Medienschau: Die Welt – Kritik an der BE-Recherche des Spiegel
Coup zum Frauentag?
Coup zum Frauentag?
20. März 2025. In der Welt nimmt Jakob Hayner den am Frauentag erschienenen Recherche-Text des Spiegel zu Missständen in der Maskenabteilung des Berliner Ensembles auseinander.
"Der Artikel bringt alles mit, was es für einen guten Frauentags-Aufmacher im Kulturteil braucht. Nur bringt er kaum Klarheit in die Sache, im Gegenteil", schreibt Hayner. "Der Artikel ist ein perfektes Beispiel für eine Verdachtsberichterstattung, die gefährlich diffus im Atmosphärischen fischt." Mit der betroffenen Leiterin der Maskenabteilung sei nicht gesprochen worden, und "fragwürdig" sei es, "wie der Artikel die Zustände in der Maskenabteilung auf das ganze Haus zu übertragen versucht".
Final fragt Hayner den Spiegel, ob "atmosphärische Vernebelung und aufgeblasenes Storytelling" wie in diesem Artikel "wirklich einem öffentlichen Aufklärungsauftrag folgt oder doch eher dem Wunsch nach einem inhaltlich dünnen Coup zum Frauentag".
(welt.de / chr)
- Hier finden Sie die Medienschau zum Artikel des Spiegel sowie die Meldungen zur anschließenden Freistellung der Leiterin der BE-Maskenabteilung, zur Absetzung des im Artikel erwähnten Stückes "#Motherfuckinghood" sowie zum Rücktritt des Geschäftsführers des Berliner Ensembles.
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Wenn nun Jakob Hayner ("Die Welt") zu Wort kommt und Sophie Klieeisen in der FAZ mit ihrer sehr differenzierten Einordnung der Sache "BE" nicht - entsteht ein Ungleichgewicht. Ja, Sophie Klieeisen reflektiert investigative Unschärfen, zieht aber nicht ausschließlich hundertprozentig arbeitgeberfreundliche Schlüsse aus jenem "Diffusen", das zuweilen aus dem asymmetrischen Verhältnis zwischen "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer*innen" resultiert. Unter eigenem Namen an die Öffentlichkeit zu treten - das heißt bei NV-Bühne "Nicht-Verlängerung". Oliver Reese, BE-Intendant, war (s.u.) übrigens „erstaunlicherweise“ nicht zu einem Gespräch mit der FAZ bereit. Wer qua Amt mit einer gewissen Macht ausgestattet ist und sich den "Klarnamen" leisten kann, ist auch nicht unbedingt um "Aufklärung" bemüht. Der unkommentierte Rückzug des Geschäftsführers ließ kein anderweitiges Transparenzbemühen erkennen.
In der FAZ (Link oben) schreibt Sophie Klieeisen u.a.:
"...Die FAZ-Redaktion erreichten in diesem Zusammenhang anonyme Vorwürfe des Machtmissbrauchs und künstlerischer Willkür, die sich lesen, als handelte es sich beim Berliner Ensemble um eine Militärkaserne aus der Kaiserzeit. Von einem autoritären Regime, Kontrolle durch Manipulation, Demütigungen und gezielter Ausgrenzung sowie einem System des Verschleißes ist da die Rede. Der oder die Autor/in schreiben aus Angst, „den Arbeitsplatz aufs Spiel zu setzen“, unter Pseudonym und stehen für Gespräche nicht zur Verfügung, auch nicht unter Zusicherung des presserechtlichen Quellenschutzes. Anders als ihre Kolleginnen aus der Maskenabteilung, die mit Namen und Fotos im „Spiegel“ genannt und gezeigt werden. Erstaunlicherweise war auch BE-Intendant Reese nicht zu einem Gespräch bereit. ... Es finden sich zwar weitere ehemalige Mitarbeiter, die das in der anonymen Mail Beschriebene im Brustton der Überzeugung bestätigen. Aber keiner der Befragten möchte seinen Namen öffentlich lesen. Die einen sehen ein System der Willkür am Werk, etabliert und exekutiert von einem autoritären Intendanten, dessen Führungskultur aus dem vergangenen Jahrhundert stamme, andere solidarisieren sich mit ihm, nicht nur auf Leitungsebene, doch das sind wenige. ..."
Wie steht es eigentlich um die Einrichtung von „Meldestellen“ für „Whistleblower“ („Hinweisgeberschutzgesetz“) gemäß EU-Richtlinie 2019/BRD-Umsetzung 2023? Beim Theater Nordhausen wird diese Option recht deutlich herausgestellt: https://theater-nordhausen.de/hinweisgeberschutzgesetz
Sofern sich dergleichen noch im Aufbau findet, die jeweiligen Beauftragten ebenso wie der Betriebsrat und die/der jeweilige Kulturdezernent*in/ Kultusenator*in nicht das Vertrauen der Beschäftigten genießen: Arbeitnehmer*innen der Theater sollten die Chance nutzen, wenigstens auf kununu etc. etwas häufiger und reflektierter in Erscheinung zu treten. Trainingshalber. Manche Theatermenschen lernen diese Arbeitgeberbewertungsportale erst kennen, wenn sie (mal) in anderen Branchen arbeiten. Ein Blick auf kununu lohnt sich beim einen oder anderen Theater. Das ersetzt natürlich nicht die Generalüberholung des NV-Bühne und eine kritischere, selbstbewusstere Distanz zu "Arbeitgebern" und/oder "Regisseuren" unter dem eigenen Klarnamen. Ohne materielle, soziale Sicherheit ist das aber nur durch Überdehnung jenes Selbstausbeutungs-Idealismus möglich, der allein eine Steigerung der Neuproduktionsquote bei schrumpfender Personaldecke seit Jahren erlaubt.
Die Realität an beinahe jedem deutschen Stadttheater reicht vollkommen.