Hase Hase - Theater Konstanz
Freudig alles in Stücke schlagen
23. November 2024. Zu elft als Familie in der Eineinhalb-Zimmer-Wohnung – mit Nachbarin und Außerirdischem: In diesem Setting hat Coline Serreau ihre Erfolgskomödie über das Zusammenleben in einem Unrechtsstaat verortet. Ronny Jakubaschk findet den richtigen Zugang zum abgründigen Aberwitz.
Von Julia Nehmiz
"Hase Hase" in der Regie von Ronny Jakubaschk am Theater Konstanz © Ilja Mess
23. November 2024. "Alles geht gut", singt die Familie wie im Delirium. Die Nachrichten, die der Ministerpräsident live und leibhaftig im Wohnzimmer-TV vorträgt, sind aber auch zu gut: Wir haben einen funktionierenden Nahverkehr und eine schöne Automobilindustrie. Die Linke und die Rechte sind wieder versöhnt. Die Züge sind pünktlich, die Demokratie funktioniert. Alles ist gut?
Natürlich ist in Coline Serreaus Komödie "Hase Hase" gar nichts gut. Aber das will niemand wahrhaben. Familie Hase macht es sich schön. Die böse, kaputte Welt bleibt draußen, abgeschirmt hinter den schweren Vorhängen, die alles dämpfen und die Familie umhüllen wie in ein dunkelblauer Kokon.
Auf die absurde Spitze getrieben
Coline Serreau treibt in ihrer 1986 uraufgeführten Erfolgskomödie die vermeintliche bürgerliche Kleinidylle auf die Spitze. Die Welt geht kaputt, die Familie bleibt. Obwohl auch die dysfunktional ist, und trotzdem irgendwie funktioniert, auf rührende Art und Weise. Mutter Hase hält die Fäden dieser Familie straff zusammen. Das Einkommen des Vaters reicht mühsam zum Überleben, der ältere Sohn Albert studiert Medizin und soll Arzt werden, der jüngste Sohn Hase geht aufs Gymnasium, die anderen Geschwister sind aus dem Haus, verheiratet, verlobt, in Brüssel. Man hat wenig, träumt vom kleinen Aufstieg, vom kleinen Glück, davon, sich in der Bäckerei eine warme Apfeltasche zu kaufen.
Doch dann steht plötzlich Sohn Jeannot vor der Tür, mit Taschen voller gefälschter Papiere und Sprengstoff. Die Familienidylle beginnt zu bröckeln. Wenn dann noch die beiden Töchter (Scheidung die eine, Nein vorm Altar die andere) zurück zu Mama ziehen, der geschasste Verlobte hinterher und die einsame Nachbarin obendrein, dann wird es eng in der Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, und immer abstruser. Retten kann diese Familie und die Welt nur noch ein Außerirdischer. Wie praktisch, dass das der Sohn Hase ist.
Unseren alltäglichen Kitsch gib’ uns heute
Das klingt irre? Ist es auch. Vor allem, wenn man das wie am Theater Konstanz in eine temporeiche, absurde Groteske packt. Regisseur Ronny Jakubaschk, der zum ersten Mal in Konstanz inszeniert, knallt eine lustvolle Farce auf die Bühne. Mit Musical-Einlage, Comic-Nuancen und genauer Figurenzeichnung. Und er verliert dabei nie die Tiefe, die es braucht, damit das Stück lebt und nicht nur lustig oder überkorrekt dahinplätschert.
Familien-Traumteam: Jana Alexia Rödiger, Patrick O. Beck, Ulrich Hoppe, Mark Harvey Mühlemann © Ilja Mess
Großen Anteil daran haben auch die Schauspielerinnen und Schauspieler. Allen voran Ulrich Hoppe als alter, altkluger Bub Hase. Linkisch, schräg, wissend steht er immer irgendwie daneben, liest "Per Anhalter durch die Galaxis" und gehört eben doch mitten in diese Familie hinein. Dass die nicht in Sozialkitsch abdriftet, liegt auch an Jana Alexia Rödiger als resolute, feinfühlige Mama Hase. Und an Jakubaschks Inszenierung, die zwar die Familie feiert, aber mit kritischer Distanz. Hier haben alle einen Knall, halten irgendwie zusammen, von Mama Hase straff geführt, aber – vielleicht ist Familie, und sei sie noch so dysfunktional, in finsteren Zeiten der einzige Ort, an dem man sich aufeinander verlassen kann. Ja, das ist Kitsch pur, aber das ist eben auch unser aller Kitsch, den wir leben, den wir fühlen, den wir uns selber erschaffen. In Konstanz nehmen Serreau, Jakubaschk und das Ensemble das knallig, liebevoll, trocken auf die Schippe.
Irre, ein Ei als Mond
Stimmig auch die Ausstattung, die Annegret Riediger auf diese viel zu kleine Stadttheaterbühne gebaut hat. Grau-weiß-gestreifte Matratzen wie in einer Jugendherberge sind Sofa und Schlafstätten, auf den großen Billigtaschen, die Mama Hase vom Einkaufen hereinschleppt, kann man sitzen. Heimelige, armselige Welt hinter dunklen Vorhängen. Über allem hängt ein übergroßes Ei wie ein Mond, mal blutrot, mal hell angestrahlt. Es ist das Raumschiff, mit dem Hase Hase entschwinden wird, und wie der Mann im Mond doch wieder auf die Erde zurückkehrt, um seine Familie zu retten.
Großes Aufgebot zur Rettung der Welt: vorne Ulrich Hoppe, Jana Alexia Rödiger, Mark Harvey Mühlemann, Patrick O. Beck, hinten Sylvana Schneider, Fynn Engelkes, Rose Lohmann, Jonas Pätzold © Ilja Mess
Immer wieder epische Momente zwischen schriller Farce. Der Vater wird arbeitslos, Hase fliegt vom Gymnasium, die Söhne sind Terroristen, gegen die «Neue Ordnung» als faschistischer Staat, den man mit einer inszenierten Entführung zu übertölpeln sucht. Die Dramaturgie tobt sich im Programmheft mit Texten zu Demokratie, Grundgesetz und Gemeinschaft aus. Jakubaschk setzt das auf der Bühne viel feiner um. Was wichtig ist, klingt zwischen all dem großen Spass an. Mit seiner Inszenierung gelingt ihm der Spagat zwischen Sozialkitsch, Herzenswärme, Unrechtsstaat, Komödie. Fehlt ihm im ersten Teil noch ein bisschen der stringente Zugriff – man muss halt auch die vielen Figuren und ihre kleinen Dramödien alle einführen –, zieht er im zweiten Teil Tempo und Irrwitz an.
Die Erde und die Menschen, dieser kosmische Abfall – sie haben zwar die Musik erfunden, wie Hase Hase den "Äther" zur Rettung der Welt zu überzeugen sucht, doch selbst die toughsten Mütter können leider nicht die Welt retten. Dazu braucht es kosmische Kräfte. Und wer nach der Vorstellung genau hinschaut, erkennt, während der Schnee sachte fällt, im Mond vielleicht ein Ei.
Hase Hase
Von Coline Serreau
Aus dem Französischen von Marie Besson Franco
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Musik: Jörg Kunze, Licht: Thomas Eggers, Dramaturgie: Sabrina Toyen.
Mit: Ulrich Hoppe, Jana Alexia Rödiger, Patrick O. Beck, Mark Harvey Mühlemann, Fynn Engelkes, Sylvana Schneider, Rose Lohmann, Jonas Pätzold, Odo Jergitsch.
Premiere am 22. November 2024
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, eine Pause
www.theaterkonstanz.de
Kritikenrundschau
Von einem Aben "voller Witz und Wärme" schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier Konstanz (23.11.2024). Bisher friste das Stück "eher ein Schattendasein als Schenkelklopferstückchen für Boulevardtheater und Schulveranstaltungen. Das Theater Konstanz bringt es jetzt auf die große Bühne, und - Liegt es wirklich am Stück? Oder an der überragenden Hauptdarstellerin dieses Abends? - jedenfalls scheint es so, als hätte es schon immer dort hingehört: genau in diese von nachtblauen Vorhängen so lauschig eingehüllte Wohnstube, mehr Familienhöhle denn Familienhölle." Unter der Regie von Ronny Jakubaschk rücke statt des Kindes Hase die Mutter ins Zentrum allen Geschehens. Der Abend handele von der "Familie als Keim der Hoffnung." "Zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht." Aber nach diesem Abend möchte sich der Kritiker diesen Glauben nicht mehr nehmen lassen.
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