Groschenroman und Gespenstersonate

von Andreas Wilink

Bonn, 2. Oktober 2013. 1978 ließ der "Spiegel" den Literaturwissenschaftler Hans Mayer den kaum bekannten Roman von Alfred Döblin über einen anderen, früheren deutschen Herbst, "November 1918", besprechen. Der "Deutsche auf Widerruf" schloss seine Rezension mit der Aufforderung und Einsicht: "Ein Buch für Bundeskanzler, Gewerkschaftsführer und Unternehmer, für die Hardthöhe wie für Rudi Dutschke. Aber sie werden es nicht lesen."

Schmach des Mordens

Mehr als 2000 Seiten in vier Bänden umfasst die Chronik der Ereignisse über Bürger und Soldaten, die verlorene Generation der Fronttruppen, Politiker, Täter, Opfer. Das Manuskript entstand vor und während des Zweiten Weltkriegs im französischen und US-amerikanischen Exil als Werk eines Zeitgenossen, der das Vergangene aus der Gegenwart der braunen Diktatur betrachtet. Erst zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Schriftsteller-Arztes (1878 bis 1957) konnte es komplett erscheinen. Der sein Epos gewissermaßen filmisch inszenierende, in dessen narratives Schicksal eingreifende Autor von "Berlin Alexanderplatz" stellt nach Franz Biberkopf wiederum einen Versehrten ins Zentrum: den gottfrommen Griechischlehrer Dr. Friedrich Becker mit Rückgrat-Verletzung und seelischen Blessuren, die ihm "die Schmach des jahrelangen Mordens" verursachen.

karl-und-rosa 4 560 thilo beu xSchriftwand hinter deutschem Grabesboden. Davor: Alois Reinhardt und Sophie Basse. © Thilo Beu

"Nieder mit dem Krieg. Nieder mit der Regierung!" üben sechs Darsteller von leise zu laut ein, die aus dem Parkett der Godesberger Kammerspiele – die träge Masse als Fleisch von unserem Fleisch – nach vorn treten. Und sich als Chor hinhocken vor einer Schriftwand mit den historischen Ereignissen und Daten, hinter der sich ein heller Bunker-Trichter öffnet; dazwischen ein Spalt, gefüllt mit Erde: deutscher Grabesboden, der nach der Pause zuregnet, verschmutzt und zermatscht.

Fantast der Revolte

Einar Schleef hatte – es wurde seine letzte monumentale Theaterarbeit – den zweiten Teil "Verratenes Volk" am Deutschen Theater u.a. mit Nietzsches "Ecce Homo"-Monolog aufgemischt und seine Rosa Luxemburg als Heilige Johanna des Schlachthofs Deutschland gezeigt. Döblins bittere Analyse gilt den Protagonisten Ebert, Noske, Scheidemann, den Totengräbern, Leichenfledderern und Propheten einer Republik, die zweimal ausgerufen wird: als bürgerliche von Scheidemann und als proletarische von Liebknecht. Proklamiert wurde ein Projekt des unglücklichen Bewusstseins.

Der vierte Band widmet sich "Karl und Rosa", umkreist von einigen Satelliten: Männer, Frauen, dem Kriegsheimkehrer und Pazifisten Becker (jünglingshaft idealisch: Sören Wunderlich), einem schwulen Märtyrer, einem Spartakisten, einem Freikorps-Anhänger. Der "Oberpriester der Masse" Liebknecht ("In Deutschland kommt alles auf das Ordnungswort an. Aber das heißt jetzt nicht mehr Militär, sondern Sozialismus.") erscheint in Kontrast zu Lenin, dem Demagogen der Tat, als Fantast der Revolte und emsiger Schreiberling (Glenn Goltz) noch bis über die Kugeln seines Mörders hinaus.

Trotzende Antigone

Döblins Sympathie gilt Rosa, einer Frau von Fleisch und Blut, Herz und Kopf, groß im Lieben, groß im Hassen. Leidenschaftlich und besessen. Am Theater Bonn, dessen neue Intendanz mit dieser Materialschlacht beginnt, ist Sophie Basse allerlei: Mater Dolorosa, Mutter Courage, schwarze Witwe, Künderin, Drama-Queen, nur eines nicht: charismatisch.

Politik, Religion und Metaphysik – das geht bei Döblin zusammen, seine Geschichte spielt "zwischen Himmel und Hölle" mit einem intelligenten Einflüsterer Satan (Alois Reinhardt: als Punk-Berserker-Krüppel). "November 1918" bezieht sich auf die antike Tragödie ebenso wie auf Wagners "Ring"; sein Klima wird auch den "Doktor Faustus" umwehen in der zweiten großen deutschen Höllenfahrt.

karl-und-rosa 3 560 thilo beu xOberpriester der Masse: Glenn Goltz als Karl Liebknecht. © Thilo Beu

Geistig-körperliches "Leiden an Deutschland" peinigt auch Rosa, wenn ihr gefallener geliebter Hannes (ebenfalls Reinhardt) wie ein Dibbuk aus ihr spricht, sich an sie drängt und auf ihr lastet als Albdruck, winterweiß kalkig geschminkt und expressionistisch verzerrt. Gleich einer der Staatsgewalt trotzenden Antigone betrauert sie ihn, während das Paar sich wie Tristan und Isolde ineinander auflöst. Anfangs sitzt Rosa im Gefängnis von Breslau "wie eine fette Bürgersfrau", verzweifelt und hoffnungslos ("Die Menschen wollen uns nicht. Die Menschen wollen Ruhe"), vielleicht psychotisch durch Haft und Untätigkeit. Lebendig begraben. Dann befreit die Revolution die Radikale für einen kurzen Moment.

Kaputte Zeit-Heilige und Leides-Apostel

Die Bonner Fassung birgt in der Begegnung von Lebenden und Toten ein Privatissimum des Politischen, Groschenroman und Gespenstersonate, Sinngedicht und Gedankenspiel, Strategiedebatte, Sündenbekenntnis und Räsonnement über Krieg und Weltrevolution. Regisseurin Alice Buddeberg präpariert das Antirealistische und Halluzinatorische, das Demonstrative der Lektion und ihr Groteskes heraus mit eckig versteiften, scharfkantigen Kunstfiguren im Rollenwechsel. Sie treibt die komischen und kaputten Zeit-Heiligen und Leidens-Apostel über die schiefe Bühnenebene und über die Zuschauersitze, treibt sie in die Kolportage und aus der historischen Umklammerung in Insider-Improvisationen und schließlich in einen sehr überdehnten aktionistischen Leerlauf. Der Stoff zerfranst. So schwer und dick er bei Döblin ist, hier bekommt er dünne Stellen. Kein Stück. Nur eine weitere unfertige deutsche Revolution, im filmischen Abspann elegisch erweitert auf globale Aufstände.

 

Karl und Rosa
nach Alfred Döblin
bearbeitet von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber
Regie: Alice Buddeberg, Bühne: Cora Saller, Kostüme: Martina Küster, Musik: Stefan Paul Goetsch, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Sophie Basse, Benjamin Berger, Daniel Breitfelder, Johanna Falckner, Glenn Goltz, Julia Keiling, Alois Reinhardt, Sören Wunderlich.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause.

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Die literarische Vorlage sei leiser als das, was auf der Bühne stattfindet, schreibt Johanna Schmeller in der tageszeitung (4.10.2013). Der Protagonist Friedrich Becker schmelze zur "Randgestalt", Liebknecht rausche "eher am Zuschauer vorbei" und Luxemburg mache hier "Revolution, wie andere Menschen Kühe melken: handfest, zupackend, grundsolide – und der Rest wird weggebrüllt". Diese Rosa durchlaufe "keine spürbare Entwicklung, (...) ihre 'Haftpsychose' müssen eher Nebenspieler aus der Figur holen". "Dramaturgische Verfremdungseffekte, die sich bewusst platt bei Brecht bedienen (...), verhallen: Man kommt den Figuren nicht nahe genug, um schon wieder einen Bruch zu vertragen." Immer wieder beschwöre Alice Buddeberg "die Frage herauf, warum sich Menschen (...) zu einem radikalen Leben entschließen". Es sei "der Glaube an die eigene Bedeutung", der "letztlich doch zu verführerisch" wirke, besonders Liebknecht berausche sich hier "an seinen eigenen Parolen".

"Das Bonner Schauspiel war in den letzten Jahren besser als sein Ruf", habe aber im Schatten von Karin Beiers Schauspiel Köln gestanden, so Stefan Keim in der Welt (4.10.2013). Dieser Beginn mit "Karl und Rosa" mache klar: "Die trauen sich was", an "Ehrgeiz und Anspruch" herrsche kein Mangel. Von Sophie Basse als Rosa ist Keim beeindruckt: "Die Verzweiflung der Intellektuellen, das Gefühl ihrer Nutzlosigkeit, schmerzt bis ins Parkett." Dagegen habe es Goltz als Liebknecht schwer, aber auch ihm gelängen "anrührende Momente". Buddebergs Schauspieler versuchten "einen Geist des puren Spiels zu entwickeln wie ihn der große Jürgen Gosch entfachen konnte. Dabei kommen sie ziemlich weit und rutschen nur manchmal in grobes Gebrüll." Dazu komme "gebrochenes Diskurstheater" und ein "Ausflug in die Groteske". Nicht immer aber führe "die Vielfalt der eingesetzten Mittel zum Ziel". "Aufopferungsvolle, junge Schauspieler, die im Bühnendreck um jede Ausdrucksnuance kämpfen, sind ein Pluspunkt des neuen Bonner Schauspiels."

Einer "anspruchsvollen, anstrengenden Premiere" hat Dietmar Kanthak vom Bonner Generalanzeiger (4.10.2013) beigewohnt. "Alice Buddeberg ruft vieles, zu vieles ab: Agitprop und Kammerspiel, Politisches und Intimes, Pathos und Slapstick, Gruppenbilder und Einzelaufnahmen", außerdem "reichlich Körpereinsatz, Schauspielerinvasionen ins Parkett und theaterillusionsvernichtende Premierengags. Sie agitieren, skandieren und leitartikeln, bis sie Theorieschaum vor dem Mund haben; wühlen im Erdreich, weil alles so existenziell ist." Die ständig wechselnde Bühnensprache und das permanente Rollenspiel erlaubten keine echte Nähe des Publikums zu den Figuren; Leerstellen und Durchhänger blieben nicht aus. "Und doch muss man Alice Buddeberg bewundern. Sie hat eine ganze Menge gewagt und einiges gewonnen".

 
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