Die Erweiterung - Nationaltheater Mannheim
Albanien schippert nach Brüssel
24. Mai 2025. In seinem Schlüsselroman "Die Erweiterung" schickt Robert Menasse hohe EU-Beamte auf Kreuzfahrt durch die Adria. Sie prüfen neue EU-Mitglieder vom Balkan. Regisseurin Anna-Elisabeth Frick holt die entpolitisiert menschelnde Parabel in Mannheim zurück in den Diskurs.
Von Falk Schreiber
Anna-Elisabeth Frick zeigt Robert Menasses EU-Roman "Die Erweiterung" in Mannheim © Christian Kleiner
24. Mai 2025. Ist die Einheit Europas dem Untergang geweiht? In Federico Fellinis oft nachinszeniertem Film "Das Schiff der Träume" auf jeden Fall: Ein Luxusdampfer schippert da Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Adria, und als dann der Erste Weltkrieg Schockwellen aussendet, weiß die an Bord befindliche Décadence-Gesellschaft sich nicht gegen diesen Einbruch der politischen Realität in ihre kulturelle Verzärtelung zu wehren.
Make Albania Great Again
Ein ähnliches Schiff kreuzt auch in Robert Menasses 2023 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnetem Roman "Die Erweiterung" durch dieselben Gewässer, und es kommt nicht von Ungefähr, dass Anna-Elisabeth Frick ein paar Motive aus "Schiff der Träume" in ihre Uraufführung von Menasses Roman ins Alte Kino Franklin, die Interimsspielstätte des Nationaltheaters Mannheim, geschmuggelt hat.
Die albanische Regierung lässt in "Die Erweiterung" ein Kreuzfahrtschiff namens "SS Skanderbeg" konstruieren, und auf der Jungfernfahrt sollen Entscheidungsträger der Europäischen Union davon überzeugt werden, den kleinen Balkanstaat endlich aufzunehmen. Skanderbeg (1405–1468) ist der Nationalheld Albaniens, und der Name des Schiffs soll darauf hinweisen, dass die Alternative zur EU eine nationalromantische Aufwallung wäre. Aber zunehmender Nationalismus auf dem Balkan dürfte nicht im Interesse Brüssels sein, so das Kalkül des albanischen Ministerpräsidenten "ZK". "Der Kongress tanzt", heißt es hier einmal, und natürlich geht so etwas auch nicht gut aus.
Turbulente Seefahrt: Maria Munkert, Rocco Brück, Matthias Breitenbach und Paul Simon auf der Bühne von Martha-Marie Pinsker © Christian Kleiner
Menasse hat mit "Die Erweiterung" einen formal etwas aus der Zeit gefallenen Roman geschrieben: einen Schlüsseltext, in dem etwa "ZK" kaum verklausuliert dem aktuellen Regierungschef Albaniens, Edi Rama, nachempfunden ist. Politik ist hier etwas, das von Individuen mit durchaus menschlichen Schwächen praktiziert wird, Individuen, die sich verlieben dürfen oder die von lange zurückliegenden Verletzungen getrieben sind.
Das ist nicht zuletzt wegen der satirischen Qualität dieser Prosa unterhaltsam zu lesen, aber es verkennt eben auch die Relevanz von Klasseninteressen und Ideologie, die Politik mindestens ebenso stark prägen (und die in einer literarischen Linie von Brecht bis Heiner Müller ins Zentrum gestellt werden).
Bei Menasse hingegen agieren Figuren wie der mittlere EU-Beamte Adam, der einer zerbrochenen Freundschaft aus dem Widerstand im kommunistischen Polen hinterhertrauert. Oder der albanische Präsidentenberater Fate Vasa. Oder der österreichische Gesandte Karl Auer. Alle mit nachvollziehbaren Motiven, aber vielleicht verschleiert diese Nachvollziehbarkeit das Wesen von Politik auch ein Stück weit.
Dekonstruktion bis zur Kenntlichkeit
Gut dass eine Regisseurin wie Anna-Elisabeth Frick für die Uraufführung dieser Vorlage verantwortlich zeichnet. Denn Frick interessiert sich überhaupt nicht dafür, einen literarischen Text eins zu eins auf die Bühne zu bringen, stattdessen dekonstruiert sie die Vorlage bis zur Kenntlichkeit. Was nicht heißt, dass sie Menasses elegant dahinschnurrende Satire ignorieren würde – die Storyline wird abgehandelt, charmant am Bühnenrand von Matthias Breitenbach, und weil der so ein sympathischer, ironisch-distanzierter Erzähler ist, wirkt das nicht pflichtschuldig, sondern sehr wohl stimmig.
Breitenbach plaudert also, und dabei plaudert er die Darsteller*innen in beiläufig angerissene Figuren hinein. Sandro Šutalo etwa zieht sich eine "Make Albania Great Again"-Baseballkappe auf, und schon wird er zum albanischen Ministerpräsidenten, Maria Munkert verschwindet unter einer riesigen Perücke und verwandelt sich in die Frau des Beamten Adam (Maria Helena Bretschneider). Dabei sind diese minimalen Kostümverschiebungen extrem durchdacht: Rocco Louis Brück etwa trägt als Piotr Szczęsny Alltagsklamotten, bei denen erst nicht auffällt, dass der Pullover leicht angesengt ist. Und hier zeigt sich die Raffinesse von Sophie Lichtenbergs Kostümen – tatsächlich ist Szczęsny nämlich eine reale Figur, ein Widerstandskämpfer, der sich 2017 aus Protest gegen die rechtskonservative PiS-Regierung in Warschau selbst verbrannte.
Gut manövriert
Was im Spiel und in den Kostümen gut funktioniert, gerät freilich bei der Bühne an seine Grenzen. Martha-Marie Pinsker hat einen abstrakten Raum von comichafter Künstlichkeit gebaut, die ständigen Ort- und Zeitwechsel müssen per Videotitel dargestellt werden. "Warschau 2017", "Brüssel 2019", "Durrës 2025", das wirkt ein bisschen pflichtschuldig und nimmt dem ansonsten hellsichtigen Konzept des Abends ein wenig von seiner Schärfe.
Dennoch geht Fricks Idee, Menasses Prosa ernstzunehmen und gleichzeitig mittels Dekonstruktion ins Leere laufen zu lassen, auf – wo die Vorlage entpolitisiert menschelt, holt sie über durchaus unterhaltsames Theater die politische Analyse wieder zurück in den Diskurs. Fragt sich nur, ob sie sich mit "Die Erweiterung" womöglich ein allzu leichtes Ziel für dieses Vorhaben ausgesucht hat.
Die Erweiterung
nach dem Roman von Robert Menasse
Fassung von Anna-Elisabeth Frick und Annabelle Leschke
Regie: Anna-Elisabeth Frick, Bühne: Martha-Marie Pinsker, Kostüm: Sophie Lichtenberg, Licht: Daniel Scheunemann, Musik: Hannes Strobl, Choreografie: Ted Stoffer, Dramaturgie: Annabelle Leschke.
Mit: Maria Helena Bretschneider, Paul Simon, Rocco Louis Brück, Maria Munkert, Sandro Šutalo, Matthias Breitenbach.
Uraufführung am 23. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
Kritikenrundschau
Eine "furiose Premiere" sah Björn Hayer für die taz (26.5.2025) in Mannheim. Menasses Roman sei "hochkomplex" und "so spielerisch wie grotesk erzählt", dass "sich eine Bühnenadaption mit umso mehr Herausforderungen konfrontiert" sähe. Die Umsetzung sei "etwas ins Stolpern geraten, weil man sich zu sehr am Plot von Menasse abarbeitet. Viele Rollenwechsel auf der Bühne zeichnen zwar das dichte Personaltableau der Vorlage nach, sorgen aber für Desorientierung im Publikum". Zugleich "scheint diese diffuse Form stimmig für ein Panorama der oft gespaltenen EU".
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