegangenen Episoden vor allem der intensiven Mimik und extensiven Gestik der vortragenden Schauspieler übertragen war, verlagert sich auf die Illustration der Tiere, Menschen und Umgebungen, von denen die Rede ist. Sie passieren die Leinwand in einer Diashow und sehen immer ein klitzekleines bisschen anders aus als beschrieben. Der Unmittelbarkeits-Zauber der spielerischen Distanzierung von dem originalen Gesprächsduktus aus den Episoden 1 bis 4 fehlt, die Verfremdungsanstrengung bekommt etwas leicht Bemühtes.

Orgeldröhnen zum Ersten Mal

In Episode 5 werden Erzähl- und Kommentarebene noch weiter voneinander emanzipiert – und die Erzähl-Ebene wird dezentralisiert. Aus dem zweiten Fragment, das sie aus den "Lost Years" retten konnten, haben Liska/Copper ein Buch gemacht. Jeder Zuschauer bekommt eins ausgehändigt, dazu eine Leselampe, denn im Theater ist und bleibt es dunkel. 54 Minuten und 28 Sekunden wird das kollektive Lesevergnügen von Daniel Gowers Orgelbegleitung zu einer kunstreligiösen Angelegenheit gemacht, und das Leselampen-Lichtermeer im Parkett ist für Liska und Copper, die für die Dauer des "Foreign Affairs"-Festivals im zweiten Rang des HAU 1 hausen, bestimmt ein schöner Anblick.

In dem nach dem Vorbild einer mittelalterlichen illuminierten Handschrift gestalteten Buch nimmt die Bildebene den Spannungshöhepunkt des Texts vorweg. Da haben sich Liska und Copper in sehr vielen verschiedenen Stellungen beim Sex gezeichnet. Und stehlen Worralls unspektakulärer Erzählung von ihrem Ersten Mal mit Pete Avery, den man schon aus Episode 4 kennt, die Show. Im Anhang beschreibt Kelly Copper ausführlich die aufwändige Herstellung des Originalbuches, und natürlich nötigt einem allein die Zeit, ganz zu schweigen von der Liebe und Sorgfalt, die in dieses Projekt geflossen sind, großen Respekt ab. Aber nicht mehr.

Konsequente Auslotung pubertärer Selbstflucht?

Was sagt Kristin Worrall in dem Buch über das Tagebuchschreiben? „I would never really be truthful with myself. Like I was more concerned with how I looked to maybe somebody who found the diary than how I really felt about things.“ (Ich war da nie wirklich ehrlich mit mir. Mir war irgendwie wichtiger wie ich vielleicht vor jemandem ausgesehen hätte, der das Tagebuch gefunden hätte, als was ich wirklich fühlte und dachte.)

In diesen zwei Sätzen treffen sich Inhalt und Form von "Episode 4.5 & 5" wieder. Kurz ist man deshalb als Fan dieser Life and Times-Serie versucht, das ganze zur superkonsequenten Auslotung pubertärer Selbstflucht hochzustilisieren. Am Ende bleibt aber doch eher der Eindruck, dass sich die beiden hier erprobten Kunstformen als zu verlässliche Distanzmarkierer erwiesen haben, oder: dass das Überforderungspotential des Nature Theater of Oklahoma für diese anderthalb Episoden allem Aufwändigkeits-Anschein zum Trotz unterfordert worden ist. 

 

Life and Times – Episode 4.5 & 5
vom Nature Theater of Oklahoma
Nach Telefongesprächen mit Kristin Worrall
Konzept/Regie: Pavol Liska und Kelly Copper, Musik: Daniel Gower, Ausstattung: Peter Nigrini, Dramaturgie: Florian Malzacher.
An der Orgel (Episode 5): Daniel Gower
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.berlinerfestspiele.de

 

Mehr zu Life and Times? Wir waren bei allen bisherigen Teilen dabei: Episode 1 (im Musicalstil), Episode 2 (rhythmische Sportgymnastik) und Episode 3 und 4 (Mystery-Krimi).

Kritikenrundschau

Im Rahmen einer Kritik des "Marathons" aller bisherigen Episoden im Tagesspiegel (9.7.2013) schreibt Patrick Wildermann apropos Episoden 4.5 & 5: Die Kultgläubigen des Nature Theater of Oklahoma seien durchaus zahlreich erschienen und fielen von einem Erweckungserlebnis ins nächste. "Über Glaubensfragen lässt sich bekanntlich schwer streiten." Aber die dramatische Kurve dieses Langzeitprojekts zeige unübersehbar nach unten.

Zehn Episoden sollen es werden. "Wie bei einer Fernsehserie fragen sich die Fans: Wie geht es weiter? "Aber diese Frage wurde beim 'Foreign Affairs'-Festival in Berlin nicht vollständig beantwortet", so Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (17.7.2013). Dass die sechste Folge als "interaktive Radioshow" geplant sein, "davon ist bei der Berliner Aufführung noch nicht viel zu sehen." Stattdessen geht es "wie bei einer Vorabend-Serie, um Balzverhalten und Gruppenprozesse. Und um die Schwierigkeiten der eigenen Arbeit." Fazit der Kritik: "Wir bleiben dran."

 

 
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