Nora II – Jetzt erst recht!

30. Juni 2024. Die Autorinnen Sivan Ben Yishai und Gerhild Steinbuch und Ivna Žic haben Henrik Ibsens Klassiker ergänzt und aktualisiert. Regisseurin Jana Vetten zündelt mit ihrer Fassung am Puppenheim.

Von Sarah Kailuweit

"Nora. Ein Thriller" am Theater Heidelberg © Susanne Reichardt

30. Juni 2024. Es geht um das Haus. Das wird immer wieder betont an diesem Abend im Theater Heidelberg. Und tatsächlich ist es ein beeindruckendes Haus, das Bühnenbildnerin Camilla Hägebarth auf die Bühne des Marguerre-Saals gebaut hat. Die abstrakte Architektur dieses "Puppenheims" unterstreicht die Abhängigkeitsverhältnisse seiner Bewohner*innen eindrücklich. Aus diesem Haus wird sich Nora im Laufe des Abends befreien. Mehr noch: Sie reißt es ab, schlägt darauf ein und brennt es nieder.

Denk an die Kinder!

Auf dem Spielplan steht "Nora. Ein Thriller", also die im Auftrag der Münchner Kammerspiele ergänzte Fassung der drei Autorinnen Sivan Ben Yishai, Gerhild Steinbuch und Ivna Žic. Das von Felicitas Brucker uraufgeführte Gemeinschaftswerk erhielt 2023 eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. In Jana Vettens Inszenierung bleiben Ibsens drei Akte erhalten und gliedern den Abend. Das ist auch notwendig, denn obwohl die Bühne in skandinavischem Design elegant reduziert ist, strotzt die Aufführung vor Inhalt.

Die Weiterschreibungen von Yishai, Steinbuch und Žic fühlen sich meistens selbstverständlich an und eröffnen neue Perspektiven auf die bekannte Handlung: Hier sprechen plötzlich Figuren von ihrer Realität, die sonst eigentlich nur Statist*innen im Leben einer anderen sind. Besonders spannend ist der Umgang mit den Texten von Ivna Žic. Sie hat für Nora drei Texte aus der Perspektive ihrer erwachsenen Kinder verfasst, die die Trennung ihrer Eltern reflektieren. Vetten hat diese Passagen von drei jungen Schauspieler*innen aus einem der Spielclubs des Theater Heidelbergs einsprechen lassen. So entsteht eine Spannung zwischen den jungen Stimmen, ihren jahrelang gereiften Gedanken über die geteilte Vergangenheit und den erwachsenen Körpern der Spielenden.

Nun melden sich Noras Kinder zu Wort: Leon Maria Spiegelberg, Marie Dziomber, Thorsten Hierse © Susanne Reichardt

Den Kinderstimmen wird auch am Ende nochmal Raum gegeben. Hier ist die Kombination aus Steinbuchs Nora-Monolog, in dem sie phantasiert, das Haus inklusive Bewohner*innen abzubrennen, und der Absolution für die Mutter durch ihre erwachsenen Kinder in Žics Texte fast zynisch. Wirklich betörend ist dafür das Lichtdesign von Karsten Rischer in diesen Momenten, der es schafft im Zusammenspiel mit einem Lametta-Vorhang den Eindruck flackernder Flammen zu erwecken.

Große Spielfreude

Die Spannung wird auch von Live-Drummer Tommy Baldu hoch gehalten. Besonders mit Nora-Darstellerin Henriette Blumenau entwickelt er eine sehr konzentrierte, immer weitertreibende Sound-Atmosphäre. Die hätte die Schauspielerin aber gar nicht nötig. Blumenau ist seit September 2023 fest im Ensemble des Hauses und stellt sich mit Nora in einer der wichtigsten Frauenrollen des Theaterrepertoires vor. Und sie tut es mit einer Kraft und einer spürbaren Spielfreude, die über den kompletten Verlauf der Inszenierung die ganze Bühne ausfüllt.

Ein Hauch von Freiheit: Nicole Averkamp (Anne-Marie), Henriette Blumenau (Nora), Marie Dziomber (Kristine Linde) © Susanne Reichardt

Ebenso überzeugend ist Marie Dziomber, obwohl sie als Noras Jugendfreundin Kristine nicht ganz so viele Möglichkeiten hat zu strahlen. Auch die Männerrollen sind bestens besetzt. Friedrich Witte gibt als Noras Ehemann ein wunderbares Ekel ab. Thorsten Hierse besticht den Abend über in sehr unterschiedlichen Rollen, die alle bis zum Überlaufen gut ausgefüllt sind. Und Leon Maria Spiegelberg spielt mit einer packenden Körperlichkeit. Es ist sichtbar, dass Regisseurin Vetten mit den Spieler*innen ausführlich an den Figuren gearbeitet hat.

Gelungenes Zusammenspiel

Dass Frauen ihre Familien verlassen, wird gesellschaftlich noch immer stark verurteilt. Die Heidelberger Klassiker-Weiterschreibung ist sich sicher, dass das nicht so sein muss. Und, dass die Akzeptanz von Noras Entscheidung zu gehen, allen Beteiligten ein besseres Leben ermöglichen kann – auch ihren Kindern. Dazu kann man denken, was man will. Fest steht aber, dass das Heidelberger Nora-Nachspiel durch das Zusammenspiel von Text, Bühne und Schauspielleistung ein gelungenes ist.

 

Nora. Ein Thriller
von Sivan Ben Yishai, Henrik Ibsen, Gerhild Steinbuch und Ivna Žic
Regie: Jana Vetten, Bühne: Camilla Hägebarth, Kostüme: Eugenia leis, Musik: Cornelius Borgolte, Lichtdesign: Karsten Rischer, Dramaturgie: Maria Schneider, Theaterpädagogik: Mareike Schneider.
Mit: Friedrich Witte, Henriette Blumenau, Thorsten Hierse, Marie Dziomber, Leon Maria Spielberg, Nicole Averkamp, Tommy Baldu, Anton Amores Schmölz, Greta Reus und Magnus Ring.
Premiere am 29. Juni 2024.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

Kritikenrundschau

Von einer vielschichtigen, so flott unterhaltenden wie inspirierenden Inszenierung schreibt Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (1.7.2024). Die Schauspielerin Henriette Blumenau gestaltet aus Sicht des Kritikers die Titelrolle "grandios, kraftvoll und mit großer Bandbreite". Begleitet werde das facettenreiche Geschehen durch Live-Schlagzeug auf der Bühne von Tommy Baldu.

"Bis zur Pause der gut zweistündigen Aufführung ergeben Ibsen und die drei jungen Autorinnen, die mit ihren Texten drei neue Zimmer voller sehenswerter Effekte an das Puppenheim angebaut haben, einen unterhaltsamen Mix", schreibt Frank Barsch vom Mannheimer Morgen (24.7.2024). Die letzte dreiviertel Stunde gehöre dann dem Versuch, gleichzeitig Ibsens Stück, das Frauenbild und das Theater aus den Angeln zu heben. Der Kritiker schließt: "Auch wenn man der Figur überraschendere Facetten gewünscht hätte, wird von dieser Inszenierung durch Henriette Blumenau eine ziemlich grandiose Nora in Erinnerung bleiben."

Kommentare  
Nora, Heidelberg: Atemberaubende Schauspielerin
Spannender, Gedanken anregender Abend und bin immer noch ganz baff, was für eine atemberaubende, tolle Schauspielerin da auf der Bühne steht! Grandios !
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