Der Freak in dir

von Sascha Westphal

Dortmund, 29. November 2013. "Herrrrrrrrrr...", immer weiter und weiter dehnt Christoph Jöde sein "r", während das Publikum im Foyer noch vor der mit einem Band abgesperrten Treppe zum Studio steht. Es scheint, als wollte er gar nicht mehr aufhören, bis irgendwann doch noch das erlösende "...reinspaziert" erklingt. Dieses eine Wort ist wie die roten, goldbesetzten Uniformen-Jacken und die Hüte, die Schauspieler und Einlasspersonal tragen, Versprechen und Warnung zugleich. Das Theater wird zum Zirkus- und Jahrmarktszelt, in dem Kuriositäten und Monstrositäten darauf warten, angestarrt zu werden.

Im Zirkuszelt

Diesen Eindruck erweckt auf jeden Fall der von Christoph Jöde gespielte Zeremonienmeister Ross mit seinen melodramatischen Ankündigungen, die einen auf dem Weg in den Saal begleiten. Zudem gibt es für einige Zuckerwatte. Und Bettina Lieder spielt Samuel Barbers "Adaggio for Strings" auf dem Akkordeon, während sich das Publikum auf den Bänken niederlässt, die auf drei Seiten die offene, nach hinten von einem Jahrmarktsbühnen-Portal mit gestreiftem Vorhang und Elefantenkopf begrenzte Spielfläche umgeben.

elefantenmensch6 560 birgit hupfeld uHerrrrrr.....einspaziert: Uwe Rohbeck als Elefantenmensch im Publikum und Christoph Jöde als Zeremonienmeister © Birgit Hupfeld

Für ein paar Augenblicke lässt die Bühnen- und Kostümbildnerin Susanne Priebs so die Welt der Side- und Freakshows wieder lebendig werden. Doch anders als in den Zelten und Hinterzimmern vergangener Jahre fallen in dieser Anordnung die Blicke des Publikums schon bald auf sich selbst zurück. Jeder erkennt sich im Gegenüber als Voyeur wieder. Die Sehnsucht nach Sensationen schlägt um in Scham.

Gespür für den amerikanischen Genre-Film

Bernard Pomerances 1979 uraufgeführtes und mit dem Tony-Award ausgezeichnetes Broadway-Stück über den "Elefantenmenschen" John Merrick erhielt schon ein Jahr später mächtige Konkurrenz durch David Lynchs bio pic "Der Elefantenmensch". Und die karnevaleske Atmosphäre des Lynch-Streifens beschwört der in Arthouse-Horrorstreifen erprobte Filmemacher, Hörspielautor und Theaterregisseur Jörg Buttgereit in Dortmund zunächst auch herauf. Wie der amerikanische Film-Künstler verbeugt auch er sich vor Todd Browning und dessen Klassiker "Freaks", der die Fratze der Normalität in all ihrer grauenhaften Kleinlichkeit und Brutalität enttarnt hat.

Doch Bernard Pomerance geht in seinem Theaterstück, von dem sich Lynch seinerzeit ganz bewusst abgesetzt hat, andere Wege. Auch er stellt das, was allgemein als normal gilt, in Frage und konfrontiert jeden Zuschauer mit seiner eigenen Monstrosität. Nur eben nicht mit den Mitteln des Genrekinos. Sein "Elefantenmensch" ist näher an Brecht, eine fast schon lehrstückhafte Moritat, die Buttgereit in einen stets zwischen Farce und Melodram, feiner Ironie und ganz großen Emotionen hin und her wechselnden Szenenreigen verwandelt.

Bei Chirurg Dr. Frederick Treves

In einer Freakshow entdeckt der aufstrebende Londoner Chirurg Dr. Frederick Treves (Frank Genser) den von einem seltenen Gebrechen gezeichneten "Elefantenmenschen" John Merrick (Uwe Rohbeck). Aus Interesse an dessen ungewöhnlichem Leiden, das fast seinen ganzen Körper verformt und verunstaltet hat, bringt er Merrick in seinem Krankhaus unter. Dort will er den hochintelligenten und äußerst sensiblen Außenseiter, der von Kindheit an misshandelt und ausgebeutet wurde, zu einem Menschen nach seinem eigenen Bild formen.

elefantenmensch4 560 birgit hupfeld uDer Bürger sticht zu: Uwe Schmieder, Frank Genser und Uwe Rohbeck © Birgit Hupfeld

Doch je länger sich Treves mit Merrick beschäftigt und je erfolgreicher er dabei ist, desto fragwürdiger erscheinen ihm seine eigenen Ideale. Frank Genser, der zunächst noch ganz selbstgewiss und mit der Arroganz eines "erfolgreichen Engländers in einem erfolgreichen England" auftritt, verliert mehr und mehr die Kontrolle über sich und seine Welt. Alles scheint ihm zu entgleiten, bis er sich schließlich in eine wahre, von Zorn und Verzweiflung erfüllte Philippika gegen die bürgerliche Gesellschaft hineinsteigert, um dann gebrochen zu verschwinden.

Romeo und Julia

Uwe Rohbeck ist unter dem aufwendigen und extrem schweren Elefanten-Suit, der deutlich an die Maske von John Hurts in David Lynchs Film erinnert und doch einen ganz eigenen Charakter hat, kaum zu erkennen. Ihm, der sich schweren Schrittes durch den Raum schleppt, verkrümmt und verloren, bleibt nur das Spiel seiner Augen und die Modulationen seiner Stimme. Zunächst ringt er sich jedes Wort mit äußerster Kraftanstrengung ab. Später werden seine Sätze nicht nur komplexer, sondern immer flüssiger und bestimmter. Jedes Wort wird bei Rohbeck zu einem Spiegel, den Merrick den Menschen um sich herum wie auch dem Publikum vorhält.

In den Szenen mit der Schauspiel-Diva Mrs. Kendall, deren Posen Luise Heyer eine bezaubernde und doch niemals naive Unschuld verleiht, blüht Merrick regelrecht auf, und Uwe Rohbecks Augen sind von einem betörenden Strahlen erfüllt. Gemeinsam verwandeln sie eine Szene aus "Romeo und Julia" in ein elegisches Liebesduett, das sogar noch die Oberflächlichkeit und Egozentrik des jugendlichen Liebhabers entlarvt. Am Ende legt sich Merrick dann nicht wie im Stück (und im Film) zum Sterben aufs Bett. Uwe Rohbeck streift stattdessen seine Ganzkörpermaske ab, breitet sie wie eine zweite Haut auf der Bühne aus und geht dann langsam ab. Ein so simples wie bewegendes Fanal der Freiheit und Erlösung.


Der Elefantenmensch
von Bernard Pomerance
Regie: Jörg Buttgereit, Bühne und Kostüme: Susanne Priebs, Elefanten-Suit-Making: Natascha Kohnke, Susanne Mundt, Katja Motz, Licht: Rolf Giese, Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz.
Mit: Christoph Jöde, Frank Genser, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Bettina Lieder, Luise Heyer.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Überhaupt nicht "kalt" gelassen hat dieser Abend Ralf Stiftel vom Westfälischen Anzeiger (2.12.2013), auch wenn Regisseur Jörg Buttgereit "souverän jede Rührseligkeit" meide. Die Inszenierung "zeigt einfühlsam die Tragik des Menschen, der an einer seltenen und bizarren Krankheit leidet". Uwe Rohbecks Gestaltung der Titelrolle mache "diesen Theaterabend zu einem Erlebnis: Wie der Mann sich das schwere Material anverleibt, sich damit vereint und allein mit Gestik, intensiven Blicken, schwerfälliger Sprache diesen John Merrick zum Leben erweckt, uns spüren lässt, dass in dieser unförmigen Gestalt tiefe und sehr normale Gefühle leben."

Wie schon bei seiner letzten Arbeit in Dortmund beweise Buttgereit sein "Fingerspitzengefühl für die vermeintlichen Freaks unserer Gesellschaft", schreibt Arnold Hohmann auf dem Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (1.12.2013). "Der eher zierliche Uwe Rohbeck macht dabei die Darstellung dieses unglücklichen Mannes zu einem Ereignis: Eingesperrt in einen schweren Ganzkörper-Anzug gelingt es ihm, allein mit der Kraft der immer sicherer werdenden Stimme Merricks und dem Glanz seiner Augen, dem zarten Charakter dieses missgestalteten Wesens Gestalt zu verleihen."

Über eine "wahnsinnig sensible Inszenierung", die ihre Titelfigur sehr "ernsthaft" angehe, berichtet auch Christiane Enkeler Rezensionsgespräch für die Sendung "Mosaik" auf WDR 3 (30.11.2013, im Podcast nachzuhören). Als Zuschauer sehe sich dabei "selbst auch kritisch" in seiner Rolle als Begaffer des deformierten Helden; "trotzdem darf man mitfühlen und mitleiden."

 

 
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