Cogito ergo dumm

26. April 2025. Doppelt so gut wie Martin Kippenberger: das ist doch mal ein Ziel. In ihrem Stück, das 2024 beim Heidelberger Stückemarkt einen Autor*innenpreis gewann, bedient die Frankfurter Hauptschule das Diskursgeklapper von Kunst und Kulturwissenschaft. Regisseur FX Mayrs Uraufführung dreht die hysterische Ironie auf Anschlag: Heavy meta.

Von Elena Philipp

"2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger" von Frankfurter Hauptschule beim 42.Heidelberger Stückemarkt © Susanne Reichardt

26. April 2025. Am laufenden Band zünden hier die Effekte. Schon der Einstieg! Eine emotionale Achterbahnfahrt. "Wir kommen um, zu leben". "Grüß Gott Schwermut". "Hoppla, wir sterben". Da spannt sich, in Nummer 3 bis 5 der Sammlung von "2x241 Titeln", mit der das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule einen der beiden letztjährigen Autor*innenpreise beim Heidelberger Stückemarkt gewonnen hat, ein ganzes Leben aka "Tristesse Royal, Mängelexemplar". Depressiv verstimmt ist der Gestus, mit dem sich das Kunstkollektiv in seiner Liste, als die der Theatertext im Print gestaltet ist, durch die deutsche (Kultur-)Geschichte und den "QAnon der Weltliteratur" mal ackert, mal zappt.

"Hier sind wir jetzt, unterhalte uns"

Mit jedem Titel ruft das Kunstkollektiv, dem Theaterleute, Bildende Künstler*innen und Autor*innen angehören, einen hyperaktuellen Diskurs auf und wischt ihn sofort wieder weg. Als würden geisteswissenschaftlich geschulte Bots, dem Zwang zur Originalität gehorchend, im Überbietungsmodus festhängen. Eine schier ausufernde Mentalitätskunde. Deutsches Denken, geschult an Philosophen von Hegel über Heidegger bis Horkheimer, macht es allerdings nicht leicht, geistig abzuheben. "Hier sind wir jetzt, unterhalte uns", wird Nirvanas Rebellensong wortwörtlich in dröges Deutsch übersetzt.

Dabei fegt die Frankfurter Hauptschule mit hysterischer Ironie auch in den Ecken der düsterdeutschen Geschichte – "Ich mach gleich aus Nervosität 'n Hitlergruß" – und testet diskursive Limits: "Leute, auch Humor hat seine Grenzen, und zwar die Grenzen Großdeutschlands im Jahre 1942". Was soll man da tun? Entgeistert schlucken oder enthemmt losprusten? Das Publikum wird, Anspielung um Anspielung, in den Distinktionswettstreit einbezogen. Wer zuerst lacht, ist am schlausten. Und wer nicht reagiert, muss sich fragen lassen: "Warum lache ich (nicht)?".

Ernsthaft in seiner Albernheit

Auf Anschlag drehen Regisseur FX Mayr und Team diesen Verführungsmechanismus in ihrer Uraufführung. Doch locken sie das Publikum nicht böse in die Falle, sondern lassen es an ihrem Spaß mit der Vorlage teilhaben. Texttreu performen sich die vier Spieler*innen durch "2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger". Und gewinnen die Zuschauer*innen im Zwinger 1 gleich mit ihrer chorischen Auftakt-Choreographie. Mit getragener Miene hüpfen, wedeln und wippen sie zur Silbe "Ha!", als gäbe es nichts Ernsthafteres als diese Albernheit. Damit trifft das Inszenierungsteam ziemlich genau den Gestus des Textes. Nur die performative Melancholie der Frankfurter Hauptschule oder: FHS haben Mayr & Co. zugunsten eines kritischen Klamauks à la Monty Python heruntergeregelt.

2x241 Titel 5 CSusanneReichardt uDenksport vor der Nature-Porn-Tapete © Susanne Reichardt

In eine Deutschlandflagge gehüllt, deklamiert Katharina Kessler etwa einige fromme Glaubenssätze der Kunstblase. Werbesprüche der Aufgeklärten, wunderbar abgestimmt auf das anfänglich abgespielte Video, in dem Cyrill Oberholzer und Anna Wohlgemuth golden fließenden Honig und behaglich blinzelnde Füchse zur Nature Porn-Tapete montieren. Unversehens münden diese Idyllen aber doch wieder in Gewalt – ein Motiv, das sich durchzieht: "Kunst ist nicht Liebe, Kunst ist der Hammer, mit dem wir unseren Feind erschlagen", agitiert Kessler. In den Armen wiegt sie ein Brot, das sie behutsam auf den Bühnenboden legt – und der Getreidelaib erwacht stimmlich zum Leben, um "Zehn Doppelrufe der Kulturgeschichte" auszustoßen, von "The horror, the horror!" (Joseph Conrad) bis "Wir weben, wir weben!" (Heinrich Heine). Absurd!

Blöde blühende böse Blumen

An die Vorbild-Institution der FHS, die Frankfurter Schule, gemahnend, geht’s munter zwischen E und U, Geistesarbeit und Gesellschaftsanliegen hin und her. Esra Schreier bemerkt als in Noppenfolie gewickeltes Ready-made, "Opern sind Unterschichtsfernsehen von früher". Und Steffen Gangloff, der eben noch als Karton neben ihr stand, erklärt, nun im Outfit eines Fußballtrainers, was seiner Meinung nach Klassenbewusstsein ist: "Leute sagen, wir wären arrogant, das ist Quatsch, wir sind nur sehr, sehr, sehr gut". Andere würden’s einen Egotrip nennen, aber die Frankfurter Hauptschule verkündet, keinem Künstler zu trauen, der nicht Narzisst ist.

Und so blühen an dem Abend manche "Blumen des Blöden" ("Mama, Papa, Pipi, A-a") neben denen des Baudelaire'schen Bösen. Scheinbar Unvereinbares koexistiert in den "2x241 Titeln" so friedlich chaotisch miteinander wie im echten Leben. Selbst in den Kostümen von Korbinian Schmidt treffen Jackson Pollock-artige Drippings auf kindliche Fensterfarbklecksereien. Und alles ist ziemlich "Heavy meta". Aber das soll nicht die Laune verderben, im Gegenteil. In der "Großen Pause" lädt FX Mayr, wie er es gerne macht, das Publikum auf die Bühne ein, zu Kartoffeln mit Quark und Bier. Behaglich. "Apocalypse, when?" Jetzt noch nicht.

2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger
Von Frankfurter Hauptschule
Uraufführung
Regie: FX Mayr, Bühne: Anna Wohlgemuth, Kostüme: Korbinian Schmidt, Musik / Sounddesign: Martina Berther, Lichtdesign: Jonah Fellhauer, Videodesign: Cyrill Oberholzer, Anna Wohlgemuth, Dramaturgie: Paul Berg, Soufflage: Sara Eichhorn, Regieassistenz: Therese von Aretin, Kostümassistenz: Clara Akemi Wilkening.
Mit: Lisa Förster, Steffen Gangloff, Katharina Kessler, Esra Schreier.
Premiere am 25. April 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine performative Pause

www.theaterheidelberg.de

Kritikenrundschau

Der Abend hangele am vollumfänglichen Anspruch entlang, stets eine neue Pointe ad absurdum zu führen und verfängt sich so mindestens im zweiten Teil etwas in Erwartbarkeit ohne dramatische Zuspitzung, schreibt Martina Jacobi in der Deutschen Bühne (26.4.2025). “Die Elemente von Projektion, Text und Choreografie wirken wie die Titel fragmentarisch und ergeben keinen großen Erzählbogen. Es ist eine unterhaltsame Reise in die Demontage einer entlarvten Wirklichkeit, durch deren Zweckentfremdung sich neue Perspektiven auftun.”

Kommentare  
2 x 241 Titel, Heidelberg: Kleines Lob
Was ich kurz loswerden möchte: der Titel dieser Kritik ist wirklich witzig.
Kommentar schreiben