Die Welt von unten

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 3. Oktober 2013. Es ist eine übermütige, trunkene Nacht, die die Grafentochter mit dem Hausangestellten verbringt, eine Nacht, in der die Sonne nicht untergehen möchte und die Fantasie zu wandern beginnt: Mittsommer. Doch ihre Liebelei stört, ja gefährdet die Ordnung, ein Riss geht durch die Welt. Um ihn zu kitten, muss Fräulein Julie sterben. Was will uns diese Geschichte heute, am Tag der deutschen Einheit im Jahr 2013? Kostet der Sündenfall über Klassengrenzen hinweg heute noch das Leben? Und wo verlaufen sie, die Grenzen gesellschaftlicher Schichten?

julia 560 christinejatahy uWie in der Telenovela: Wenn das Oberschichts-Girlie mit dem Personal kuschelt, ist die Kamera dabei. © Christiane Jatahy

Die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy hat sich August Strindbergs Trauerspiel "Fräulein Julie" vorgeknöpft, um sich – und dem Publikum – eben diese Fragen zu stellen. Sie hat es energisch bearbeitet und ins heutige Brasilien versetzt, wo ein weißes, reiches Mädchen den schwarzen Chauffeur ihres Vaters verführt. Das Stück der Autorin, Film- und Theaterregisseurin hatte im Oktober 2011 in Rio de Janeiro Premiere, in diesem Jahr reiste es unter anderem zum Brüsseler Kunstenfestivaldesarts und zu den Wiener Festwochen.

Sein oder nicht Sein

In Frankfurt feierte es nun seine deutsche Erstaufführung und eröffnete ein zehntägiges Brasilien-Festival am Mousonturm, ist doch Brasilien Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse. "Tupí, or not tupí" ist das Festival überschrieben, eine Aneignung von Hamlets Zitat und so selbst ein Produkt dessen, für das es steht: Für den Kulturkannibalismus, den der Schriftsteller Oswald de Andrade in seinem 1928 veröffentlichten "Anthropophagischen Manifest" entwarf: Die Einverleibung des Feindes als antikoloniale Strategie, eine tropikalische, postnationale Identität zu behaupten. Anstatt Differenzen und Distinktionsmerkmale zu markieren, wird im modernen Tropikalismus alles verschlungen, verbunden und verlinkt. In heutigen Ohren klingt das ungemein postmodern und global – und nach einer guten Strategie für das abgrenzungserprobte, angekratzte westliche Ego, das seine Vormachtstellung im Weltganzen schwinden sieht.

Was Brasilien von seiner Kolonialgeschichte blieb, sind extreme Gefälle zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß. Strindbergs Jean heißt Jelson (Rodrigo dos Santos) und stammt aus der Favela, Julie heißt Julia (Julia Bernat), eine lasziv-gelangweilte Teenagergöre mit kurzen Röcken und hohen Schuhen. Auf einer Gartenparty der Angestellten tanzt sie mit Jelson. Vor dem Spott der Anderen flüchten sie an den Swimming Pool, bevor es in Jelsons enger Klause zum schnellen Sex kommt – während dem diskutiert wird, wie sie aus dem Malheur wieder rauskommen, das sie sich gerade einbrocken.

Gespaltener Blick

Dabei spaltet Christiane Jatahy von vornherein den Blick des Zuschauers und das Bild, auf das er fällt: Die zwei Schauspieler bewegen sich auf einer schmalen Vorderbühne vor zwei Leinwänden, werden dabei meist live gefilmt und der Film auf die Leinwände projiziert, durchsetzt mit vorproduzierten Video-Episoden. Hinter den Leinwänden taucht rechts ein Esszimmer auf und links Jelsons enges Zimmer. "Action!", rufen Schauspieler und Kameramann, wenn er den Film startet, und markieren so auch ihr Wissen um die Aufnahme selbst: Hier wird nicht nur ein Beziehungsdrama gespielt, sondern die Metaebene gleich mitgeliefert in einem Spiel mit Erzählschichten und Wahrnehmungsebenen. Als Zuschauerzeugen dieses intimen Vergehens werden wir stets mitgedacht und an unseren Voyeurismus erinnert.

Von Liebe ist hier nichts zu spüren, es geht um Verführung, Macht und Manipulation. "Weißt du eigentlich, wie die Welt von unten aussieht?", fragt Jelson Julia einmal – wir sind im Film, sie planscht halbnackt im Pool, er sitzt bekleidet am Rand. "Armut muss schrecklich sein!", scherzt sie zurück. Und wirft sich ins Wasser, den Widerstrebenden mit sich ziehend – der ihren Verführungen schließlich nachgibt, obgleich er doch noch Vernunft markierte, ängstlich, zornig, verwirrt. Nach dem Sex hocken sie nebeneinander wie Fremde, und den Rest der Nacht wird es nur darum gehen, wer in diesem Spiel die Oberhand gewinnt: Das verwöhnte Verzweiflungsmädchen, das sich dramatische Augen anschminkt und auf sehr hohem Pumps herumstöckelt. Oder Jelson, der Überlegte, der schon einen Fluchtplan in der Tasche hat, der Kühle mit den Schweißperlen auf der Stirn. Wie könnte, fragt Julia Bernat am Schluss mit großen, feuchten Augen, das Stück noch enden? Niemand antwortet.

In seinem offensiv transparenten Umgang mit Strukturen eröffnet "Julia" zahlreiche Zugänge und Assoziationen. Dabei landet man mitunter im Loop zwischen Gestern und Heute, 1888 und 2013, zwischen Film und Theater, Brecht'scher Epik und Hollywood'scher Drastik, zwischen Deutschland, Brasilien und Schweden. Ein sehr überzeugendes kannibalistisches Produkt ist diese brasilianische Mittsommernacht im deutschen Herbst, sie macht Appetit auf mehr.

 

Julia
frei nach August Strindberg
Regie, Text: Christiane Jatahy. Fotografie: David Pacheco. Live-Kamera: Paulo Camacho. Bühne: Marcelo Lipiani, Christiane Jatahy. Kostüme: Angele Fróes. Musik: Rodrigo Marcal.
Mit: Julia Bernat, Rodrigo de Santos. Darstellerin im Film: Tatiana Tiburcio.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.mousonturm.de

 

Mehr zum Theater aus Brasilien? Unsere Kritiken zu Inszenierungen und unsere Theaterbriefe aus Brasilien finden Sie hier.

 

Kritikenrundschau

Anlässlich der Wiener Premiere bei den Festwochen schrieb Margarete Affenzeller im österreichischen Standard (15.5.2013): "Die Grenzen, die Hautfarben heute noch zwischen Menschen ziehen, genauso wie das Geld und die soziale Stellung", schreite die Inszenierung "auf abenteuerliche Weise ab". "Schräge Manöver" machten Strindbergs Grundkonflikt "auf ganz heftige und schockierende Weise deutlich: Es gibt kein gemeinsames Leben zweier getrennter Menschen". Abenteuerlich sei das Gastspiel "dank seiner unberechenbaren Schauspieler" und der parallelen Film-Erzählung: "Das fallweise Vergrößern der dargestellten Realität (Close-ups) unterstreicht die Intimität dieses brutalen Kammerspiels (...). Hier wird weniger um Empathie gerungen als Anschaulichkeit erzeugt." Die Compagnie Vértice de Teatro solle man "im Auge behalten. Ihre Mischung aus Vitalität, technischer Brillanz und Kühnheit stellt die alten Stoffe auf ganz neue Beine."

Eine "aparte exotische Version" des Strindberg-Stoffs hat auch der Wiener Kritiker Norbert Mayer (Die Presse, 15.5.2013) gesehen. Das Stück funktioniere auch in der brasilianischen Aktualisierung, wirke aber "allein dadurch leichtgängig, dass das Publikum beim multimedialen Spiel" einbezogen wird, wodurch "ironische Distanz" entstehe, "die wegführt vom bloßen Realismus". Filmische Brechungen entschärften "paradoxerweise die darauf folgende, vor allem verbale Gewalt, die zum Teil improvisiert zu sein scheint". Die Aufführung erschöpfe sich trotz plakativem Schluss "nicht in abgehobenem Symbolismus", sondern lebe "vom engagierten Einsatz der beiden Darsteller" und gewinne "durch die Vermischung von Video, realem Filmen, unmittelbarer Darstellung und Durchbrechung der vierten Wand" eine "interessante Struktur".

 
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