Bauhaus inmitten italienischer Sehnsucht

von Hartmut Krug

Dessau-Wörlitz, 12. Juli 2013. Der Spielort auf der künstlichen Insel "Stein" am östlichen Ausläufer des Wörlitzer Sees im Gartenreich Dessau-Wörlitz ist eine mit manch Bedeutung behaftete Idylle. Hier ließ Fürst von Anhalt-Dessau sein Sehnsuchtsbild von Neapel mit künstlichem Vulkan und der klassizistischen Villa Hamilton erbauen, und das kleine Amphitheater auf der Insel eröffnete er 1794 mit Goethes "Iphigenie auf Tauris". Natürlich hat auch der Dichter den Fürsten und das Gartenreich besucht. Wer jetzt die Iphigenie-Inszenierung des Anhaltischen Theaters Dessau im von Felsen und Baumwerk malerisch umhegten Amphitheater besucht, muss diese Hintergründe nicht kennen. Allenfalls für die bildungsbeflissene Vermarktung spielen sie eine Rolle.

Die Inszenierung nimmt auf sie keinerlei Bezug, sondern kämpft so verzweifelt wie vergeblich um eine heutige Darstellungsform für Goethes Iphigenie, auf die man Schillers Urteil, sie sei "erstaunlich modern und ungriechisch", weil Goethe das undramatische äußere Geschehen ins Innere der Figuren verlegte, nicht unbedingt mehr anwenden möchte. Modern ist in Wörlitz vor allem das touristische Kultursommerarrangement, in das die Aufführung in Zusammenarbeit mit einem Hotel gebettet ist. So kann man sich in Gondeln durch das Gartenreich zum Spielort rudern lassen und dort vor der Aufführung in der Villa elegant speisen.

Opfer- oder Mückenschutzschalen?

Die Aufführung beginnt mit einem langen, atmosphärischen Trommelkonzert des Perkussionisten Alex Wäber, der Goethes Seelendrama, in dem die Figuren wortreich um Humanität und "reine Menschlichkeit" ringen, immer wieder atmosphärisch umrahmt und untermalt. Dann steigen zwei Priesterinnen, ganz in Weiß, zwischen den Zuschauern hinab auf die nur mit einem Tisch und vielerlei Opfer-, Weihrauch- und Mückenschutzschalen bestückte Bühne. Es folgt Iphigenie, auch sie in zeichenhaft schickem langen, weißschwarzen Outfit und mit einem sie überragenden weißen Stab, der ihr inneren Halt und Festigkeit beim Spiel gibt.

Sie alle entzünden viele kleine Feuer, bis Iphigenie, nach all ihren rituellen Handlungen verhalten und in sich gekehrt, ihren "Heraus in Eure Schatten"-Monolog aufsagt und "das Land der Griechen mit der Seele" sucht. Dabei schaut sie so vor sich hin, zwar dem Publikum zugewandt, aber sich nicht an es wendend. Ohnehin sprechen hier alle Darsteller vor allem in die Leere zwischen sich und dem anderen.

iphigenie2 560 claudiaheysel uIphigenie auf Tauris © Claudia Heysel

Schon aber kommt Arkas, der königliche Bote, mit der Ankündigung, sein Herr werde erneut um Iphigenie werben. Und so beginnen die Probleme für Iphigenie und das Unheil für die Aufführung. Denn Regisseur André Bücker muss sich gesagt haben, dass Goethes hoher Ton dem Zuschauer, ja was eigentlich, nicht zumutbar, nicht verständlich sei? Also sucht er eine Körpersprache für die Gefühle und verordnet seinen Schauspielern ein heftiges gestisches Zeichensystem. Hier werden die Glieder diszipliniert ausgestellt, verdreht und verzappelt. Man wendet sich in erklärenden Auftritten immer wieder mit rhythmischer Bedeutungsgymnastik einander zu, ohne wirklich miteinander zu reden oder zu spielen, und was hier an Händen verdreht und gespreizt wird, erschließt sich in seinem Wunsch einer Ausdrucksverdoppelung für die Texte keineswegs immer. Oft wirkt es eher unfreiwillig komisch.

Unterm Kastenhut

Der arme Darsteller des Arkas, der mit hochschnellenden Knien und Armen wie eine Kasperlefigur auftreten muss, bringt Belebung der besonderen Art ins Publikum: es gibt verhaltenes Gelächter, ironische Kommentare und Nachspielversuche. Suse Tobisch versucht mit ihren Kostümen, die mit schwarzweiß figurierten Punkten und Kästchen wohl Bauhausversuche zitieren, die Zeit des Geschehens in eine ferne Historie zu legen. Aber sie verdoppeln die bewegte Steifheit der Figuren nur und treiben diese vollends in eine falsche Abstraktheit. So engt zum Beispiel den Darsteller des Königs Thoas dessen Kostüm mit Kastenhut merklich in der Emotionalität ein.

Viele Dialogszenen wandeln beständig am Rande der absoluten Peinlichkeit, und wenn eine Kriegerschar in verhüllenden Kostümpracht auf- und abmarschiert, wirds echt albern. Zu Recht haben sich zuletzt weder Jossie Wieler, der Goethes Iphigenie an der Schaubühne in moderner Alltagskleidung spielen ließ, noch Nicolas Stemann mit seiner Euripides/Goethe Doppelversion in Hamburg so viel überflüssige Gedanken wie André Bücker darüber gemacht, wie Goethes Sprache und seine Gefühlsdarstellung heute zu vermitteln seien. Sie haben die Texte einfach sprechen lassen.

Sinnlicher Klang

Erstaunlich ist, dass auf der Insel Stein zumindest drei Darsteller sich durch ihr skurriles Zeichenspiel nicht irritieren lassen, sondern den alten Text wunderbar klar artikulieren. Goethe klingt. Gut, Katja Sieder muss als Iphigenie arg viel steif-bedeutsam in sich hineinsinnen, und wenn sie beim Abschied von Thoas diesem (zu einer schwebenden Nichtberührung der Hände) ihre Hand reicht, die sie zuvor selbst in einer Blutschale gefärbt hat, stimmt in diesem Moment weder die Figur noch die Situation. Doch wie sie als Frau zur Selbstbestimmung findet, wie sie sich nicht mehr fremd ist und nicht mehr in fremden Regeln gefangen bleibt, das spielt sie mit subtiler Deutlichkeit.

So wirft sie den Stock, der ihr als Symbol für ihre Priesterregeln Halt gab, schließlich fort. Insgesamt vermag Katja Sieder ihrer Figur gegen das Regiekorsett viel Leben zu geben. Das gelingt auch dem kräftigen Sebastian Müller-Stahl als Orest und dem lebhaften Patrick Rupar als Pylades immer wieder, - trotz gelegentlicher Bodenturnübungen. Ein merkwürdiger Abend: Einerseits mit vielen missglückten Darstellungsformen und falschem Bedeutungsdruck, andererseits mit Schauspielern, die Goethes Sprache zu sinnlichem Klang bringen.

 

Iphigenie auf Tauris
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: André Bücker, Ausstattung: Suse Tobisch, Musik: Alex Wäber, Dramaturgie: Sabeth Braun, Andreas Hillger.
Mit: Katja Sieder, Stephan Korves, Sebastian Müller-Stahl, Patrick Rupar, Jan Kersjes.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.anhaltisches-theater.de

 

Kritikenrundschau

 "Wäre dieser Abend zu malen, es bräuchte einen Landschaftsmaler vom Format eines Antoine Watteau oder Claude Lorraine, denn er müsste als arkadische Idylle in Szene gesetzt werden", schwärmt Kai Agthe in der Mitteldeutschen Zeitung (15. Juli 2013). Mit sparsamen Mitteln werde eine stimmige Theateratmosphäre geschaffen, in der der Text vorzüglich gespielt werde. Besonders Katja Sieder als Iphigenie erfülle "die Erwartung, die man von dieser Figur hat, vollkommen".

"Optisch überzeugend" findet Gustav Seibt die Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (16.7.2013). Die Ausstattung lasse ihre Muster den Art déco der Zwanzigerjahre zitieren und nicht antike Formen – "so, als seien die Personen nicht rotfigurigen griechischen Vasen, sondern der Keramik der klassischen Moderne entstiegen. Ein guter Einfall, der die Schauspieler von allzu psychologisierendem Spiel entlastet." Die Effekte der musikalischen Begleitung hingegen seien "viel zu grobschlächtig für die auf- und niederrollenden Blankverse (…), mit denen Goethe sich so viel Mühe gemacht hat". Wer dem Stück in seinen seelisch-argumentativen Feinheiten und nicht nur im allgemeinen Handlungsverlauf folgen wolle, müsse dieses unablässige Trommeln, Hämmern, Klöppeln und Brummen energisch ausblenden. Die Darsteller könnten hier nur noch übermäßig dramatisieren. "Und dramatisch machen sie ihre Sache nicht schlecht, vor allem Katja Sieder als eigensinnige Iphigenie und Sebastian Müller-Stahl als verstörter Orest"; der Thoas von Stephan Korves bleibe hingegen blass, weil manieriert schleppend. "Aber die Versbehandlung ist, wie fast immer in heutigen Goethe-Aufführungen, bedrückend verständnislos, um nicht zu sagen: katastrophal."

"André Bücker hat dieses klassische Stück in klassischer Theatermanier auf die Bühne gebracht, bar jedweder Modernisierung", schreibt Helmut Rohm in der Volksstimme (18.07.2013). "Doch wohl gerade deswegen hinterlässt diese Wörlitzer 'Iphigenie' eine starke Wirkung, liegen doch die aktuellen Parallelen bezüglich Toleranz, Humanität, Identität, Gewaltverzicht auf der Hand." Der "international erfolgreiche" Percussionist Alex Wäber verleihe "mit längeren Passagen und kurzen, einzelnen Szenen unterstützenden Sequenzen der Dramatik zusätzliche Spannung und emotionale Wirksamkeit. Einfallsreich gestaltete Kostüme im kontrastierenden Schwarz -Weiß verleihen der Handlung starke Symbolkraft."

 

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