Wenn die Vernunft sich schlafen legt

von Sascha Westphal

Dortmund, 15. Februar 2014. Die Gesichter von Jakob und Wilhelm Grimm füllen die große, auf der linken Bühnenseite stehende Leinwand nahezu ganz aus. Wange an Wange ruhen die beiden von Sebastian Kuschmann und Ekkehard Freye gespielten Brüder. Im Schlaf sind sie, die sich sonst kaum einmal über die von ihnen gesammelten Märchen und deren Bedeutung einigen können, friedlich vereint. Gemeinsam träumen sie vom Rotkäppchen und dem Wolf, die gerade in einem der neun Zimmer des auf der Drehbühne stehenden zweistöckigen Kubus ihr Pas de deux verbotener Leidenschaften aufführen. Angst und Verlangen, Gier und Zärtlichkeit werden eins in dieser wortlosen Choreographie. Das gar nicht so unschuldige Mädchen bietet sich dem wölfischen Mann an und schlüpft schließlich unter dessen Großmutter-Nachthemd.

Jeder Schlaf ist auch ein Schlaf der Vernunft. Und die Ungeheuer, die aus seinen dunklen Tiefen heraufsteigen, müssen nicht erst geboren werden. Sie waren immer schon da. Genau das ist es auch, was Jakob Grimm so beunruhigt. Also brandet der alte Streit zwischen ihm und Wilhelm wieder auf, sobald sie erwacht sind. Für Jakob kann ihre Märchensammlung nur "ein eigentliches Erziehungsbuch für die Deutschen werden, deswegen darf die Dunkelheit des Wolfsbauchs nicht einfach so am Ende stehenbleiben."

Traumtheater mit illustren Bandmitgliedern

Schon der Untertitel dieses Traumtheaters nach den Brüdern Grimm und Anne Sextons (von deren Märchensammlung inspirierten) Gedichtzyklus "Verwandlungen" lässt keinen Zweifel daran aufkommen, auf wessen Seite Claudia Bauer und ihre Ko-Konspirateure von der Band The Ministry of Wolves stehen. Ihr "Märchenmassaker" erteilt einer Kunst, die erziehen will, eine überaus deutliche Absage. Die Idee von der "moralischen Anstalt" lässt sich, wie Sebastian Kuschmanns von bürgerlichem Sendungsbewusstsein erfüllter Jakob Grimm so eindringlich vorführt, viel zu leicht ideologisch missbrauchen. Wer die Menschen beruhigen und in Sicherheit wiegen will, der manipuliert sie auch immer.

republikderwoelfe3 560 birgit hupfeld uFilmerei am Stammtisch der Märchenfiguren, mit Bierdosen. © Birgit Hupfeld

Von Ruhe und Sicherheit kann in der "Republik der Wölfe" keine Rede sein. Dafür sorgt schon die auf der rechten Bühnenseite platzierte Band The Ministry of Wolves. Paul Wallfisch, der musikalische Leiter des Schauspiel Dortmund, und seine überaus illustren Mitstreiter Alexander Hacke von den "Einstürzenden Neubauten", Mick Harvey, der lange Zeit zusammen mit Nick Cave den Sound der "Bad Seeds" prägte, und die Performance-Künstlerin Danielle De Picciotto, die einst mit Dr. Motte die Berliner Love Parade initiierte, haben mit ihrem im März auch auf CD erscheinenden Songs eine neue Art von Theater-Live-Musik geschaffen.

Ein wenig hallen in diesen Liedern von zornigen kleinen Männern ("Rumpelstiltskin") und lesbischen Liebenden ("Rapunzel"), von ausgesetzten Kindern ("Hansel & Gretel") und einem von allen verstoßenen Frosch ("The Frog Prince") noch Tom Waits' "Black Rider" und "Woyzeck" nach. Doch die vier Wölfe lassen sich nicht auf ein Genre ein. Folk- und Blues-Anklänge vermischen sich mit Noise-Elementen und Spoken Words-Stücken, um dann immer wieder elektronisch verfremdet zu werden. So schafft schon die Musik eine traumähnliche Atmosphäre, in der jederzeit alles möglich ist und Stimmungen von einem Moment auf den anderen wechseln.

Subversives Gegenwartspanorama

Alles ist Bewegung und Wandel. So wie die Amerikanerin Anne Sexton in ihren ebenso lakonischen wie pointierten, ironischen wie herzenswunden Gedichten, in denen es etwa vom Rumpelstilzchen heißt: "Er ist ein Ungeheuer der Verzweiflung / Er ist reiner Verfall", die Märchen der Brüder Grimm verwandelt hat, verwandeln nun Claudia Bauer und ihr absolut furchtloses Ensemble wieder deren Gedichte. Aus den kunstvoll zugespitzten Versen erwachsen mal schaurige und mal schräge Bilder. Nachtmahre und Traumgesichte von dem alles verschlingenden Appetit der Menschen wie von ihrer elementaren Einsamkeit.
republikderwoelfe2 560 birgit hupfeld uDie Videobilder von Jan Voges erinnern an die Body-Horror-Visionen und Voyeursphantasien radikaler Genrefilmmacher der 1970er Jahre wie David Cronenberg und Brian De Palma. © Birgit Hupfeld

Die Märchen verlieren ihre Patina und rücken ganz nah an unsere Wirklichkeit heran. Der König (Frank Genser) aus "Rumpelstilzchen" ist eine bittere Karikatur der gegenwärtigen Gier-Mentalität, die Mädchen aus "Aschenputtel" könnten auch "Bachelor"-Kandidatinnen sein, und die Mutter (Julia Schubert) von Hänsel und Gretel ist eine sich an faschistoiden Lebensraum-Ideen berauschende Unterschichtlerin. Die theatrale Märchensammlung, in der auch die einzelnen Geschichten ständig im Fluss sind und sich auf kunstvolle Weise vermischen, fügt sich zu einem höchst subversiven Gegenwartspanorama zusammen.

Wie einst die radikalen Genrefilmemacher der 1970er Jahre, wie David Cronenberg und Brian De Palma, an deren Body-Horror-Visionen und enthüllende Voyeursphantasien Jan Voges' zugleich drastische und poetische Live-Video-Bilder aus den Räumen und Gängen des Bühnenkubus' erinnern, gibt sich Claudia Bauer ganz dem Schlaf der Vernunft hin. Und mit den Ungeheuern kommen auch die Wahrheiten.

 

Republik der Wölfe – Ein Märchenmassaker mit Live-Musik
von Claudia Bauer und The Ministry of Wolves nach den Brüdern Grimm und Anne Sexton
Regie: Claudia Bauer, Musik komponiert und live gespielt von "The Ministry of Wolves": Alexander Hacke, Mick Harvey, Danielle De Picciotto, Paul Wallfisch, Musikalische Leitung: Paul Wallfisch, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Patricia Talacko, Dramaturgie: Alexander Kerlin, Live-Kamera & Video-Art: Jan Voges, Soundeffects: Mario Simon, Licht: Sibylle Stuck, Ton: Gertfried Lammersdorf, Chris Sauer.
Mit: Friederike Tiefenbacher, Sebastian Kuschmann, Eva Verena Müller, Peer Oscar Musinowski, Caroline Hanke, Julia Schubert, Uwe Schmieder, Frank Genser, Ekkehard Freye, Bettina Lieder und 19 Mitgliedern des Dortmunder Sprechchors.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

 

Kritikenrundschau

"In Dortmund wird aus den alten Geschichten eine Folge fiebriger Träume", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (17.2.2014). Zwar schwelgten die Darsteller "ein wenig zu sehr in Blut und Schleim. Sie zeigen die Wege durch die Bühnenaufbauten ein, zwei mal zu oft. Aber vielleicht gehört das zu dieser Märchendröhnung einfach dazu." Stiftel schlägt vor: "Man sollte sich fallenlassen und genießen: Wie Friederike Tiefenbacher Glas zerkreischt. Wie Schmieder sich Wolf und Zwerg anverleibt. Wie Carolin Hanke als Aschenputtel den Spaß verdirbt. Wie Eva Verena Müller uns mit großen Augen anblickt – und am Ende traumverloren über die Wirklichkeit fantasiert. Dazu Metalgitarre, Schumann-Akkorde, Drehleier und Banjo. Großartige Schauspieler, berauschender Krach, wilde Bilder."

"Eine finstere Märchenwelt als Abbild unserer Gesellschaft? Das ist nicht wirklich neu", befindet Bettina Jäger in den Ruhr-Nachrichten (17.2.2014). Umwerfend sei aber, "wie die Inszenierung auf Messers Schneide zwischen einer tristen Realität und einer wunderbar düsteren Romantik balanciert. Das alles ist so böse und bizarr, so grell und grotesk, dass es Spaß macht. Wohliger Grusel garantiert!" Ein Manko gebe es aber doch: Die 100 Minuten seien "für den Zuschauer anstrengend, weil wir ununterbrochen von Handlung und Musik überflutet werden."

"Es heißt also eigentlich offene Türen einzurennen, wenn der Froschkönig die Königstochter besteigt, wenn Rotkäppchen und der Wolf sich eindeutigen Vergnügungen hingeben oder Hänsel und Gretels Mutter ihre Kinder aus purem Egoismus im Wald aussetzt", meint Arnold Hohmann auf dem Zeitungs-Onlineportal Der Westen (16.2.2014). "Doch selbst das verhindert nicht, dass man dieser Uraufführung für Erwachsene seine Sympathie nicht verhehlen kann." Es begegneten einem "seltsam vertraute Personenmuster, angefangen beim raffgierigen König aus 'Rumpelstilzchen', der am liebsten hätte, dass die Müllerstochter ihm auch noch Scheiße in Gold verwandele, bis zu den Schwestern von Aschenputtel, die sich gar die Füße abhauen würde, um beim königlichen Schuh-Casting zu bestehen. Bekanntes Territorium, wie gesagt, aber kunstvoll nachbearbeitet."

 

 
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